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Wolfgang Stürzbecher und die jungen Halbstarken

Als Sozialarbeiter und Tierfotograf mit ruhiger Hand unterwegs

Wolfgang Stürzbecher – Fotografieren ist für ihn viel mehr als bloßes Hobby. Archiv Wolfgang Stürzbecher
Wolfgang Stürzbecher – Fotografieren ist für ihn viel mehr als bloßes Hobby. Archiv Wolfgang Stürzbecher
Erschienen in Lichterfelde Ost Journal August/September 2021
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Aufgewachsen ist er in Steglitz, gleich um die Ecke vom Erlenbusch. Wo Habicht und Fuchs sich unweit der Schloßstraße gute Nacht sagen, ist Wolfgang Stürzbecher (58) bereits in seiner Jugend der Natur und den Wildtieren näher gekommen. Später dann, als Sozialarbeiter und Bewährungshelfer, hat er es häufig mit jugendlichen Halbstarken zu tun bekommen, eine Arbeit, die ihm viel Kraft und Fingerspitzengefühl abverlangt. In der Natur und auf Reisen unterwegs, lädt er seine Batterien für diesen verantwortungsvollen Beruf wieder auf – hinter der Kamera, mit gleichermaßen ruhiger Hand für halbstarke und starke Wildtiere. Mit seinen Büchern und Fotografien schenkt er der Öffentlichkeit immer wieder spannende Einblicke in seine so unterschiedlichen Handlungsfelder, auf denen er sich tagtäglich bewegt und für die sein ganzes Herz schlägt.

Der Sozialarbeiter und Kritiker

Wolfgang Stürzbecher, verheiratet mit einer Kieferorthopädin und Vater zweier Kinder, ist dem Bezirk treu geblieben: Der gebürtige Berliner lebt heute, nach Stationen in Zehlendorf und Steglitz, in Lichterfelde-Ost. Als Sozialarbeiter ist er in seiner Arbeit als Bewährungshelfer für Jugendliche und Heranwachsende im Wedding sowie als Streetworker in Problembezirken immer wieder mit gewalttätigen und gewaltbereiten jungen Menschen in Kontakt gekommen. Über seine Erfahrungen schrieb er drei Bücher und berichtete darin von seinen Erlebnissen am „Tatort Straße“, gab Tipps für den Umgang mit Gewalttaten der „Großstadtrambos“ und ließ jugendliche „Entwurzelte“ von ihrem Überlebenskampf am Rande der Gesellschaft erzählen. – In der Hoffnung auf eine Wende zum Besseren. Doch es klingt wenig hoffnungsfroh, wenn er heute sagt: „Leider hat sich seitdem nicht viel zum Besseren getan. Vielmehr gibt es immer mehr gesetzliche Beschränkungen, obwohl schon die bestehenden nicht eingehalten werden. Was als Toleranz verkauft wird, ist oft die Feigheit oder Bequemlichkeit, etwas gegen die Verstöße zu unternehmen.“

Stürzbecher erhielt Parteiangebote, trat mit seiner für Sozialarbeiter eher untypischen Auffassung in TV-Formaten öffentlich auf, in denen er versuchte, Möglichkeiten sowie Grenzen der pädagogischen Arbeit mit gewaltbereiten Jugendlichen aufzuzeigen. Bevor er Bewährungshelfer für junge Heranwachsende in Wedding wurde, arbeitete er in mobilen Teams für Suchtprävention der Berliner Senatsverwaltung, lehrte an der Evangelischen Hochschule Berlin und referierte an der Dt. Richterakademie und an Polizeischulen zum Thema Sozialarbeit und Sozialpädagogik.

Doch neben diesen ernsten und oftmals so bedrückenden Themen hat er nie den positiven Blick auf die Schönheiten der Natur verloren und sich mit seiner Leidenschaft für Tiere, Reisen und die Fotografie zum in Fachkreisen anerkannten Fotografen entwickelt, der aus diesem zweiten Standbein viel Energie für seinen aufreibenden Sozialarbeiter-Job schöpft. Energie, die ihm außerdem seine Familie gibt.

Der Tierfotograf und Beobachter

Geduld – eine Tugend, die Wolfgang Stürzbecher bei seiner Arbeit mit Jugendlichen ebenso hilft wie in der Tierfotografie. Oftmals geht stundenlanges Verharren einem gelungenen Foto voraus. Doch das macht ihm, der sich so ganz auf die Tiere einlässt, wenig aus. „Ich genieße es, ihnen nahe zu sein und an sie heranzukommen, ohne sie zu stören“, verrät er, der den Berliner Wildtierexperten Dirk Ehlert wegen dessen Fachwissen und Begeisterungsfähigkeit für die Umwelt sehr schätzt und ihn von Zeit und Zeit mit der Kamera auf Exkursionen begleitet.

Die Liebe zur Tierbeobachtung besaß Stürzbecher schon früh: Bereits als Kind verfolgte er regelmäßig die Reihe „Tiere vor der Kamera“ des Tierfilmer-Duos Ernst Arendt/Hans Schweiger und ließ keine ihrer TV-Dokumentationen aus.

Längst fotografiert Stürzbecher mit seiner Nikon-Kamera nun selbst Tiere; neben den heimischen Habicht-Jungen im Erlenbusch oder den halbstarken Mäusebussarden, die das verlassene ehemalige Ausbildungsgelände an der Lankwitzer Straße für sich entdeckt haben, auf seinen Reisen in alle Welt auch Pinguine und Albatrosse – obwohl er aktuell pandemiebedingt damit pausieren muss.

