80 Jahre Haus am Waldsee
Vom Familiendomizil mit Selbstversorgung zum Treffpunkt für Kunstinteressierte

Erschienen in Nikolassee & Schlachtensee Journal Februar/März 2026
Wer heute durch die Argentinische Allee spaziert, nimmt das Haus am Waldsee vor allem als Ort für internationale Gegenwartskunst wahr. Die Architektur des Gebäudes erinnert an englische Landhäuser, der Skulpturenpark lädt zum Verweilen ein. Doch die Geschichte der Villa am Seeufer ist eng mit den politischen Brüchen des 20. Jahrhunderts verwoben. Von dem idyllischen Traum einer reichen Familie über die Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten bis hin zum kulturellen Neuanfang nach 1945, erzählt das Haus seine Geschichte mit Jubiläums-Ausstellungen.
Eine Villa für den Textilfabrikanten
Die Geschichte beginnt in den wirtschaftlich turbulenten 1920er-Jahren. Der Architekt Max Werner entwarf die Villa zwischen 1922 und 1923 für die Familie des jüdischen Textilfabrikanten Hermann Knobloch. Knobloch, der sein Vermögen unter anderem mit der Produktion von Regenmänteln gemacht hatte, wünschte sich ein repräsentatives Wohnhaus im damals populären Landhausstil. Mit seinem steilen Satteldach, den klaren Formen und der Einbettung in die Natur entsprach es dem Geschmack des gehobenen Bürgertums.
Das familiäre Glück im Haus währte jedoch nicht lange. Persönliche Umstände und die Weltwirtschaftskrise führten dazu, dass die Familie Knobloch die Villa bereits 1926 wieder verkaufen musste. Es folgten Jahre mit wechselnden Bewohnern, bis ein dunkles Kapitel der Hausgeschichte anbrach. Der Familie Knobloch gelang noch vor Beginn der Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten die Flucht nach Uruguay.

Ära der Reichsfilmkammer
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich die Nutzung des Gebäudes fundamental. Es gab viele Interessenten, schließlich erwarb die UfA das Haus. Mitte der 1930er-Jahre zog Karl Melzer ein. Er war nicht nur Generalsekretär der Internationalen Filmkammer, sondern auch stellvertretender Präsident der Reichsfilmkammer. Das Haus am Waldsee wurde damit zu einem inoffiziellen Treffpunkt der NS-Filmprominenz, die hier ein- und ausging. Das Haus blieb glücklicherweise vor größeren Zerstörungen oder Plünderungen in den letzten Kriegstagen verschont.
Neuanfang 1946
Der Zweite Weltkrieg endete und Zehlendorf war, verglichen mit der Berliner Innenstadt, weniger stark zerstört. In einer Zeit, in der Wohnraum knapp war und die Stadt in Trümmern lag, wurde das Haus am Waldsee schnell einer neuen Bestimmung zugeführt. Bereits im Januar 1946 wurde hier das „Zehlendorfer Kunstamt“ gegründet.
Es war eine der ersten Einrichtungen in Deutschland, die sich nach der Diktatur wieder der freien Kunst widmete. Ziel war es, die während der NS-Zeit als „entartet“ verfemte Moderne zu rehabilitieren und dem Publikum wieder zugänglich zu machen. Werke von Käthe Kollwitz, Karl Schmidt-Rottluff oder Pablo Picasso hingen an den Wänden, wo wenige Jahre zuvor noch NS-Funktionäre verkehrten. Das Haus wurde zu einem Symbol für den geistigen Wiederaufbau und die kulturelle Rückbesinnung auf internationale Standards.
Institution der Gegenwartskunst
In den folgenden Jahrzehnten etablierte sich das Haus am Waldsee fest in der West-Berliner Kulturlandschaft. Unter langjährigen Leitern wie Thomas Kempas, der das Haus von 1966 bis 2004 führte, lag der Fokus oft auf dem „Berliner Realismus“ und der klassischen Moderne.
Mit dem Wechsel der Intendanz zu Katja Blomberg im Jahr 2005 öffnete sich das Haus stärker internationalen Positionen der Gegenwartskunst und Design-Themen. In diese Ära fiel auch die umfangreiche Sanierung und Erweiterung durch das Architekturbüro Kuehn Malvezzi, die bis 2019 andauerte. Dabei wurde der ursprüngliche Charakter der Villa wieder stärker betont, während moderne Elemente den Ausstellungsbetrieb professionalisierten.
Seit 2022 leitet Anna Gritz die Geschicke der Institution. Heute versteht sich das Haus am Waldsee als Ort, an dem Kunst nicht nur betrachtet, sondern im Kontext von Architektur und Natur erlebt wird.

Ausstellungen zum Jubiläum
Zum 80. Jubiläum 2026 widmet sich das Haus am Waldsee auch seiner eigenen Geschichte: Unter dem Titel „Seit…“ startet am 20. Februar 2026 eine fast einjährige Reihe. Bis zum 17. Januar 2027 wird der Wandel vom privaten Wohnhaus zum öffentlichen Ausstellungsort thematisiert. Ein besonderer Fokus liegt auf den Brüchen und Kontinuitäten zwischen der NS-Zeit und den Nachkriegsjahren. In der ehemaligen Garage, dem heutigen Café, wird dafür eine spezielle Ausstellungsarchitektur der Kuratorin Nina Akhvlediani eingerichtet, um Archivmaterial flexibel präsentieren zu können. Das Projekt gliedert sich in drei Kapitel; den Auftakt macht ab Februar der Künstler Luciano Pecoits.
Im Sommer folgt ergänzend die internationale Gruppenausstellung „Wo ich wohne“ (14. Juni bis 27. September 2026). Sie greift die Geschichte der 1922 für den jüdischen Textilfabrikanten Herrmann Knobloch erbauten Villa auf. Die Ausstellung soll zeigen, wie sich politische Ereignisse und gesellschaftliche Kämpfe in der Architektur und im privaten Raum widerspiegeln. Gezeigt werden Werke unter anderem von Richard Venlet, Renée Sintenis, Charlotte von Mahlsdorf und Robert Haas.
Weitere Ausstellungen mit Werken von Gianna Surangkanjanajai, Rey Akdogan und Peter Wächtler komplettieren das Jahresprogramm.
Kuratiert wird das Jubiläumsprogramm von der Direktorin Anna Gritz und Pia-Marie Remmers. Weitere Informationen und alle Veranstaltungen unter www.hausamwaldsee.de.












