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Ein Stück Schweden in Wilmersdorf

Vor 100 Jahren wurde die Schwedische Kirche eingeweiht

Erschienen in Gazette Charlottenburg September 2022

Gemeinsam in der Fremde – mit Menschen, die die gleiche Sprache sprechen und das Heimatland selbst gut kennen. 1903 schlossen sich Schweden zusammen, die in Berlin lebten und gründeten die Victoriagemeinde. Ihren Namen erhielt sie zu Ehren der damaligen schwedischen Kronprinzessin Victoria, die 1862 als Viktoria von Baden geboren wurde und später den schwedischen Kronprinzen Gustav heiratete, der 1907 König wurde. Im Jahr 1911 kam die Namensgeberin persönlich in ihre Berliner Gemeinde. Der Wunsch nach einer eigenen Kirche kam auf. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs konnte in der Wilmersdorfer Landhausstraße ein Haus erworben werden. Nach vielen Umbauten war aus dem Haus eine Kirche samt Pfarrbüro, Schule und vielem mehr geworden. Architekt war der Schwede Alfred Grenander, der Berlinern besonders aufgrund der von ihm entworfenen U-Bahnhöfe ein Begriff ist.

Hilfe für verfolgte Menschen

Am 18. Juni 1922 feierte die Gemeinde die Einweihung ihrer Kirche. Einen eigenen Begräbnisplatz hat die Victoriagemeinde auch – er befindet sich seit 1909 auf dem Friedhof Stahnsdorf. 1929 wurde Birger Forell Gemeindepfarrer. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten engagierte er sich in der Bekennenden Kirche – der Opposition zu den regimetreuen „Deutschen Christen“ – und half vielen Menschen, Deutschland zu verlassen. Die Verfolgten konnten sich in Holzverschlägen auf dem Dachboden und im Keller der Kirche verstecken, bis eine Ausreise möglich war. Dazu dienten auch Kisten, in denen schwedische Diplomaten ihre Möbel nach Hause schicken durften. Bei einem geheimen Stopp der Güterzüge wurden die Möbel aus- und die flüchtenden Menschen eingeladen. Er half während des Zweiten Weltkriegs und danach Verfolgten, Vertriebenen und Kriegsgefangenen. Die Nazis wollten den Pfarrer loswerden – deshalb drängten sie in Schweden darauf, dass er zurückgerufen wurde. 1942 musste Birger Forell Deutschland verlassen und arbeitete in Schweden als Pfarrer. In Wilmersdorf erinnert der Birger-Forell-Platz an ihn. Doch die Nazis hatten nichts erreicht – denn Forells Nachfolger Erik Perwe setzte seine Arbeit fort. Er war allerdings nur für zwei Jahre Pfarrer und starb 1944 bei einem Flugzeugabsturz auf dem Weg nach Malmö. Erik Perwe wurde 2006 posthum als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet. Auf ihn folgte Erik Myrgren, der sich ebenfalls für die vom Naziregime Verfolgten einsetzte. Er wurde in Yad Vashem 1987 noch zu Lebzeiten als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet.

Wiederaufbau in den Nachkriegsjahren

Die Zeit der Kampfhandlungen im Zweiten Weltkrieg hatte die schwedische Kirche fast unbeschadet überstanden. Als die sowjetischen Soldaten in die Stadt kamen, vermuteten sie in der Kirche Lebensmittel. Sie fanden Flaschen, die sie für Weinflaschen hielten. Darin war allerdings Essig. Vor Wut sprengten sie das Kirchengebäude in die Luft, nur der Glockenturm blieb stehen. Die Kirche wurde von 1952 bis 1955 wieder aufgebaut. Um den Wiederaufbau kümmerte sich der Pfarrer Heribert Jansson. Er war auch würdiger Nachfolger der früheren Pfarrer – nach dem Mauerbau schmuggelte er Menschen aus der DDR in den Westteil Berlins. Das blieb der Stasi nicht verborgen, Jansson bekam ein Ein- und Durchreiseverbot für die DDR, das zehn Jahre lang gültig war. Allerdings führten andere Gemeindemitglieder seine Arbeit fort.

Ein beliebtes Ereignis – nicht nur für Schweden – ist der Schwedische Weihnachtsbasar, der alljährlich am ersten Adventswochenende stattfindet. Fans des skandinavischen Landes können sich hier auf kulinarische Spezialitäten, aber auch auf Dekorationen wie Weihnachtsschmuck, Dalapferde und vieles andere freuen, das typisch für Schweden ist. Die Schwedische Kirche befindet sich in der Landhausstraße 26 – 28, 10717 Berlin.

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