Gazette Verbrauchermagazin

Tempo 50 auf Hauptstraßen des Bezirks

Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Steglitz-Zehlendorf diskutiert

Erschienen in Gazette Steglitz und Zehlendorf Februar 2026

Der Senat von Berlin hat im Sommer 2025 nach kontroversen Debatten auf 23 Hauptstraßen der Stadt die bisher geltenden Tempo-30-Abschnitte aufgehoben und wieder Tempo 50 angeordnet. Hierzu gehört auch ein Abschnitt in der Albrechtstraße in Steglitz. Gleichzeitig ordnete der Senat auf zahlreichen Hauptverkehrsstraßen Berlins nachts aus Lärmschutzgründen Tempo 30 zwischen 22.00 bis 6.00 Uhr an. Die Fraktionen und Gruppen in der Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf erläutern im Folgenden ihre Sicht zu diesem Thema.

René Rögner-Francke, Bezirksverordnetenvorsteher

CDU-Fraktion

Auf den Hauptverkehrsstraßen soll unserer Meinung nach Tempo 50 gelten, von Gefahrenstellen abgesehen. Den „Grünen“, die insgeheim wohl die gesamte Stadt zur Tempo-30-Zone machen wollen, wenn sie das Auto schon nicht verbieten können, kann alles zur Gefahrenstelle werden. Es wird gegen Verkehrszählungen der Verwaltung agitiert, jede Hauptverkehrsstraße kann Schulweg sein, bewährte Verkehrsachsen werden Fahrradstraßen und am Botanischen Garten verengt eine Fahrradspur den Verkehr und erzeugt Rückstau bis auf die Autobahn zur Feuerbachbrücke. Von den Pollerungen der Innenstadtbezirke sind wir zwar noch etwas entfernt, aber unter einer „grünen“ Bezirksbürgermeisterin mit einem „grünen“ Verkehrsstadtrat ist auch dies kurzfristig zu erwarten. Es geht diesen Leuten nicht um maßvolle Verkehrspolitik, sondern um das Unattraktivmachen des Autos durch Verbote. Die „Grünen“ sind eben doch nur eine linke Verbotspartei und unterstellen jede Maßnahme ihrer Heilsideologie. Wir dagegen machen Angebote und sprechen keine Verbote aus: wir erziehen den Bürger nicht wie ein Kind, sondern betrachten ihn als freien erwachsenen Menschen.

Torsten Hippe

B‘90/Grünen-Fraktion

Wie schnell Autos in einer Stadt fahren – vor allem auf Hauptverkehrsstraßen – sollte auf einer einfachen Grundlage entschieden werden: Wie gut fließt der Verkehr? Wie laut? Wie sicher ist er? Und: Wie schwer sind die Unfälle? Aktuelle Studien (zuletzt die Studie der Björn-Steiger-Stiftung vom Dezember 2025) geben eine eindeutige Antwort: Die Lärmbelastung sinkt, die Luftqualität erhöht sich – und die Fahrzeit verlängert sich kaum. Und, vor allem: Die Sicherheit wird deutlich erhöht, die Zahl der Unfälle sinkt, ebenso die Zahl der Verletzten und Toten. Da wir bei Tempolimits aber vor allem über Autos sprechen, wird diese Frage für die CDU zu einer Frage der Ideologie. Die Furcht, dass Autofahrende in ihrer Selbstentfaltung beschränkt werden könnten, lässt sie zu Maßnahmen greifen, die am Ende gerade den Autofahrenden schaden. Sie widmen auch Straßen, die als Schulwege besonders geschützt sein müssten, wieder zu Tempo-50-Straßen – wie es aufgrund mutwillig gefälschter Schülerzahlen derzeit mit der Albrechtstraße in Steglitz passiert. Es ist Zeit, dass hier die Vernunft siegt – und die Auto-Ideologie der 1980er nicht das letzte Wort hat.

Dr. Kostas Kosmas

SPD-Fraktion

Mit der Entscheidung der Aufhebung des Tempolimits 30 auf Hauptstraßen wurde nicht ausreichend auf die Verkehrssicherheit von Fußgänger*innen und Radfahrer*innen geachtet. Ein Beispiel, welches dies besonders deutlich hervorhebt, ist die Debatte um Tempo 30 in der Albrechtstraße bei uns in Steglitz-Zehlendorf - wo nach Ansicht der Senatsverwaltung das Tempolimit nicht notwendig sei; auch wenn es sich hier aus unserer Sicht um einen stark frequentierten Schulweg handelt. Seit der Reform der StVO ist es nun wesentlich einfacher geworden Tempo 30 an Hauptstraßen anzuordnen - wie z.B. an hochfrequentierten Schulwegen. Dies muss aber auch umgesetzt werden. Es ist nicht verständlich, dass an einer Straße, die als Schulweg für mehrere Schulen genutzt wird, eine Anordnung auf dieser Grundlage nicht erfolgt. Für uns als SPD muss bei allen Maßnahmen vor allem die Verkehrssicherheit von allen Beteiligten im Vordergrund stehen. Dies wird aus unserer Sicht z.B. durch Tempo 30 in der Albrechtstraße berücksichtigt; weswegen dies für uns an dieser Stelle nur in Betracht kommt.

