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„Das Romanische Café“ der 1920er-Jahre und sein kulturelles Erbe

Projekt schafft an Originalschauplatz nachhaltige Erinnerungskultur

Das Romanische Café der 20er-Jahre zwischen Budapester Straße und Kurfürstendamm: Treffpunkt der Intellektuellen-Elite. Archiv Michael Bienert
Das Romanische Café der 20er-Jahre zwischen Budapester Straße und Kurfürstendamm: Treffpunkt der Intellektuellen-Elite. Archiv Michael Bienert
Erschienen in Gazette Charlottenburg März 2021
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Wo seit 1965 das Europa-Center mit buntem Shoppingangebot die Käufer vom Kurfürstendamm in seine Geschäfte lockt, trafen in den 20er-Jahren im „Romanischen Café“ bunt schillernde Vertreter der damaligen „Kreativ-Szene“ zusammen. Zum Gästestamm gehörten in der 1915 beginnenden Blütezeit des Künstlertreffs u. a. Bertold Brecht, Gottfried Benn, Erich Kästner, Max Liebermann, Else Lasker-Schüler, Max Eisler bis hin zu Billy Wilder, die hier debattierten, arbeiteten und bis in unsere Tage in aller Welt menschliches und künstlerisches Ansehen genießen.

Das Schicksal dieser Künstler und ihres einstigen Kulturtreffs am damals hippen Kurfürstendamm ist jedoch auch fest mit dem mörderischen NS-Regime verbunden, das diese hochrangige Besucher-Gemeinschaft schon lange vor dem Untergang des Cafés im Bombenhagel des Jahres 1943 zerschlagen hatte. Das kulturelle Erbe dieses Treffs und seiner Besucher muss heute einen festen Platz in unserer Erinnerungskultur erhalten. Mit diesem Anspruch setzt sich die Kulturwissenschaftlerin und Gründerin der Kulturagentur KulturGut, Katja Baumeister-Frenzel, für das Projekt „Das Romanische Café“ ein, das interaktiv; unterhaltsam und informativ die Erinnerung an diese Zeit des Berlins der 20er-Jahre möglichst nah am einstigen Standort lebendig werden lassen und gleichzeitig einen Mahnort schaffen will, der Jung und Alt zum Nachdenken anregt.

Für die nächsten zwei Projektjahre hat auf Initiative des ehemaligen stellvertretenden Bürgermeisters und Bezirksstadtrates von Charlottenburg Wilmersdorf, Klaus-Dieter Gröhler (MdB), der Haushaltsausschuss des Bundestages 200.000 Euro gewährt.

In bewährter Hand

Mit Katja Baumeister-Frenzel hat das Projekt eine ebenso erfahrene wie engagierte Projektleiterin bekommen. Die gebürtige Charlottenburgerin, die an der Universität Potsdam als Dozentin schwerpunktmäßig „Berlin und die 20er-Jahre“ lehrt und bereits mit der gelungenen Wiederbelebung des ParkHaus Lietzensee eine geschickte Hand im Erhalt kulturellen Erbes bewiesen hat, weiß Stadtgeschichte und Kultur nachhaltig und anschaulich zu verknüpfen und wiederzubeleben. Längst ist die Dozentin dafür bekannt und vermag mit ihren durchaus umsetzbaren Visionen so manchen zu überzeugen und in ihre professionellen Projekte einzubeziehen.

So schaut sie, die zusätzlich wertvolle Erfahrung aus der 5-Sterne-Hotellerie und der Tourismuswirtschaft mitbringt, zuversichtlich auf diese weitere Projektentwicklung mit der AG City als Projektträgerin und erklärt: „Die AG City ist darüber erfreut, dass mit dem Informationsstandort Romanisches Café ein Stück Geschichte am Kurfürstendamm sichtbar gemacht wird, die dort auf den ersten Blick nicht mehr zu finden ist. Aufgrund der derzeitig anstehenden 100-jährigen Jubiläen, wie z. B. 100 Jahre Groß-Berlin, sowie dem aktuellen pop-kulturellen Fokus auf die 1920-Jahre, ist das Interesse an der Kulturgeschichte der 20er-Jahre in Berlin immens gestiegen. Nun kann mit diesem Projekt der großen Nachfrage und Neugier der Berliner und Touristen entsprochen werden.“

Helfend zur Seite stand der Projektleiterin beim Ausbau ihrer Idee auch die Visit Berlin-Tourismusgesellschaft, die im Beirat die Realisierung des Projektes weiter unterstützen wird.

Und dann sind da noch die vielen Akteure und Kooperationspartner, die vielfach aus dem umfangreichen Netzwerk von Katja Baumeister-Frenzel kommen und nun gemeinsam mit ihr ein spannendes Konzept entwickeln werden. –Zum Team gehören Historiker, Fachleute und Kulturexperten wie der für seine Zeitreisen-Führungen bekannte Arne Krasting.