Ursprünglich hatte Stürzbecher im Nebenberuf als Prominenten-Fotograf für etliche Medien schillernde VIPs wie Patrick Swayze, Sylvester Stallone, Hildegard Knef, Steffi Graf, Heinz Rühmann oder Joe Cocker bei einer Clown-Aktion abgelichtet. Beim nächtlichen Baby-Spaziergang mit seiner kleinen Tochter wechselte er dann aber das Fach und fand zur Tierfotografie: Erfolgreiche Überzeugungsarbeit dazu hatte ein Dompfaff im Park geleistet, den der Fotofreund nach mehreren Versuchen schließlich bildfüllend vor die Linse bekommen hatte. In vielen Ländern hat Wolfgang Stürzbecher inzwischen wildlebende Tiere fotografiert.- Sein Reisebuch, mit dem er die Leser an seinen Beobachtungen teilhaben lassen will, ist in Arbeit und soll den Titel tragen „Für 80 Tiere um die Welt – Hautnahe Begegnungen mit wilden Tieren“.

Stürzbechers tierische Reisereportagen und lokalen Tierberichte werden seit 20 Jahren in verschiedenen Tageszeitungen veröffentlicht, und auch für NABU, Burda Verlag und Nationalparks schießt er immer wieder hautnahe Tierfotos. Diese werden von ihm zwar zweimal geschärft, doch bleibt ein grauer Himmel auf seinen Fotos grau, und wenn ein Ast im Bildausschnitt mit erfasst ist, dann bleibt er im Foto. „Denn auch das ist Natur“, betont der Naturfreund.

Hausrotschwanz, Pinguin, Kegelrobbe & Co

Sich mit der Tierfotografie aus dem Alltag auszuklinken und dabei stundenlang im Wald auf die richtige Foto-Gelegenheit und den besonderen Vogel oder jungen Marder zu warten, hat für den Fotografen aus Leidenschaft fast meditative Züge. – Doch wenig schätzt er es, wenn gerade dann, sobald er den Auslöser drücken will, ein Hund ins Bild stürmt oder ein Spaziergänger neugierig fragt, was er denn fotografiere.

Und warum fotografiert er häufig Vögel? „Es gibt einfach mehr Vögel als andere Tiere, an die man herankommt“, ist die Antwort. Doch auch das werde in der Stadt immer schwieriger, so Stürzbecher: Durch das Zubauen der Städte und durch Verdichtung werde immer mehr der natürliche Luftfluss gestört, so dass lebenswichtige Habitate für Wildtiere verschwinden. Noch findet Stürzbecher auf seinem Hof nistende Hausrotschwänze, Spatzen, Stare und Meisen als heimische Fotomodelle und weiß das zu schätzen. Und auch die Wildgänse im Flug faszinieren ihn ebenso wie der Kranichzug, den er kaum ein Jahr verpasst. – Oder die Kegelrobben vor Helgoland, wo ihm beim Fotografieren einer Robbengeburt trotz eisiger Kälte warm ums Herz wurde.

Den Wildtieren, die man nicht vor der direkten Haustür findet, reist der Fotograf rund um die Welt nur zu gerne hinterher, begeistern tun sie ihn schließlich alle: „Denn auf der Erde gibt es viele Stellen, an denen man dicht an Wildtiere herankommt, ohne sie zu stören“, weiß er aus Erfahrung. Als freier Fotograf genießt er auf den Reisen als sein eigener Herr die Unabhängigkeit. Pinguine, Wale, Hyänen, Warane oder Geparde hat er so an stillen Orten wie Neuseeland, auf den Falklandinseln, in Kenia, Griechenland und Indonesien ungestört beobachten und fotografieren können.

Überall hat er bei seinen Exkursionen Menschen kennengelernt, die ihn vor Ort darin unterstützten, dass er sein Ziel hin zum besonderen Wildtierfoto erreichen konnte: Menschen, wie der alte Fischer, der ihm in Neuseeland mit Tintenfischresten acht Albatrosse erfolgreich vor die Linse lockte, da Stürzbecher nur ganze drei Tage für Fotos von diesen beeindruckenden Seevögeln blieben, und der dem Tierfotografen damit einen besonderen Wunschtraum erfüllt hat. Oder Brasilianer, die ihm vertrauten und ihm entgegenkommend genehmigten, auf der kleinen Naturschutzinsel, die nur das Militär betreten darf, Weißbauchtölpel mit der Kamera zu beobachten und eine noch nahezu unberührte Wildtierwelt zu betreten.

Auf manche Fotoreisen begleitet Wolfgang Stürzbecher seine belesene Frau, und auch sein 22-jähriger Sohn, ein wahrer Computer-Freak mit offenen Auge für jedes Tier, ist auf seinen Fotoexpeditionen die ideale Begleitung für den technisch weniger versierten Vater: Ist der Sohn doch der geborene Netzwerker und geschickt darin, förderliche Verbindungen und Kontakte zu Einheimischen zu knüpfen. Mit ihm gemeinsam will Wolfgang Stürzbecher hoffentlich bald nach Alaska aufbrechen, zu majestätischen Weißkopfseeadlern und Brutkolonien der Schopf-Alke. Das Projekt musste coronabedingt verschoben werden. Doch auch daheim ist dem Tierfotografen die Zeit nicht lang geworden: Derzeit versucht er, in Lankwitz das Praxisdach seiner Frau den Mauerseglern als Brutkolonie schmackhaft zu machen.

Was eigentlich ist sein Lieblingstier? „Immer das Tier, das ich gerade vor der Kamera habe“, antwortet der Wildtierfreund, und so kann man wohl auf noch viele berührende Tierfotos aus seinem naturnahen Blickwinkel gespannt sein.

Jacqueline Lorenz

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