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Hallervorden begegnet Schostakowitsch im Kammermusiksaal

Konzert im Kontext der Musikgeschichte

Fiktive Begegnung zwischen dem Musik-Komponisten Schostakowitsch und dem Wort-Akrobaten Hallervorden. Foto: DERDEHMEL-Urbschat
Fiktive Begegnung zwischen dem Musik-Komponisten Schostakowitsch und dem Wort-Akrobaten Hallervorden. Foto: DERDEHMEL-Urbschat
Erschienen in Lankwitz Journal August/September 2021
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Am 27. September 2021 wird um 20 Uhr im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie ein Projekt umgesetzt, das bereits zweimal wegen Corona vertagt werden musste: In der Veranstaltung „Hallervorden begegnet Schostakowitsch“ begegnen sich zwei Welten – Musik und Politik: Während die „Deutsche Sinfonietta Berlin“ unter der Leitung von Dirk Wucherpfennig mit einem musikalischen Spektrum Schostakowitsch´s von der Suite für Jazzorchester Nr. 1 bis zur letzten Sinfonie das Publikum fasziniert, liest zwischen den musikalischen Werken an diesem Abend Dieter Hallervorden aus Briefen, zeitgenössischen Kommentaren und serviert brisante Zitate aus dem biografischen Kontext von Schostakowitsch, der als einer der bedeutendsten Komponisten Russlands gilt.

Der Theatermann Dieter Hallervorden, der sich bei der delikaten Veranstaltung untertreibend eher als Salatblatt neben dem reichhaltigen Kotelett der Sinfonietta bezeichnet, stellt sich dabei die Frage: Welche Rolle spielt die Kunst in der Diktatur und wie wirkt sich Unterdrückung auf Kreativität aus?

– Eine Antwort darauf dürfte der aufmerksame Zuhörer in der Musik Schostakowitsch´s und den von Dieter Hallervorden vorgetragenen Texten finden, denn das diktatorische Regime der Sowjetunion hatte dem kreativen Komponisten Zeit seines Lebens stark zugesetzt.

Der Komponist

Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch wurde am 25. September 1906 (nach greg. Kalender) in Sankt Petersburg geboren, am 9. August 1975 starb er in Moskau. Er, den alle „Mitja“ riefen, wandte sich schon früh als Sohn einer Pianistin der Musik zu und entdeckte am Klavier sein kompositorisches Talent. Er wuchs auf in unruhigen Zeiten der Zaren-Ablehnung, die geprägt waren von blutigen Straßenkämpfen. Vor den Augen des jungen Mitja wurde ein Soldat erschossen, ein Bild, das ihn ein Leben lang begleiten sollte.

Nach dieser Revolution kommt Lenin und seine Partei an die Macht und mit ihm der Hunger, den Mitja nur beim Klavierspiel manchmal vergisst. 13-jährig geht das junge Talent als einer der jüngsten Studenten ans Konservatorium. Um etwas Geld zu verdienen, spielt Schostakowitsch in Stummfilmkinos – und arbeitet an seiner ersten Sinfonie, die schon bald große Erfolge weit über Russlands Grenzen hinaus feiert und weltweit gespielt wird. Mitja geht 19-jährig ans Theater in Moskau. Seine Musik, eine Mischung aus Konvention und Revolution, führt ihn auf gefährliches Terrain: Als propagandistischer Auftragskomponist arbeitet er zwar im Sinne der sowjetischen Regierung, verzichtet dabei aber nicht auf Spott, verborgene Botschaften und Kritik an den bestehenden gesellschaftlichen Zuständen, was auch Stalin und der Zensur nicht verborgen bleibt. So wird es für Schostakowitsch immer wieder gefährlich, wenn seine wirkliche Meinung einmal mehr in seiner Musik deutlich geworden ist und die Geheimpolizei auf den Plan ruft. Trotz ständiger Angst um sein Leben wird Schostakowitsch seine in Musik gefassten Botschaften weiter verbreiten. Die Sowjetunion wird er nie verlassen und in seinen Werken seinem Protest gegen die Unterdrückung Ausdruck verleihen.