Die Idee unterstützt maßgeblich auch Reinhard Naumann, Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, der in der Umsetzung des Projektes ein großes Potential für Charlottenburg sieht und betont: „…Das 100-jährige Jubiläum der 1920er-Jahre steht in den nächsten 10 Jahren mit vielen sich zum hundertsten Mal jährenden Ereignissen bevor. Viele dieser Ereignisse haben ihre Wurzeln in unserem Bezirk. Zentrale Orte waren hier das Romanische Café und der Kurfürstendamm. Die Ideen, Lebensentwürfe und Positionen der Zeit haben ein reiches Erbe hinterlassen, das auch heute noch über Landes- und Ländergrenzen hinweg für unsere Generation identitätsstiftend ist…“

Projekt-Ziele und kulturelles Erbe

Der Bezirksbürgermeister erklärt weiter: Dafür sei es von großer Bedeutung, einen Ort am Originalschauplatz Romanisches Café und Kurfürstendamm für ein breites auch internationales Publikum erreichbar zu schaffen, an dem über das kulturelle Schaffen der 1920er-Jahre berichtet und damit nicht mehr sichtbare historische Schichten der Stadt wieder greifbar gemacht werden. – Ein Aussage, hinter der auch Katja Baumeister-Frenzel mit ganzer Person steht: Der Kurfürstendamm besitze aus den unterschiedlichen Geschichts-Epochen wichtiges Kultur-Erbe, erkennbar in erhaltenen Bauten, an dem viel zu oft gedankenlos vorbeigegangen werde. – Sei es das Marmorhaus, das ehemalige Haus Wien oder eben der einstige Standort des Romanischen Cafés: Sie alle erzählen Wirtschafts- und Stadtgeschichte, von der Verdichtung Berlins und nicht zuletzt von der Bedeutung des damals „hippen“ Kurfürstendamm der 1920er-Jahre als künstlerisches und intellektuelles Zentrum Groß-Berlins mit Luxus und Laster, mit Lichtspielhäusern, Amüsierbetrieben, Galerien, Tanzpalästen – und natürlich dem Romanischen Café.

Im ersten Projektschritt will die Kulturwissenschaftlerin darüber informieren, über teilweise wechselnden Ausstellungen, die sich mit den einstigen „Stammgästen“ des frühen „Co-Working-Space“-Cafés beschäftigen, an diese Jahre, die Künstler und ihr Werk erinnern sollen. Als ihren Wunschort für diese Ausstellungen nennt sie die Stelle, auf der das Romanische Café einst stand: Das Europa-Center, mit dessen Centermanagement sie im Gespräch ist. Die nähere Umgebung zwischen Breitscheidplatz und Tauenzienstraße als Ausstellungsort – eventuell auch das Bikini-Haus – wären ebenfalls denkbar.

Als weiteres wichtiges Projektziel ihres „lebendigen Museums“ will Katja Baumeister-Frenzel, deren Magisterarbeit das Schloss Charlottenburg als Erinnerungsort zum Thema hatte, das Schicksal der im Romanischen Café verkehrenden Künstler und Literaten in Verbindung mit dem NS-Regime genannt und in die Köpfe der heutigen Ausstellungsbesucher gebannt sehen. Bei der Erinnerung an die 1920er-Jahre müsse stets die Nazizeit mitbedacht und ihrer ermordeten, vertriebenen und geschändeten Opfer mitgedacht werden.

Ausgehend vom Romanischen Café als einstiges Wohnzimmer, Börse, Studio und Bühne von Künstlern und Kreativen soll so der geschichtliche Bogen vom Ende der Weimarer Republik, über die Machtergreifung der Nationalsozialisten und ihre Gräueltaten, bis hin zur heutigen Demokratie gespannt werden. Aus der Gesamtheit dieser Projektschritte könnte schließlich ein Mahnmal entstehen, das einerseits erinnert und Einhalt gebietet – andererseits aber auch Künstler und Kreative, Diskutanten, Historiker und Literaten unserer Tage sowie Geschichtsinteressierte an prominentem Ort nach berühmten Vorbild interaktiv zusammenkommen und dem Romanischen Café und seinen Stammgästen als Vorkämpfer ein lebendiges Denkmal setzen lässt.

Historie

Östlich der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zog in Charlottenburg im Jahr 1901 die Café-Konditorei Kaiserhof ins gerade fertiggestellte „Neue Romanische Haus“.

Dank ihrer düsteren neoromanischen Einrichtung nannte man sie schon bald nur noch „Romanisches Café“. Namhafte Schriftsteller, Literaten und Künstler, aber auch Journalisten und werdende Künstler gaben sich dort die Klinke in die Hand, nachdem ihr Stammtreff, das „Café des Westens“, an seinem vorherigen Standort am heutigen Kranzler-Eck hatte schließen müssen. Nun erlebte das Romanische Café seine Blütezeit, in der Hauptraum, Galerie und Terrasse mit kreativen Stammgästen gut besetzt waren. Mit Ende der Weimarer Republik verlor das Café als Sammelpunkt für Künstler nach und nach diese Strahlkraft. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten gab dem Haus als Künstlercafé den Rest. Viele seiner jüdischen Stammgäste mussten das Land verlassen, wurden verschleppt und ermordet. An Tischen, an denen Liebermann und Tucholsky intelligent diskutiert hatten, nahm 1933 mit derbem Stiefeltritt die Gestapo Platz.

Bei einem Luftangriff im Jahr 1943 stark beschädigt, wurde die Ruine des Romanischen Hauses in den 50er-Jahren abgerissen. Seit 1965 steht auf diesem Standort das Europa-Center.

Weitere Informationen und Kontakt für potentielle Unterstützer des Projektes „Romanisches Café“ unter www.kultur-gut.berlin .

Jacqueline Lorenz

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