Friedenau
Geigenbau mit Seele
Tanja Hiddes Fachwerkstatt für feine Streichinstrumente

09.01.2026: Ein Himmel voller Geigen – Sinnbild für das vollkommene Glück. Bei Tanja Hidde hängt in ihrer Friedenauer Fachwerkstatt eine Reihe glückverheißender Geigen unter der Decke. Die feinen Streichinstrumente warten darauf, zu neuem Glanz und in spielfreudige Hände zu gelangen. Seit 2014 ist der kleine Laden in der Wilhelm-Hauff-Straße 14 Anlaufstelle für viele, die perfekte Reparatur, Restauration, Klangoptimierung, Kaufberatung und Fachkenntnis rund um die Instrumenten-Vertreter eines Streichquartetts – Violine, Bratsche und Cello – schätzen. Tanja Hidde – selbst begeisterte Geigenspielerin – betreibt ihre Werkstatt nun seit 1 ½ Jahren alleine, – ihr „Baby“, wie sie das Geschäft liebevoll bezeichnet. Die Jahre davor war sie gemeinsam mit einer Kollegin für die Kunden da. Anfänger, Wiedereinsteiger und Profis aus Berlin und Brandenburg geben sich hier die Klinke in die Hand. Neben den Wartungs- und Pflegearbeiten und dem Verkauf gehören auch Miet-Streichinstrumente wie Geigen in allen Größen für Kinder und Erwachsene zum Angebot.

Einmal England und zurück
Während ihres Studiums der Musikwisssenschaften an der Humboldt-Universität Berlin entdeckte die in Steglitz aufgewachsene Tanja Hidde ihre Liebe zum Geigenbau. Eigentlich wollte sie in Frankreich diese Handwerkskunst erlernen, doch das passende Angebot dazu fand sich schließlich in England: An der liberal und international ausgerichteten renommierten Newark School of Violin Making lernte sie ab 1995 an der Seite von Amerikanern, Kanadiern und Australiern Geigenbau. Die nötige Fingerfertigkeit brachte sie bereits von früheren Bastel-und Laubsägearbeiten mit. „Doch näher mit der Materie Holz in Kontakt kam ich erst durch verschiedene Praktika in Kunsttischlerei und Geigenbau-Werkstatt“, erzählt Tanja, die heute besonders darauf achtet, dass Spieler und Geige optimal aufeinander abgestimmt sind. Gute Spielbarkeit und die ungestörte Interaktion zwischen Spieler und Instrument stehen für sie im Mittelpunkt ihrer Arbeit. – Ihr Spezialgebiet, wie sie selbst betont: „Mir ist es wichtig, dass das Instrument optimal an den Körper angepasst ist.“ Denn über die Jahre verändere sich der Körper des Geigespielenden, Verspannungen in Schulter-und Nackenbereich können ein Zeichen dafür sein. Das geliebte Instrument ergometrisch beispielsweise über Schulterstütze und Kinnhalter behutsam anzupassen, dabei aber auch die Körperhaltung beim Musizierenden im Auge zu behalten, darin sieht Tanja Hidde ihre Berufung. „Man muss sich beim Spielen nicht quälen, man kann dagegen viel tun“, weiß die Fachfrau.

Erfahrungen sammelte sie weltweit in namhaften Werkstätten wie bei Steffen Werth in Berlin, Xavier Vidal in Barcelona und Hans Weisshaar in Los Angeles sowie bei Arbeitsaufenthalten in Montpellier, Lissabon und Potsdam. Doch bis heute bildet sich Tanja Hidde weiter, das Gebiet der Restaurierung ist ein weites Feld und bietet immer wieder neue Techniken, die es für sie zu erlernen gilt. Auf verschiedenen Plattformen steht sie im Austausch mit anderen Geigenbau-Spezialisten. Besonders engagiert – nicht zuletzt wegen des respektvollen Umgangstones – aber ist sie im Frauennetzwerk „Women in Lutherie“ unterwegs. Gilt der Geigenbau doch noch immer als Männerdomäne, in der zwar zunehmend Frauen Fuß fassen, doch immer noch zu wenig Unterstützung aus der Männerwelt erfahren.

