Zehlendorf
Museumsdorf Düppel: Fußangel durch Behörden-Pingpong
Nutzhanfanbau wegen Gesetzeslücke verboten

24.04.2026: Bereits im Mittelalter wurde Hanf auf den Feldern angebaut, um aus den langen Pflanzenfasern für breite Bevölkerungsschichten haltbares Material zur Herstellung von Seilen, Netzen, aber auch Boots- und Mühlensegeln zu gewinnen und strapazierfähige Stoffe für haltbare Kleidung daraus zu weben. Bereits in den 70er-Jahren waren bei Ausgrabungen auf dem Gelände des heutigen Museumsdorf Düppel Hanfpollen gefunden worden. Seinem Bildungsauftrag wurde das Museumsdorf Düppel einmal mehr gerecht, indem es in überlieferter Dreifelderwirtschaft wie vor 800 Jahren auf seinem Ackergelände neben alten Hirse-, Roggen-, Gerste- und Weizensorten seit 2021 auch den Nutz- oder Textilhanf mit verschwindend niedrigem 0,3-prozentigem THC-Gehalt psychoaktiver Substanzen anbaute, ursprünglich genehmigt bis 2027. Ziel war es, im Sinne der experimentellen Archäologie über Ernte, Trocknung und Röste bis hin zur Fasergewinnung und Weiterverarbeitung die gesamte historische Produktionskette darzustellen. Vor Ort konnten sich kleine und große Dorfbewohner dann ein Bild davon machen, wie in historischem Handwerk aus den langen Fasern der Hanfstängel in sogenannter Kreislaufwirtschaft Fäden gesponnen und daraus Stoffe gewebt sowie in der museumseigenen Seilerei Seile hergestellt werden.
Gesetzeslücke verteufelt Nutzhanf
Doch eine Gesetzeslücke mit typischem Behörden-Pingpong im Rahmen des jüngst geänderten Cannabisrechtes hat nun dafür gesorgt, dass der ergiebige Hanf seit Anfang des Jahres dem deutlich kurzstängligeren Lein weichen muss und die Spinnräder zur Hanfverarbeitung erst einmal stillstehen. „Damit ist unsere Forschungs-, Bildungs- und Demonstrationsarbeit deutlich behindert“, betont Museumsleiterin Dr. Julia Heeb und ergänzt, „wir zeigen im Museumsdorf nicht nur Gebäude, sondern ganze Lebenswelten mit Feldern, Tieren und Nutzpflanzen. Hanf gehört historisch einfach dazu – ohne ihn ist das Bild unvollständig.“ Dazu müsse auch seine heutige, jedes Pflanzenteil nutzende Verwendung dargestellt werden – wie es auch für dieses Jahr geplant war. Die Angst der Behörden, daraus evtl. Medizinhanf mit deutlich höherem THC-Gehalt zu züchten, dürfte übrigens unbegründet sein: Der moderne Nutzhanf besitzt zwittrige Blüten, und ist damit nicht zur Weiterzüchtung geeignet.

Nutzanbau von hohem wissenschaftlichen Wert
Felix Drewes, zweiter Vorsitzender des Vereins Nutzhanf-Netzwerk, steht in dieser Angelegenheit hinter dem Museumsdorf Düppel und spricht selbst von klassischem Behörden-Pingpong. So wird Nutzhanf nun pauschal unter das Betäubungsmittelgesetz gestellt. Lag bis zum neuen Cannabisrecht die Zuständigkeit noch bei der Bundesopiumstelle, ist sie nun zur Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) gewandert, die aber lediglich für landwirtschaftliche Betriebe zuständig ist. Für das Museumsdorf Düppel, das Nutzhanf weiterhin zu Forschungs- und Bildungszwecken anbauen möchte, fühlt sich indessen niemand zuständig. Einig sind sich Museumsdorfleitung und Nutzhanf-Netzwerk und fordern vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, zu dem auch die BLE gehört: Es müssen nicht nur für medizinische Forschungszwecke, sondern auch für Museen Sondergenehmigungen erteilt werden. Dazu ist dringend vom Ministerium die bestehende Gesetzeslücke zu schließen. Und das möglichst schnell und ohne zähflüssige Bürokratie, um wichtige kulturelle und wissenschaftliche Arbeit im Museumsdorf Düppel zeitnah wiederaufnehmen zu können, die weit über das Museum hinaus hohe Bedeutung hat.

Lein statt Hanf
Und so säte an einem trüben Apriltag Museumsdorf-Gärtner Christoph Arbeiter auf dem mittleren der drei Felder für dieses Jahr ersatzweise aus runden Samenkapseln gewonnenen Leinsamen (Flachs). – Dessen Ertrag im September dürfte deutlich unter dem des Hanfes liegen: Während die Hanfpflanze bis 2,50 Meter hoch wächst und bis zu 1,50 Meter hohe Fasern hervorbringt, wird der auch als Flachs bezeichnete Lein nur bis zu 80 Zentimeter hoch und bringt mit nur bis zu 60 Zentimeter langen Fasern eine geringere Ausbeute, deutlich schwieriger für die Seilherstellung. Im Mittelalter baute man Lein für feinere Stoffe der Wohlhabenden an, während Hanfkleidung für Landwirtschaft und Arbeit robuster war.
Schon einmal geriet das Museumsdorf Düppel wegen Hanf-Anbaus in die Schlagzeilen: 1980 hatte die Gartengruppe des Fördervereins Museumsdorf Düppel ohne Genehmigung Nutzhanf angebaut. Eine Polizei-Razzia folgte. Diesmal hofft man auf eine elegantere Lösung und auf einsichtige, schnell handelnde Behörden.
Jacqueline Lorenz



