Gazette Verbrauchermagazin
Charlottenburg-Wilmersdorf

Selbstverständlich dazugehören

Roma und Sinti in unserer Mitte

(v. l.n.r.) Avram Sarban, Alina Voinea (Ansprechperson des Landes Berlin zu Antiziganismus) und Christoph Leucht. Foto: Hildegard Lagrenne Stiftung
(v. l.n.r.) Avram Sarban, Alina Voinea (Ansprechperson des Landes Berlin zu Antiziganismus) und Christoph Leucht. Foto: Hildegard Lagrenne Stiftung

16.01.2026: Am 25. Oktober 2012 – einen Tag nach der Einweihung des für die in der NS-Zeit ermordeten Sinti und Roma errichteten Denkmals – wurde die Hildegard-Lagrenne-Stiftung (HLS) mit Stammsitz in Mannheim gegründet. Benannt ist sie nach ihrer Gründerin Hildegard Lagrenne (1921-2007), die ihr Leben lang für Bildung und Bekämpfung des Antiziganismus eintrat und maßgeblich die Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma prägte. Nach ihrem Vorbild setzen sich in der Berliner Stiftungsniederlassung im Pangea-Begegnungshaus in Wilmersdorf – Sitz von 23 überwiegend migrantischen Selbst­organisationen und Vereinen – in erster Reihe Christoph Leucht, Projektmanager und 1. Vorsitzender des Roma- und Sinti-Jugendbeirates, und Avram Sarban, 2. Vorsitzender, ebenfalls dafür ein, Menschen mit Romno-Hintergrund (Roma und Sinti) einen gerechteren Zugang zur Bildung und zu gesellschaftlicher Teilhabe zu ermöglichen und bestehende Vorurteile zum Positiven hin zu ändern. Begleitet von der Social-Media-Expertin Vicka Sokolinskaia arbeiten sie – eng unterstützt von der Community sowie von Partnern und Förderern – auf stärkere Inklusion in die deutsche Gesellschaft hin. Geschätzt zwischen 70.000 bis 150.000 Sinti und Roma leben heute in der Bundesrepublik Deutschland. Die genaue Zahl ist nicht bekannt, da es keine offiziellen Erhebungen gibt.

Mithilfe etlicher HLS-Projekte der Bereiche soziale Beratung, Bildungsberatung und Förderprogramme sollen bereits junge Menschen darin bestärkt werden, ihre Zukunft inmitten unserer Gesellschaft selbstbestimmt zu gestalten. So schafft die Stiftung auch in der Hauptstadt wertvolle Berührungsorte, an denen Austausch, Lernen und Empowerment junge Menschen, Familien und Ratsuchende miteinander vernetzt und stärkt. Der Fokus wird dabei auch auf die Öffentlichkeit gelegt, in der Diskriminierung der Bevölkerungsgruppe von Sinti und Roma sowie Vorurteile noch immer Raum finden: Ihr die Geschichte, Kultur und Lebensrealität von Sinti und Roma im Kampf gegen Antiziganismus und Ausgrenzung verständlich und nachhaltig zu vermitteln, ist eine weitere wichtige Aufgabe, welche die Stiftungsvertreter in Vorbildfunktion erfüllen wollen.

Mit Projekten Chancen öffnen

Vier Stiftungsprojekte im Berliner Pangea-Haus bilden die stabilen Eckpfeiler gegen Ausgrenzung: Das Projekt Romano Sfato will dabei mit seinem gezielt für diskriminierte Minderheiten wie schutzsuchende Roma aus Drittstaaten entwickeltem Rechtsberatungsangebot einen Beitrag für langfristig wirksame Strategien leisten, die einen Zugang zu Arbeitsplätzen in Deutschland und im Herkunftsland ermöglichen. Es kooperiert mit Roma-Organisationen in Moldawien. Daneben bietet das Projekt Amari Zor Sinti und Roma Unterstützung u. a. bei der Anerkennung von (ausländischen) Schul- und Berufsabschlüssen, der Suche nach Studien- und Ausbildungsplätzen sowie die Organisation von Empowerment-Workshops und Lehrkräfte-Fortbildung.

Das Projekt Pakiv für Neuzugewanderte aus EU-Staaten im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf zielt auf Vertrauen und Ermutigung zur Teilhabe, wozu Sozialberatung und Sprachmittlung ebenso beitragen wie die Unterstützung und Begleitung bei Behördengängen, Arztbesuchen oder Wohnungsangelegenheiten und Arbeitssuche.

Viele der Beratungspersonen besitzen Sinti- bzw. Roma-Hintergrund und beherrschen verschiedene Sprachen, sodass ein vertrauensvolles Miteinander gewährleistet ist.

