27.10.2026: Seit der letzten Zählung 2021 ist der Bestand des Haussperlings laut der Berliner Ornithologischen Gesellschaft um rund 70 Prozent eingebrochen – von etwa 190.000 Brutpaaren bleiben knapp 60.000. In der öffentlichen Diskussion wird dieser Rückgang überwiegend als rätselhaft dargestellt und mit einer möglichen Seuche erklärt, namentlich der Vogelmalaria. Diese Deutung greift zu kurz und verschiebt die Verantwortung auf einen Erreger. Für ein ungewöhnliches oder akutes Infektionsgeschehen in der Berliner Vogelpopulation gibt es bisher keine Belege. Eine Seuche verspricht Erholung von allein - Dass die Erklärung eine vorübergehende Krankheit sein soll, ist deshalb selbst ein Teil des Problems und nicht im Interesse der Spatzen. „Ich finde es zu einfach, ausschließlich eine Seuche in die Verantwortung zu ziehen und die ausschlaggebende Verantwortung der Menschen hinsichtlich Vernichtung von Niststätten, Lebensraum und Nahrung kleinzureden“ sagt Andrea Schulz, ehrenamtliche Leiterin der NABU Kleingruppe Gebäudebrüter in Steglitz-Zehlendorf. Sie hat die Meldeplattform für Gebäudebrüter beim NABU Berlin aufgebaut und dokumentiert seit Jahren den Verlust von Niststätten.
Der langfristige Rückgang des Haussperlings geht auf vom Menschen verursachte Eingriffe in seine Lebensräume zurück: auf stadtweite Umbaumaßnahmen und Sanierungen bei gleichzeitiger Vernachlässigung des Artenschutzes durch Behörden und Bauherren. Der stetige und vor allem nicht ersetzte Verlust an Brutplätzen, Schutzgehölzen und Nahrungshabitaten ist in Berlin seit über zehn Jahren dokumentiert und begann lange vor 2021. Verstärkt wurde der Druck in den letzten Jahren durch die großflächige Auslegung von Rattengift. Die Ursachen sind struktureller Natur und müssen dringend angegangen werden. „Seit Jahren dokumentiere ich die Missstände im Artenschutz im Zuge von Baumaßnahmen und schlage Lösungen vor. Der Rückgang vollzieht sich keinesfalls erst seit 2021. Das Fehlen der Spatzen wird im Naturschutz oft übersehen, sie gelten als allgegenwärtig. Ihr Verschwinden wird erst problematisiert, wenn die Verluste schon weit fortgeschritten sind. Von einem plötzlichen Spatzensterben kann also keine Rede sein“ sagt Tierschutzpreisträgerin und ehrenamtliche Expertin für Gebäudebewohnende Arten Caroline Seige.
Der Haussperling ist ortstreu, koloniegebunden und kurzlebig. Wegen seiner kurzen Lebensdauer und hohen Jungensterblichkeit ist die Art zum Überleben auf ein lückenloses Brüten in stabilen Kolonien angewiesen. Bei verstärkten baulichen Eingriffen werden durch den Verlust von Lebensräumen die Kolonien zerstückelt und schrumpfen. Es kommt zur Verinselung der Populationen. Genau das hat die Fachliteratur für den Haussperling beschrieben und anhand des Rückgangs nachgewiesen: Ein Unterschreiten des Schwellenwerts für das Gemeinschaftsbrüten, zu große Distanzen zu benachbarten Brutplätzen und das Erlöschen isolierter Vorkommen.
Auch Rattengift stellt eine zusätzliche Gefahr dar. Viele Wildtiere in Berlin sind mit Rattengift belastet. Einige, wie Greifvögel und Eulen nehmen das Gift über ihre Beutetiere auf, es kommt immer wieder zu Sekundärvergiftungen. Spatzen dagegen können sich direkt am Köder vergiften. Durch ihre Größe und Lebensweise sind die Körnerfresser besonders gefährdet. „Ihren Lebensraum haben Spatzen typischerweise genau dort, wo auch Ratten bekämpft werden – in Büschen an öffentlichen Plätzen oder rund um begrünte Müllanlagen. Körnergefüllten Rattengiftboxen sind für Spatzengruppen wie Futterhäuser“ erklärt Dr. Sophie Lokatis, Initiatorin des Projekts „Rattengiftfreier Campus“ an der Freien Universität und Kuratorin für Stadtökologie am Berlin Museum.
Besonders gefährlich sind sogenannte Schüttköder. Die Tüten in der Falle werden von Ratten aufgebissen und sind dann auch für Spatzen erreichbar. Die NaturFreunde Berlin haben jahrelang Fälle dokumentiert, in denen ganze Spatzenkolonien nach Einsetzen einer Rattengiftbekämpfung verschwunden sind, ohne dass es sonstige Veränderungen am Lebensraum gab.
Auch wenn eine Vogelseuche möglicherweise das Verschwinden von Haussperlingskolonien beschleunigen kann: Die Erklärung greift zu kurz. Das Netzwerk an Sperlingspopulationen ist berlinweit bereits durch fortgesetzte Habitatverluste, Verluste von Brutplätzen und Vergiftungen ganzer Kolonien durch Rattengift über einen kritischen Schwellenwert gebracht worden. „Der Berlinweite Verlust ganzer Kolonien ist ein systemisches und lösbares Problem – keine Folge unerklärlichen Krankheiten“ meint auch Angela Laich, die sich in der AG Artenschutz der NaturFreunde Berlin für einen wirksamen Schutz der Spatzen einsetzt. Auch Uwe Hiksch, stellv. Vorsitzender der NaturFreunde Berlin sagt: „Wir müssen diese Verluste aufarbeiten und jetzt Verantwortung übernehmen, damit der Spatz als typischer Berliner Stadtvogel konsequent geschützt und gefördert wird.“