Gazette Verbrauchermagazin

Das heimliche Leiden der Straßenbäume

Borke hat viele wichtige Funktionen

Schrauben im Baum – keine ideale Lösung für den gelben Sack. Foto: Dr. Achim Förster
Schrauben im Baum – keine ideale Lösung für den gelben Sack. Foto: Dr. Achim Förster
Erschienen in Gazette Zehlendorf September 2022
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Straßenbäume sind Überlebenskünstler. Ihre Wurzeln müssen für Standfestigkeit zwischen Wasser-, Strom- und Gasleitungen sorgen, doch falls sie mal stören hackt man sie ab. Zu wenig lebenswichtiges Wasser dringt in die verdichteten, versiegelten Böden ein, das meiste wird in Gullys abgeleitet. Ihre Nahrung ist höchst einseitig und besteht zum Großteil aus den gelösten Hinterlassenschaften unserer vierbeinigen Freunde. Die Blätter nehmen neben ihrem Grundnahrungsmittel Kohlenstoffdioxid reichlich giftige Abgase auf.

Innere Stammbereiche sorgen für die Stabilität des Baumes. Die äußere, Rinde auch Borke genannt, ist ähnlich kompliziert wie die Haut von uns Menschen aufgebaut, neben den Blättern das zweitgrößte „Organ” eines Baumes. Dort sorgen empfindliche Zellschichten für das Dickenwachstum. In daneben liegenden Kapillaren pumpt der Baum von Wurzeln aufgenommenes Wasser in die Krone. Dicht unter der Borke führen Gefäße in den Blättern gewonnene Zuckerlösung den Wurzeln als Reservestoffe und Nahrung zu.

Bäume sind Lebewesen, die wie wir einen komplizierten Stoffwechsel mit gesundheitlichen und zunehmenden Umweltproblemen haben. Wo sie fehlen, in Wüsten und Polargebieten halten es auch nur wenige Menschen aus. Wie stark die Lebensqualität in Städten von gesunden Bäumen abhängt erleben wir nicht nur, wenn Sturm ungebremst Dächer abdeckt oder bei zunehmender sommerlicher Hitze, sondern auch bei Betrachtung der Immobilienpreise baumreicher Stadtteile.

Wir sollten unsere Bäume respektvoller behandeln und nicht ihre „Haut” mit Schrauben durchbohren, um daran Gelbe Säcke aufzuhängen, wie mehrfach beobachtet wurde. Andere Möglichkeiten zur Sammlung der Müll-Wertstoffe müssen gefunden werden. Gut gemeinte Mülltrennung als Beitrag zum Umweltschutz darf nicht den Schutz der Stadtnatur und damit die Lebensqualität beeinträchtigen.

Dr. Achim Förster, BUND Berlin, Bezirksgruppe Südwest

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