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Lankwitz

120 Jahre Dreifaltigkeitskirche

Bewegte Geschichte zwischen Kaiserzeit, kirchlichem Widerstand und Zerstörung

Die Dreifaltigkeitskirche wird im Juni 120 Jahre alt.
Die Dreifaltigkeitskirche wird im Juni 120 Jahre alt.

01.05.2026: Wer im Berliner Südwesten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, kennt den Namen „Lankwitz Kirche“. An dem viel zitierten Knotenpunkt der vielbefahrenen Kreuzung steht die aus rotem Backstein und Rüdersdorfer Kalkstein erbaute evangelische Dreifaltigkeitskirche. Im Jahr 2026 feiert die Gemeinde den 120. Jahrestag der Einweihung – und blickt dabei auf mehr als ein Jahrhundert voller Kontraste zurück.

Als am 11. Juni 1906 in Anwesenheit von Prinz August Wilhelm von Preußen die feierliche Eröffnung stattfand, bot sich den Lankwitzern ein völlig anderes Bild als heute. Das neugotische Gotteshaus stand damals noch inmitten von Getreidefeldern. Doch das einstige kleine Bauerndorf befand sich im radikalen Wandel zur modernen Gartenstadt. Die Bevölkerung wuchs rasant, die alte Dorfkirche war längst zu klein und der damalige Bürgermeister Beyendorff machte es sich zur Gewohnheit, auf sonntäglichen Spaziergängen den Baufortschritt der neuen, stolzen Gemeindekirche – die Planung des Gotteshauses stammt vom Geheimen Regierungsrat Ludwig von Tiedemann in Zusammenarbeit mit dem Königlichen Regierungsbaumeister Robert Leibnitz - persönlich zu überwachen.

Ein Großteil der Kirchenausstattung stammte aus dem Harz: So kamen der Altar, die Kanzel, die Bestuhlung, Lesepult, Schnitzereien, Leuchter und mehr von der Anstalt für kirchliche Kunst aus Wernigerode. Eine Orgel der Firma Sauer sorgte seit 1906 für die schönen Klänge in der Kirche. Die ersten, bronzenen Glocken wurden im Ersten Weltkrieg als Metallspende geopfert. 1919 konnten drei neue Glocken eingeweiht werden. Für Aufsehen sorgte etwa ein Zwischenfall im Jahr 1919: Ein Postflugzeug kam der 55 Meter hohen Kirchturmspitze gefährlich nahe, Turm und Flugzeug wurden dabei beschädigt und es musste direkt neben der Kirche notlanden.

Deutlich düsterer gestalteten sich das „Dritte Reich“, als der Nationalsozialismus auch das Lankwitzer Gemeindeleben spaltete. Es entbrannte ein tiefer Konflikt zwischen den regimetreuen „Deutschen Christen“ und der oppositionellen „Bekennenden Kirche“. Pfarrer Ehrich, der sich dem Regime widersetzte und mehrfach von der Gestapo verhört wurde, hielt seine Gottesdienste zeitweise in einem benachbarten Festsaal ab, wenn ihm der Zugang zu seiner Kirche verwehrt wurde.

Der Zweite Weltkrieg hinterließ schließlich tiefe Wunden. In der Bombennacht vom 22. auf den 23. August 1943 wurde Lankwitz fast vollständig zerstört. Auch die Dreifaltigkeitskirche erlitt schwere Schäden. Während das Gebäude ab 1951 wieder für Gottesdienste genutzt werden konnte, ragte der Turm noch bis 1964 als stumpfe Ruine ohne Spitze in den Himmel.

In der Nachkriegszeit wandelte sich die Kirche stetig weiter. Umstrittene Modernisierungen im Innenraum prägten die 1960er-Jahre, bevor in den 1980er-Jahren historische Elemente wie das alte hölzerne Taufbecken zurückkehrten. Auch strukturell tat sich einiges: Weil die Gemeinde immer weiter wuchs, wurde sie 1963 aufgeteilt, wodurch die benachbarten Gemeinden der Dorfkirche, Paul-Schneider und Dietrich-Bonhoeffer ihre Selbstständigkeit erhielten.

Heute ist die Dreifaltigkeitskirche längst im 21. Jahrhundert angekommen. Sie öffnet ihre Türen nicht nur für klassische und moderne Gottesdienste, sondern lädt auch zu Stille, Gebet und vielfältigen Konzerten ein. Zudem übernimmt die Gemeinde soziale Verantwortung im Kiez: Seit 2005 beherbergen die Räumlichkeiten das Projekt „Laib und Seele“, das wöchentlich Lebensmittel an Bedürftige ausgibt. Aus der Kirche im Getreidefeld ist ein unverzichtbarer Ankerpunkt mitten im Lankwitzer Zentrum geworden.

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