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Queeres Leben in Steglitz-Zehlendorf

Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Steglitz-Zehlendorf diskutiert

Foto: Raphael Renter / unsplash.com
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Erschienen in Gazette Steglitz und Zehlendorf Juni 2022
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MesserschmiedemeisterStahl-Hart

Queer wird in der Theorie nicht als Identitätsbegriff gesehen, sondern verweist u. a. eher auf gesellschaftliche Positionen, die zweigeschlechtliche, heterosexuelle Normen in Frage stellen. In der Praxis wird er oft als identitätsbasierte Selbstbezeichnung verwendet. Manche wollen damit Offenheit für nicht-binäre Geschlechter signalisieren, manche wollen eine Politisierung ihrer abweichenden, sexuellen oder geschlechtlichen Vielfalt thematisieren, andere wiederum nutzen den Begriff einfach als synonym zu lesbisch oder schwul. Auch im Bezirk hat sich eine queere Community entwickelt.

CDU-Fraktion

Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, dies schließt eine Unterscheidung nach sexuellen Präferenzen aus. Den Staat hat die sexuelle Orientierung einer Person nichts anzugehen. Jeder kann tun und lassen was er will, solange er nicht gegen Gesetze verstößt. Der Staat ist allerdings nicht dazu da, bestimmte sexuelle Orientierungen oder Lebensformen zu fördern, solange er daran kein besonderes Eigeninteresse, wie z. B. durch Geburt und Erziehung von Kindern, hat. Wie wir beobachten konnten, ist eine staatliche Förderung zur Verwirklichung sexueller Entfaltung – insbesondere in Berlin – nicht notwendig, es gibt Dinge, die Menschen auch heute noch ohne staatliche Hilfe allein bewältigen können. Wir gewinnen zunehmend den Eindruck, dass durch die ausufernde Schaffung immer neuer staatlicher Aufgaben und – damit zusammenhängend – immer neuer Stellen für Beauftragte für alles mögliche, Parteigänger linker Kräfte in staatliche Versorgung auf Kosten der Steuerzahler gebracht werden, weil die Wirtschaft mit deren Studiengängen nichts anzufangen weiß. Wir brauchen Ingenieure, keine Gender-Studenten, deren sexuelle Ausrichtung spielt dabei keine Rolle.

Torsten Hippe

B‘90/Grünen-Fraktion

Steglitz-Zehlendorf stellt so etwas wie einen weißen Fleck auf der queeren und schwul-lesbischen Karte Berlins dar: kaum Treffpunkte, kaum Veranstaltungen. Dennoch leben über 1000 Steglitz-Zehlendorfer*innen in eingetragenen Lebenspartnerschaften oder gleichgeschlechtlichen Ehen und viele mehr sind es, die Regenbogenfamilien bilden: darin übernehmen gleichgeschlechtliche Menschen zusammen Verantwortung für Kinder – mit allen Freuden, aber auch Herausforderungen, die dies birgt. Daher möchten wir Freizeit-, Beratungs- und Unterstützungsangebote für LSBTIQ+ Menschen ausbauen. Erste Bausteine dazu sind es, mit dem entsprechenden Ausschuss in der BVV auch queere Themen abzubilden und mit Pride Art e. V. ein queeres Künstler*innenkollektiv in Lichterfelde zu unterstützen und zu etablieren, welches von Friedrichshain zu uns gezogen ist und in der Soethstraße eine neue Heimat gefunden hat. Wir hoffen, hier niedrigschwellige Impulse und Orte für die Community zu schaffen, sich zu treffen, sich kennenzulernen und Vielfalt zu leben – damit die Regenbogenhauptstadt auch am Stadtrand bunter wird!

Carsten Berger

SPD-Fraktion

Der Juni ist traditionell der Monat, in dem der Fokus auf queeres Leben und queere Menschen gelegt wird. Als „Pride Month“ steht er für die Sichtbarkeit von queeren und trans* Menschen auf allen Ebenen der Gesellschaft. Queere Menschen identifizieren sich beispielsweise als lesbisch, schwul, bisexuell, asexuell oder trans. Leider sind queere Menschen immer noch Diskriminierung ausgesetzt und werden vermehrt das Ziel von Gewalt und Anfeindungen. Die SPD steht kompromisslos an der Seite der queeren Community. Wir kämpfen vor allem für Beratungs- und Vernetzungsangebote, insbesondere für Jugendliche. Gerade jungen Menschen fehlen oft die Räume und die Menschen, in und mit denen sie über ihre sexuelle und Genderidentität lernen und in Austausch treten können. Außerdem gibt es noch großen Nachholbedarf im Bereich der Sensibilisierung bei Jugend-, Sport-, Kultur- und Bildungsangeboten bzgl. der Bedürfnisse queerer Menschen. Auch bei Fällen von Ungleichbehandlung in der Berufswelt fehlt es an Beratungs- und Hilfsangeboten. Queeres Leben im Bezirk ist generationsübergreifend. Wir freuen uns über die wachsende Zahl von Angeboten für queere Menschen im Alter – eine Gruppe, die oft zu wenig Aufmerksamkeit erhält. Wir unterstützen diese Angebote nach Kräften! Insgesamt ist für die SPD klar: in unserem bunten Bezirk ist kein Platz für queerfeindlichen Hass und Hetze! Hier sollen sich alle Menschen zu Hause fühlen. Dafür kämpfen wir weiter!

