Steglitz
Was wäre der Bezirk ohne Wolfgang Holtz?
Heimatforscher, Geschichtsfreund, Stadtführer und Autor

25.06.2026: Historiker und Heimatforscher gibt es etliche – doch wohl kaum einen, der so anschaulich und begeisternd zu erzählen weiß, wie Wolfgang Holtz. Selbst größte Geschichtsmuffel lässt er aufhorchen und geleitet sie mitten hinein in seine vielfältigen Zeitreisen. – Hat man gar das Glück, ihn Zuhause in Lichterfelde im schmucken Häuschen am Spindelmühler Weg besuchen zu dürfen, muss man aufpassen, nicht Zeit und Raum beim Durchstöbern seiner Sammlerschätze zu vergessen. Außerhalb des Hauses an der Gartenlaube ist es nicht weniger spannend, über Mutter Holtzens Grabstein hängen an der Laubenwand da „ausgemusterte“ Gedenktafeln, zu denen der Hausherr natürlich auch Erstaunliches zu erzählen weiß.

Und dann ist da Wilma Gütgemann-Holtz, 1970 von Bonn nach Berlin gekommen und seit 5.12.1985 bestärkende Ehefrau hinter ihm, die seine Leidenschaft für Geschichtsträchtiges und Sisyphus-ähnliche Archivarbeit teilt: Das Friedens-Bataillon von erzgebirgischen Elfpunkte-Engeln in der alten Hängevitrine geht auf ihr Konto, ebenso die antiken Porzellanfiguren und die Porzellan-Mohrensammlung à la Sarotti. Für die über 12.000 gesammelten Ansichtskarten im Haus zeichnet sie ebenso mitverantwortlich. Sucht Ehemann Wolfgang in seinem für Zahlen und Geografie noch immer phänomenalem Gedächnis doch einmal etwas länger nach einer Jahreszahl oder einem Nachnamen, hat bestimmt Wilma beides parat. Wolfgang und Wilma: Zwei, die sich gesucht und gefunden haben.

Von Steglitz in die weite Welt hinaus und zurück
Als echter Steglitzer muss Wolfgang Holtz unbedingt bezeichnet werden; wenn auch nicht als waschechter, da beide Elternteile aus Ostpreußen stammten, ihre Heimat kriegsbedingt verlassen mussten. Am 2.10.1949 geboren („Ein Freund, der Mitentscheider bei der Datumwahl für den Tag der Deutschen Einheit war, hatte den 3.10. favorisiert, damit ich nach meinem Geburtstag immer ausschlafen kann“), blieb er Steglitz und Lichterfelde bis heute treu, führten ihn seine Reisen und Wanderungen doch immer wieder dorthin zurück. Er buddelte nach Möhren im elterlichen Schrebergarten in Südende, wuchs nahe Munsterdamm auf.
Schon früh wurde er „Mecki“ gerufen, worauf wohl seine erste Sammlung von HÖRZU-Meckifiguren und -Zeichnungen zurückzuführen ist, die später Platz für Geschichtliches machen musste und irgendwann verkauft wurde. Mecki lernte also das ABC auf der Markus-Grundschule und konjugierte als Gymnasiast Lateinische Verben auf der einstigen Tannenberg-Schule (heutiges Willi-Graf-Gymnasium) in Lankwitz. Doch darüber kam auch der Sport nicht zu kurz. Von frühester Jugend an spielte Wolfgang nicht ganz unbegabt Fußball, so beim SSC-Südwest und beim BFC Viktoria 89, wo er es bis zur höchsten Amateur-Liga brachte. Etliche Vereins- und Spielerreisen führten ihn bereits als Schüler und Student weit in die Welt hinaus. – Und sie brachten ihm rund 40 außereuropäische Länder näher, darunter Israel, Indien und das Ceylon der 60er-Jahre, als dort noch kaum Tourismus herrschte. In Südafrika war Wilma mit, auch wenn die Hitze im Stadion ihr nur zweifelhaftes Vergnügen bereitete. „Vielleicht ist durch diese Reisen mein Interesse für Geschichte und das Interesse an Orten, die etwas zu erzählen haben, sowie mein Bedürfnis, dort hinter die Kulissen schauen zu müssen, noch gestärkt worden“, sinniert Wolfgang Holtz heute. Heimatkunde hatte ihn schon in der Grundschule fasziniert, später dann Geschichte in der Oberschule. Hilfreich dabei war – wie er selber sagt – wohl sein gutes Zahlengedächtnis, das ihn sich jede Zahl leicht merken ließ. Mit Hilfe der Geografie erstellte er sich Bilder im Kopf, die ihm Geschichte ortsgenau vor Augen führten. „Die Geografie agiert dabei als ein Rahmen, in dem sich die jeweiligen geschichtlichen Hintergründe und Zahlen ordnen“, erklärt Holtz dieses Phänomen. Seine Liebe zu Heimatkunde und Geschichtszahlen führte ihn schließlich in seinem Heimatbezirk an die Pädagogische Hochschule. Er wurde Grundschullehrer, war u. a. lange Jahre an der Paul-Schneider-Grundschule in Lankwitz tätig, während Wilma als Erzieherin in einem Kinderheim arbeitete. 1998-2001 wurde zur Glückszeit für das Steglitz Museum: Wolfgang Holtz war während dieser Zeit Vorsitzender des Vereins und setzte die Tradition der wechselnden Ausstellungen fort. Als Heimatforscher widmete er sich besonders fachkundig der Sammlung im Archiv und der Ausweitung der Bibliothek, um Steglitzer Geschichte für Besucher greifbarer und verständlicher werden zu lassen.