Vom liebgewonnenen Erbstück bis zur Meistergeige
Etwa 100 Streichinstrumente jährlich gehen über den Werkstatt-Tisch von Tanja Hidde, vom Dachbodenfund bis zum Meisterstück. Selbst gebaut hat sie inzwischen 10 Instrumente, zwei davon – Bratschen – sind am Beethoven-Gymnasium in Lankwitz im Einsatz. An den Wänden ihrer Werkstatt Regale mit Schelllack, Reinigungspigmenten, wasserlöslichem Holzleim aus Haut und Knochen, heute weniger geruchsintensiv als früher. Darunter Stegrohlinge von Tonholzhändlern.
Ein großes Thema beim nachhaltigen Streichinstrumentenbau ist der Artenschutz: Längst herrschen strenge Regeln für geschützte Holzarten. Und auch bei den Bögen achtet Tanja auf nachhaltige Materialien: Von ihr favorisiert sind die ästhetischen und handwerklch guten Carbonbögen, die sie von der Firma Müsing bezieht. Spieltechnisch können sie sich mit den feinen Fernambukholz-Bögen messen, sind dabei leicht und unproblematisch für Reisen. – Denn längst hat sich der Bestand des geschützten Fernambukholz-Baumes in Brasilien dramatisch verringert, ist eine Material-Alternative für Bögen unverzichtbar geworden.
Besonders gerne arbeitet die Instrumentenbauerin an Lackretuschen, aber auch das Abziehen von Griffbrettern und das Entfernen dicker Patina gehört mit zu ihren Lieblingsaufgaben. „Erst rauh, dann edel“, freut sie sich dann über das gelungene Ergebnis ihrer Handarbeit. Besonders große Streichinstrumente wie den Kontrabass vermittelt sie an eine Kollegin, und gleich nebenan liegt der Showroom von Friedrich Barniske, der alte Gitarren ankauft, repariert und weiterverkauft. Saiten-Intrumentenfreaks Side-by-Side.

Pflege, Instrumenten-Sprechstunde Restaurierung und Klangoptimierung nehmen viel Zeit in Anspruch – für das eigene Geigenspiel bleibt Tanja Hidde da nicht mehr viel Raum. Doch den nimmt sie sich für Workshops mit Geige und das alljährlich größte Berliner Mitspielorchester Symphonic Mob des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin.
Dabei spielt sie häufig auf Geigen, die bei ihr zum Verkauf stehen. „Vielleicht komme ich ja irgendwann auch mal dazu, eine Geige für mich zu bauen“, lacht die Vielbeschäftigte.
Kunden, die bei ihr Instrumente erworben haben, sind längst zu Stammkunden geworden.
Und dann sind da die vielen Anrufe von Menschen, die früher einmal Geige gespielt haben, jetzt im Alter wiedereinsteigen möchten. „Außerdem sind unglaublich viele Streichinstrumente im Umlauf“, erzählt Tanja Hidde. Aus Nachlässen und Erbschaften stammen sie. Tanja baut die Erbstücke auf, restauriert, repariert, kauft an oder nimmt in Kommission. Zu vielen Instrumenten, die durch ihre Hände gehen, hat sie ein persönliches Verhältnis entwickelt. Und dann sind da die ganz besonderen Stücke, die ihr von Kunden anvertraut wurden: So eine Meistergeige des niederländischen Geigenbauers Pieter Rombouts (1667-1728) und eine vom Mittenwalder Geigenbauer Sebastian Klotz (1696-1775) gefertigte Geige. Eine Stradivari war bis jetzt noch nicht darunter.

Weitere Informationen unter www.geigenbau-in-berlin.de.
Terminvereinbarung für Beratung und Leistung unter Telefon 030 85 99 40 60 oder E-Mail hidde@geigenbau-in-berlin.de. Werkstatt für Geigenbau, Wilhelm-Hauff-Straße 14, 12159 Berlin
Jacqueline Lorenz



