Vor 100 Jahre begann der Bau der „Papageiensiedlung“
Vom Dächerkrieg bis zum Kandidaten für das UNESCO-Welterbe

Erschienen in Gazette Zehlendorf Februar 2026
Wer im Berliner Südwesten an der U-Bahn-Station „Onkel Toms Hütte“ aussteigt, erkennt schnell, warum die Wohnhäuser im Volksmund die Bezeichnung „Papageiensiedlung“ tragen. Zwischen hohen Kiefern sind bunte Fassaden in Gelb, Rot und Blau zu sehen. Die Waldsiedlung Zehlendorf ist nicht zu verwechseln mit der 1937 gebauten Waldsiedlung Krumme Lanke. Die zwischen 1926 und 1932 erbaute Siedlung ist eines der bedeutendsten Zeugnisse der Berliner Moderne. Untrennbar verbunden ist sie mit dem Namen ihres Chefarchitekten: Bruno Taut. Ein weiterer Beiname ist „Onkel-Tom-Siedlung“, bedingt durch den U-Bahnhof Onkel Toms Hütte und die Onkel-Tom-Straße.

Weg vom Grau der Mietskasernen
In der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre stand Berlin unter enormem Druck. Wohnraum war knapp, und die dunklen, unhygienischen Hinterhöfe der Kaiserzeit galten als nicht mehr tragbar. Die gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft GEHAG beauftragte Bruno Taut, zusammen mit seinen Kollegen Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg, neuen, bezahlbaren Wohnraum am Stadtrand zu schaffen. Die GEHAG – Gemeinnützige Heimstätten Spar- und Bau Aktiengesellschaft – baute Wohnungen für Angestellte, Beamte und Arbeiter.

Der „Dächerkrieg“
Was nach Ansicht der Zehlendorfer gar nicht passte, waren die Flachdächer. Die konservativen Zehlendorfer Bürger, die sich eher für den traditionellen Villenbau begeistern konnten, waren keine Freunde der neuen Siedlung. So kam es zum „Zehlendorfer Dächerkrieg“. Am nahen Fischtal wurde nur wenige Jahre später ebenfalls gebaut – eine Siedlung im traditionellen Stil mit Spitzdächern entstand. Während die Flachdächer als „nicht in diese Kultur“ gehörend bezeichnet wurden, war die Siedlung „Am Fischtal“ Gegenstand der Ausstellung „Bauen und Wohnen“. Die Gegensätze stehen bis heute dicht beieinander, eine Stele an der Wilskistraße informiert über die damalige Diskussion.
Kiefern und Wohnhäuser
Die Siedlung umfasst rund 1.100 Wohneinheiten. Das Besondere an der Planung war der respektvolle Umgang mit dem Bestand. Statt den Wald komplett zu roden, wurden die Häuserzeilen geschickt in den Baumbestand integriert. Die Architektur fügt sich in die natürlichen Gegebenheiten ein. Die Farbgebung der Fassaden korrespondiert dabei mit den Jahreszeiten und dem Lichtspiel der Kiefern. Die Türen und Fensterrahmen setzen bunte Akzente. Kritiker der damaligen Zeit, die eher konservative Bauweisen bevorzugten, spotteten über die „Papageiensiedlung“. Doch für die Bewohner bedeuteten die hellen Räume, die modernen Grundrisse und die eigenen Gärten eine Verbesserung der Wohnsituation.
Nachnominierung zum Welterbe
Heute sind die spöttischen Stimmen längst verstummt. Die Waldsiedlung Zehlendorf gilt als herausragendes Beispiel der Berliner Großsiedlungen der 1920er-Jahre. Seit 2008 gehören sechs Siedlungen der Moderne zum UNESCO-Welterbe. Die Waldsiedlung Zehlendorf wurde 2023 als siebte Siedlung nachnominiert und steht auf der Vorschlagsliste.