Der Lesende

Dieter Hallervorden wurde am 5. September 1935 In Dessau geboren. Einen Teil der Kriegsjahre verbrachte er in Quedlinburg, wohin ihn seine Eltern – der Vater Ingenieur, die Mutter Arzthelferin – rechtzeitig vor den schweren Bombenangriffen aus Dessau in Sicherheit gebracht hatten. Nach dem Krieg kehrte Dieter dorthin zurück.

Trotz seiner sehr guten schulischen Leistungen will ihm die SED-Führung die Oberschule verwehren, doch dank beharrlichen Einsatzes seines Vaters, darf er sie schließlich doch besuchen. Nach dem Abitur studiert Dieter an der Humboldt-Universität in Ostberlin u. a. Romanistik und arbeitet nebenbei als Dolmetscher für Touristen. Der später so erfolgreiche Kabarettist lässt schon damals manch gesellschaftskritisches Wort fallen und bekommt immer wieder Ärger mit den Ostberliner Behörden. Für Dieter Hallervorden wird es immer gefährlicher im „Arbeiter- und Bauernstaat“, aus dem er dann gerade noch rechtzeitig nach West-Berlin flüchten kann.

An der Freien Universität Berlin studiert Dieter Hallervorden weiter, steht nebenbei auf der Studentenbühne – und schlägt schließlich seinen erfolgreichen Theaterweg ein. Er gründet das Kabarett „Die Wühlmäuse“, in dem er politische Satire hoffähig macht, und – wie Schostakowitsch – Kritik am System humor- und geistvoll äußert. Mit dem Unterschied, dass er, Hallervorden, in einer Demokratie lebt.

Als über die Jahre gewachsener Theatermann, Geschäftsführer der „Wühlmäusen“ und inzwischen auch des Schlosspark Theater bringt er nun – erfahren mit den Diktaturen seiner Jugend – wertvolles Rüstzeug mit, sich mit dem Projekt auf die Lebensgeschichte Schostakowitsch´s verständnisvoll einzulassen und daraus Fragen zu Kunst und Diktatur sowie Kreativität und Unterdrückung abzuleiten.

Das Ensemble

Die Deutsche Sinfonietta Berlin ist ein junges Orchester mit überwiegend Musikern der jungen Generation, die sich in der Klassik-Szene aber bereits einen Namen gemacht haben. Außergewöhnliche Programme, die auch ein jüngeres Publikum erreichen wollen, hat das Orchester zum Ziel. Es will bekannte wie außergewöhnliche Werke neu entdecken, von Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ bis Schostakowitsch´s Jazz-Suite. – Ein erstklassiges und einmaliges Ensemble, das, flexibel aufgestellt, rund 40 Mitglieder aus „renommiertesten Berliner Klangkörpern“ zählt. Sie treffen zum gehobenen Musizieren zusammen. Die Musiker kommen u. a. aus dem Konzerthausorchester Berlin, den Berliner Philharmonikern, der Deutschen Oper Berlin, der Staatskapelle Berlin, dem Luzerne Festival Orchestra und dem Deutschen Symphonie-Orchester und gehen auch in Sachen Instrumente ungewöhnliche Wege: Da klingt die Hawaii-Gitarre neben der Violine, zwitschert das Saxophon neben der behäbigen Tuba. Künstlerischer Leiter und Gründer des Orchesters ist der Orchestermusiker und Dirigent Dirk Wucherpfennig, u. a. Mitglied der Deutschen Schostakowitsch Gesellschaft.

Auf der Veranstaltung am 27. September 2021, die auch als „ein Lehrstück der Musikgeschichte über Meinungsfreiheit in turbulenten Zeiten“ bezeichnet werden könnte, stehen auf dem Programm Ausschnitte der Schostakowitsch Werke Suite No. 2 for Variety Orchestra, Suite Nr. 1 für Jazz-Orchester und Sinfonie Nr. 15. Dazwischen liest überleitend Dieter Hallervorden aus Briefen von und an den Komponisten, aus Zeitungsartikeln, Betrachtungen von Zeitgenossen und vielen anderen Quellen über Schostakowitsch.

Tickets erhältlich an allen bekannten Vorverkaufsstellen.

Vorstellung findet je nach aktuellem Corona-Stand statt.

Jacqueline Lorenz

Titelbild

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