RomaDay26 – Tag der Roma für mehr Wissen und Verständnis

Als unverzichtbare Wissenskampagne für die Dazugehörigkeit und das Verstehen der Geschichte von Sinti und Roma hat sich die Wissenskampagne RomaDay erwiesen: Der 8. April ist der Internationale Tag der Roma und Sinti, der als Aktionstag auf deren Situation und insbesondere deren Diskriminierung und Verfolgung aufmerksam macht, dabei aber auch mit Demo unter den Linden und Flaggenhissen vor dem Rathaus ihr selbstbewusstes Auftreten fördert. Seit 1990 findet er statt, das Datum erinnert dabei an die Anfänge der Roma-Bürgerrechtsbewegung, die am 8. April 1971 mit dem Ersten Welt-Roma-Kongress in London Aufmerksamkeit erhielt. Projektleiter Christoph Leucht erklärt, dass dazu von der Stiftung kostenlose, mit fachkundiger Unterstützung für Unterricht und Lehrkräfte entwickelte Materialien über Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma zur Verfügung gestellt werden, damit die Schulen auch in diesem Jahr im Rahmen der Wissenskampagne RomaDay26 dieses wichtige Thema über den Rahmenlehrplan für Berlin und Brandenburg im Deutsch-, Ethik-, Politik- und Geschichtsunterricht vertiefen und in Projekttagen aufgreifen können. Christoph Leucht betont, dass viele Projekte gezielt, aber nicht ausschließlich auf Sinti und Roma ausgerichtet sind, um eine Separierung zu vermeiden. Dazu zählt auch das Projekt professionalisierte Schulmediation der Hildegard-Lagrenne-Stiftung, das den erfolgversprechenden Weg hin zu mehr Bildungsgerechtigkeit und einer rassismuskritischen Schulkultur mit dem Einsatz einer Sinti-Schulmediatorin als Ansprechpartnerin für Familien und Kinder an der Grundstufe der Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli geht. Denn weniger Angst vor Diskriminierung bedeutet auch selbsbewusstes Betreten des Bildungspfades mit zukunftsweisendem Bildunsabschluss als Ziel.

Mit dem Jugendbeirat hin zu mehr Teilhabe, Bildung und Antidiskriminierung

Wenn Avram Sarban vom Stiftungsteam von seiner Arbeit im HLS-Jugendbeirat erzählt, wirkt seine Zuversicht nahezu ansteckend. Er spricht über das umfassende Bildungs- und Empowermentprogramm, mit denen junge Sinti und Roma begeistert und zu mehr Selbstbewusstsein und Vertrauen geführt werden, von Veranstaltungen in Schulen und der Vorbereitung der Jugendbeiratsmitglieder auf öffentliche Auftritte. In Kooperation mit anderen Roma- und Sinti-Organisationen wird da im Pangea-Haus Kontakt zu vielen Familien aus der Minderheit gepflegt, können geflüchtete und sozial benachteiligte Jugendliche in die Arbeit des Jugendbeirates einbezogen werden und so zu mehr Selbstvertrauen gelangen. „Regelmäßige Treffen mit Gesprächen zu politischen Themen und Diskussionen mit Berliner Schulklassen zu Antiziganismus und Teilhabe gehören ebenso zur Arbeit des Jugendbeirates wie offene Sprechstunden und der Austausch mit dem Erwachsenenbeirat und mit Abgeordneten. Diese vielfältige Zusammenarbeit öffnet den Blick für unterschiedliche Sichtweisen, macht wachsam gegen Rassismus und stärkt Verständnis für Minderheiten“, betont Avram.

Rosalinda – Gewinnerin der ersten Talentshow für Sinti und Roma. Foto: Hildegard Lagrenne Stiftung
Rosalinda – Gewinnerin der ersten Talentshow für Sinti und Roma. Foto: Hildegard Lagrenne Stiftung

Ein besonderes Erlebnis war die vom Jugendbeirat im Dezember vorigen Jahres initiierte erste Talentshow für Sinti und Roma im Grünen Salon der Volksbühne, die in diesem Jahr eine Fortsetzung finden soll. Da begeisterten angemeldete Gesangs-, Tanz-, Rap- und Musikdarbietungen von Groß und Klein ebenso wie die spontane Beteiligung aus dem Publikum. Rosalinda gewann dabei schließlich nicht nur die Herzen der Fachjury und des Publikums für sich mit einem Roma-, einem jüdischen und einem rumänischen Lied. Social-Media-Fachfrau Vicka erklärt dazu: „Der Wettbewerbsgedanke ist bei unserer Talentshow zweitrangig, vielmehr zählen Selbstbewusstsein, Mut und der Stolz, Sinti und Roma zu sein.“

Weitere Informationen zu den Stiftungsangeboten und zum Kontakt unter www.lagrenne-stiftung.de

Hildegard Lagrenne Stiftung für Bildung, Inklusion und Teilhabe von Roma und Sinti in Deutschland, c/o Pangea-Haus, Trautenaustraße 5, 10717 Berlin

Jacqueline Lorenz

TitelbildTitelbild

© Gazette Verbrauchermagazin GmbH 2026