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Entdeckungen im Heimatmuseum Zehlendorf

Erschienen in Gazette Zehlendorf September 2022
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Es lohnt sich, mehr als einmal hinzusehen. Manches, was vom Besucher wenig beachtet wird, hat eine reale Geschichte. Als „Exponat des Monats“ stellen wir Besonderheiten aus der Dauerausstellung vor.

Das Heimatmuseum Zehlendorf im historischen Winkel an der Clayallee 355 hat zur Zeit sonntags und mittwochs von 11 bis 15 Uhr geöffnet. Eine Mund-Nasen-Bedeckung ist obligatorisch.

Weitere Informationen unter www.heimatmuseum-zehlendorf.de

Exponat des Monats: Die Eissäge

Eine Säge mit auffällig schmalem Sägeblatt, etwa 1,60 Meter lang und mit einem hölzernen Griff an nur einem Ende. Sie wurde 2006 auf dem Dachboden einer Remise am Teltower Damm 11A gefunden. Wofür brauchten die Zehlendorfer Bauern diese eigenartige Blattsäge? Fragt man Schüler, die das Heimatmuseum besichtigen und die unter der Decke aufgehängte Säge entdecken, beginnt sofort das große Rätsel raten.

Die Antwort: Es ist eine Eissäge, die aus dem Ende des 19. Jahrhunderts stammen dürfte. Damals war Zehlendorf ein gern besuchter Ausflugsort. Zahlreiche Lokale versorgten die aus Berlin angereisten, hungrigen und durstigen Besucher. Ihr Bier und die anderen erfrischenden Getränke holten die Gastwirte oft aus ihren Eiskellern, die nicht mit teurem Kunsteis gekühlt wurden, sondern mit winterlichem Eis von den nahen Seen.

In vielen ehemaligen, heute nicht mehr existierenden Ausflugslokalen in Zehlendorf verbarg sich unter einem Erdhügel der natürliche Kühlkeller. Bis zur Herstellung von Kunsteis in den 1870er-Jahren war er die einzige Möglichkeit, verderbliche Produkte auch im Sommer gekühlt lagern zu können. Ein Eingang zu solch einem Eiskeller ist zum Beispiel noch heute auf dem Dahlemer Dorfanger zu sehen. Er gehörte zur Domäne Dahlem.

Wenn das Eis auf Schlachtensee und Krumme Lanke eine Dicke von etwa 40 Zentimetern hatte und es gefahrlos betreten werden konnte, kam die Eissäge zum Einsatz. Mit ihr wurden lange Eis-Streifen aus der gefrorenen Wasseroberfläche gesägt, auf Fuhrwerke verladen, zu den Eiskellern transportiert und dort gelagert. War der Sommer nicht allzu heiß, schmolz das Eis so langsam, dass bald die nächste Eisernte anstand.

Nicht besonders helle Städter, die einen mit einer Eissäge hantierenden Mann beobachteten, fragten schon mal den Gastwirt am Seeufer, wo denn der zweite Mann sei. Die überlieferte, schnippische Antwort der Wirtin des Lokals „Onkel-Toms-Hütte“: „Na unten. Da müssen Se donnerstags kommen. Da hat der frei!“

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