Brandenburg und Barlog
Auch wenn Wolfgang Holtz in erster Linie Heimatforscher war, der aus seinen Forschungen etliche heimatkundliche Bücher über bekannte Bezirksnamen, Ortsteile („Südende“), Friedhöfe wie den Friedhof Bergstraße („Gräber und gelebtes Leben““) allein oder mit Autoren wie Christian Simon geschrieben hat, er nennenswerte Veranstaltungen und Ausstellungen wie 2013 die über das versunkene Weltunternehmen der „Neuen Photografische Gesellschaft“ oder vor Kurzem zur Enthüllung der Gedenktafel für Hermann Muthesius in Großneuhausen sowie unzählige Vorträge und Führungen mit eigenem Archivmaterial auf die Beine gestellt oder begleitet hat: Seiner Liebe zum Erwandern und Bereisen der Heimatumgebung gab er nur zu gerne nach. Die Leichtigkeit seiner Bezirksspaziergänge ist vielen im Gedächtnis geblieben. Ab 1972 dann bereisten er und Wilma in der DDR systematisch die Mark Brandenburg, was ihnen viele echte Freundschaften, unverfälschte Ortskenntnisse und unschätzbares Geschichtswissen einbrachte – aber auch eine über 300 Seiten dicke Stasiakte. Auch die kann Holtz dem Besucher dank seiner und Wilmas beneidenswerter Ordnung mit einem Griff und ehrlichem Schmunzeln präsentieren.

Spricht man ihn und seine Frau dann noch auf seinen früheren Nachbarn und Freund, den großen Theatermann Boleslaw Barlog an, ist einem ein weiteres Stündchen spannendster Geschichte sicher: Denn erzählen und gastfreundlich sein, auch das können Wolfgang und Wilma, – was ihnen stets ein volles Wohnzimmer und einen gut besuchten Garten bei Vortrags-und Kulturveranstaltungen in ihrem Haus bescherte.
So tauchten sie privat mit Regisseur und Intendant Barlog und dessen Frau Herta in dessen Theater-Freundeskreis mit großen Namen wie Horst Buchholz oder Marianne Hoppe ein, fuhren tags darauf dann als gute Nachbarn gemeinsam in die Mark. Wilma schrieb für das Buch von Harald Hensel „Lichterfelde West nach1945 Menschen-Erlebnisse-Erinnerungen“ über die berühmten Freunde den liebevoll würdigenden Beitrag „In guter Nachbarschaft mit Herta und Boleslaw Barlog“, während Wolfgang dafür sorgte, dass 2009 am Nachbarhaus 10 Jahre nach Barlogs Tod eine Gedenktafel für den berühmten Nachbarn angebracht wurde – so, wie Holtz sich immer wieder in Steglitz gegen das Vergessen für Gedenktafeln und vernachlässigte Gräber bekannter Leute wie Max Kaus und Walter Leistikow eingesetzt hat.

Historische Postrouten und alte Wege
liegen Holtz von jeher am Herzen, wie auch die akkurat in seinem Haus gestaltete Postweg-Ecke dokumentiert. Diese Wege führten ihn bereits nach Dresden, Magdeburg, Cottbus und Hamburg. Eine Gedenktafel mit dem Namen Wolfgang Holtz gibt es daher bereits zu seinen Lebzeiten: Anlässlich seiner gemeinsam mit seinem Freund Klaus Janetzki getätigten Erwanderungen nach alten Karten sowohl des Pilgerweges nach Wilsnack im Jahr 1988 als auch des ursprünglichen Postweges 1994 von Berlin nach Hamburg und 2004 in Gegenrichtung von Hamburg nach Berlin kamen bei allen Wanderungen beide durch Linum, wo die Gedenktafel sie heute dafür ehrt.

Auch wenn Wolfgang Holtz inzwischen deutlich weniger mit Führungen und Vorträgen unterwegs ist, als fachkundiger Berater in Sachen Steglitzer Heimatgeschichte bleibt er weiter gefragt und unschlagbar. – Genügend Stoff dafür wartet wohlsortiert in Schränken und Ordnern darauf, zum Einsatz zu kommen. Und dann sind da auch noch Wände voller Bücher, die von Wolfgang und Wilma gelesen werden wollen – beiden dürfte es also kaum langweilig werden. Wobei sie sich insgeheim schon heute fragen, was später einmal aus ihrer ebenso in jeder Hinsicht wertvollen, wie ihnen ans Herz gewachsenen Geschichtssammlung werden soll.
Jacqueline Lorenzw