Olemia Flores Ramirez

FDP-Fraktion

Steglitz-Zehlendorf ist ein großer Flächenbezirk. Wege sind hier lang, der ÖPNV hat – anders als im S-Bahn-Ring – tagsüber wie nachts spürbare Lücken, besonders bei Bussen. Für uns Freie Demokraten (FDP) ist der motorisierte Individualverkehr deshalb unverzichtbar. Er sichert Mobilität, Teilhabe und Erreichbarkeit im Alltag. Zweispurige Hauptstraßen sind notwendig, um den Verkehrsfluss zu gewährleisten. Auf ihnen muss Tempo 50 möglich sein. Wer verkehrsberuhigte Kieze will, braucht leistungsfähige Hauptachsen. Dort, wo Busse fahren, sollte Tempo 30 die Ausnahme bleiben. Wo Ampeln ein sicheres Queren ermöglichen, kann und soll auch 50 km/h gelten. Gleichzeitig gilt: Schutz für besonders vulnerable Gruppen. Vor Schulen – insbesondere Grundschulen – sollte, wo keine Ampeln vorhanden sind, Tempo 30 gelten. Hier bewegen sich Kinder erstmals selbstständig im Verkehr. Ähnliches gilt vor Senioreneinrichtungen.

Eine pauschale Einführung von Tempo 30 im gesamten Bezirk lehnen wir ab. Wir stehen für eine ausgewogene Verkehrspolitik: sicher, differenziert und realistisch – für alle, die in Steglitz-Zehlendorf leben und unterwegs sind.

Gregor Habbel

AfD 

Zu schnelles Fahren gilt oft als Hauptunfallursache. Entscheidend ist jedoch nicht das Tempolimit, sondern eine den Umständen angepasste Geschwindigkeit. Bei Regen, schlechter Sicht oder unübersichtlicher Verkehrslage sind Vorsicht, Umsicht und defensive Fahrweise unabhängig vom Limit geboten. Für Umwelt- und Lärmschutz ist ein gleichmäßiger Verkehrsfluss wirksamer als stockender Verkehr. Auf bezirklichen Hauptstraßen spricht daher vieles für Tempo 50, da häufiges Bremsen und Anfahren bei niedrigen Geschwindigkeiten den Energieverbrauch und die Emissionen erhöht. Für Linksgrün ist die Debatte ein weiterer Winkelzug im Kampf gegen das Auto ihrer ideologischen „Verkehrswende“, die weit über den allgemein gesellschaftlichen Nutzen hinaus geht. Ihren Radfahrenden mit „moralischer Vorfahrt“ und „pädagogischen Fahrstil“ sagen wir Stopp! Für alle gilt: § 1 der Straßenverkehrsordnung: Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht. Besonders unser Bezirk zeichnet sich durch Umsicht, Hilfsbereitschaft, Respekt und eine bürgerliche Gelassenheit aus. Pflegen wir diese - auch im Straßenverkehr.

Peer Lars Döhnert

Die Linke 

Wir setzen uns für Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in Berlin ein. Ausnahmsweise und bei guter Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer*innen kann innerorts auch Tempo 50 gelten. Mit uns fordern dies beispielsweise 1100 Städte, Gemeinden und Landkreise, in denen 50 Prozent der deutschen Bevölkerung lebt. Leider hängen Deutschland und Berlin vor allem wegen CDU und SPD einer positiven Entwicklung hinterher: Tempo 30 gilt mittlerweile und aus sehr guten Gründen in vielen europäischen Großstädten - z.B. in Barcelona, Helsinki, London, Paris und Rom. Die Verwaltungen dort handeln klug. Denn Tempo 30 erhöht die Verkehrssicherheit und könnte jährlich zahlreiche Verkehrstote verhindern. Es senkt die Lärm- und Schadstoffbelastung und hebt messbar die Lebensqualität (Hauptstraßen erhalten Aufenthaltsqualität zurück, Fenster können wieder lange geöffnet oder Balkone genutzt werden). Tempo 30 führt zu weniger Autoverkehr, da sich mehr Menschen z.B. auf dem Rad sicherer fühlen. Das stärkt u.a. den stationären Einzelhandel. Bei kluger Verkehrsführung ist Tempo 30 innerorts nachweislich genauso schnell wie Tempo 50. Alle gewinnen, keiner verliert.

Dennis Egginger-Gonzalez

Titelbild

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