Alexander Niessen und Ellinor Trenczek

FDP-Fraktion

Aus einer aktuellen Anfrage geht hervor, dass dem Bezirksamt keine Fälle von Homo-, Trans – und Queerfeindlichkeit im Bezirk bekannt sind. Diese an sich erfreuliche Nachricht darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass aus Studien anderer Bundesländern bekannt ist, dass dort in den letzten drei Jahren knapp jeder zweite queere Befragte Diskriminierung aufgrund seiner sexuellen Orientierung erlebte und dieses Phänomen sicherlich auch bei uns eine Rolle spielt. Wir Freie Demokraten (FDP) fordern, dass in Schulen und in der Jugendarbeit der Umgang mit Vielfalt eine stärkere Rolle spielt, damit Diskriminierung erst gar nicht entsteht. Die Förderung von Verständnis und Toleranz gegenüber Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung muss zudem in allen bezirklichen Einrichtungen gelebte Praxis werden. Beratungseinrichtungen für queere Menschen sowie Freizeit – und Kultureinrichtungen können einen zusätzlichen Beitrag leisten. Städtepartnerschaften müssen unter dem Aspekt der Förderung von Vielfalt und der Bekämpfung von Hasskriminalität, Ressentiments gegenüber queeren Menschen aufgebaut und weiterentwickelt werden.

Holger Zastrow

AfD-Fraktion

Unser Bezirk – das ist der Wannsee mit seinem historischen Strandbad und den weißen Segelbooten. Das ist der Grunewald, der bei Spaziergängern, Radfahrern und Sportlern gleichermaßen beliebt ist. Das ist die Freie Universität mit ihrem fröhlichen Studentenleben. Das sind der beliebte Schlachtensee, die berühmte Pfaueninsel mit Märchenschloss und die attraktive Steglitzer Shoppingmeile Schloßstraße mit dem bunten Bierpinsel, den Kinos, dem Schlossparktheater und dem Steglitzer Rathaus, in dessen Keller 1901 mit dem Wandervogel eine ganze Jugendbewegung gegründet wurde. Beliebt sind die Currywurst und das Gyros am Steglitzer Damm. Nicht zu vergessen: das Rathaus Zehlendorf, Sitz der Bezirksregierung, und Zehlendorf Mitte rund um die Kreuzung Zehlendorf Eiche. Hier kaufen die Zehlendorfer ein, genießen Kaffee und Torte im „LebensArt“, gönnen sich ein Bier im „Sabrinas“ und brunchen sonntags im „Tomasa“. Ob die Bürger dabei heterosexuell, homosexuell oder anders veranlagt sind, spielt dabei keine Rolle.

Peer Döhnert

Linksfraktion

Wie gut, dass Schöneberg unser Nachbarbezirk ist: Dort ist queeres Leben seit Jahrzehnten keine Frage sondern eine Selbstverständlichkeit. Und es ist sichtbar. Überall! Das fehlt in SZ. Aber wozu braucht es eigene Angebote und Sichtbarkeit im Bezirk, wenn Schöneberg doch vor der Haustür liegt? Weil queere Menschen HIER ihr Zuhause haben! Nur, wenn es gelingt in SZ Angebote zu institutionalisieren und nicht nur in der Pride-Week die Regenbogenflagge zu hissen, kommen wir der andernorts schon gelebten Normalität näher! Es braucht Orte, an denen sich z. B. junge queere Menschen treffen können ohne sich fremd und ausgegrenzt zu fühlen. Die Seniorenvertretung SZ hat dieses Erfordernis erkannt und einen Stammtisch für schwul-lesbische Senior*innen initiiert: Das verdient Anerkennung und Dank! Es braucht darüber hinaus Beratungsangebote v.a. für diejenigen, die Diskriminierung erleben. Es braucht Fortbildungen für Pädagog*innen und Lehrpersonal. Es braucht eine*n Queer-Beauftragte*n im Bezirk, um Netzwerke zu schaffen, Bedarfe zu ermitteln und Politik in die Pflicht zu nehmen. Es braucht mehr Farbe in SZ: Die täte uns allen gut!

Pia Imhof-Speckmann

Titelbild

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