29.10.2026: Ein Unternehmen ist immer so gut wie seine Mitarbeiter. – Das weiß auch Patrick Neuling, in dritter Generation Geschäftsführer der Autoservice Kunert GmbH unter der Autobahnbrücke am Breitenbachplatz. Mit Recht ist er stolz auf sein 13-köpfiges Mitarbeiter-Team, in dem Migrationshintergrund keine große Rolle spielt, sondern buntes Multikulti zu einem erfolgreichen Arbeitsalltag gehört. Laut statistischem Bundesamt steht in Deutschland hinter rund einem Viertel aller Beschäftigten eine Einwanderungsgeschichte, d.h. der Beschäftigte selbst oder seine Elternteile sind nach 1950 eingewandert. Dennoch ist der bestehende Mangel an Fachkräften in nahezu jedem Wirtschaftsbereich unübersehbar und beängstigend.

Dass für Patrick Neuling in seinem Betrieb Fachkräftemangel kein Thema ist, zeigt, dass er einen guten Weg gefunden hat, der nicht-deutschstämmigen Mitarbeitern eine Chance und damit auch dem mittlerweile 81-jährigen Familienunternehmen trotz schwieriger Zeiten eine Perspektive gibt.

Wintercheck
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Liberaler Betrieb mit klaren Regeln

Das Team, das bei Kunert an Fahrzeugen schraubt, sie repariert und Kunden einen reibungslosen Servicebetrieb offeriert, kann seine ganze Kraft ganz in seriöse Qualitätsarbeit stecken. Energiezehrendes Mobbing, religiöse oder politische Diskussionen oder gar Überredungsversuche zur religiösen Konversion haben im Betrieb keinen Platz. Dennoch gilt Glaubensfreiheit, Gebete während der Arbeitszeit sind gestattet, und um zum Freitagsgespräch pünktlich in der Moschee zu sein, darf der Kollege rechtzeitig gehen. Dabei gibt Patrick Neuling klare Regeln vor, die von den bei ihm arbeitenden Menschen verschiedener Religionen und mit Wurzeln, welche in Algerien, im Iran, Libanon, in Rumänien, Syrien, Spanien oder Deutschland liegen, gerne angenommen werden und ein verlässliches kulturelles Miteinander im Betrieb sicherstellen. Das Erfolgsrezept für den trotz so vieler unterschiedlicher Glaubensrichtungen, kultureller Erfahrungen, Überzeugungen und politischer Meinungen herrschenden Teamgeist erklärt Neuling so: „Jeder Mitarbeiter darf seine freie Meinung äußern, ohne den Anderen konvertieren oder überzeugen zu müssen. Unser gemeinsames Ziel ist es vielmehr, kundenorientiertes Arbeiten auf hohem Niveau zu bieten, was für den Betrieb und letztendlich jeden Mitarbeiter selbst persönliches Wachstum sowie von- und miteinander Lernen bedeutet und jeglichen Stillstand vermeidet.“ Alle seiner zwischen 21 und 53 Jahre alten Mitarbeiter besitzen eine Arbeitserlaubnis, viele einen deutschen Pass und alle arbeiten Vollzeit. Im Betrieb wird aus Höflichkeitsgründen Deutsch gesprochen, nicht zuletzt aber auch, um sprachbedingte Missverständnisse auszuschließen. Die Deutschkenntnisse der Angestellten sind gut, auch im Schriftverkehr. Handys bleiben während der Arbeitszeit in der Tasche, Ablenkung bei der Arbeit wird so vermieden. Denn: Mit ihren Fahrzeugen geben die Kunden in gewissem Sinne auch ihr Leben in die Hände des Servicebetriebes, weshalb verantwortungsbewusste Arbeit Priorität hat. Dabei steht der Chef hinter jedem seiner Leute und hat stets ein offenes Ohr für ihre Anliegen. „Ich gehe für jeden von ihnen durchs Feuer“, betont er, der sein Team neben dem jährlichen Betriebsausflug auch zum Bowlen oder Gokart-Fahren einlädt. Für das gute Betriebsklima spricht die Kündigungsrate der letzten 10 Jahre, die bei Null liegt.

Arbeit im Autoservice-Betrieb: Viel mehr als Reifenkontrolle.
Arbeit im Autoservice-Betrieb: Viel mehr als Reifenkontrolle.

Mit Naturtalent und Leidenschaft für den Job

Erfüllte Mitarbeiter findet man bei Kunert leicht: Da ist Daniel, der im Betrieb volle Inklusion erfährt und den niemand missen möchte. Seit 2000 ist er dabei und als wichtige Arbeitskraft nicht mehr wegzudenken. „Wenn er mal nicht da ist, sehen wir erst, was wir an ihm haben“, ist die einhellige Meinung seiner Kollegen. Oder Mohamed, der Praktiker, mit algerischen Wurzeln. „Er baut in der Geschwindigkeit einen Motor aus, in der andere ein Rad wechseln“, verrät sein Chef. Immer muss Mohamed etwas zu tun haben, ist im Betrieb ein Kühlschrank defekt oder die Mikrowelle streikt, ist das ein Fall für ihn. Monika Kunert, vorherige langjährige Betriebschefin, hatte schon früh sein Potential und sein Interesse an der Arbeit erkannt. „Sie war immer wie eine Mutter zu uns“, erinnert sich Mohamed gerne. Seit 2005 ist er im Betrieb, zu dem er über einen Sprachkurs gefunden hatte. Von seiner deutschen Schwiegermutter brachte er einiges Wissen über Deutschland mit. Inzwischen studieren sein Sohn und seine sprachbegabte Tochter Medizin.

Und da ist Abdul, der 2015, fast noch ein Junge, aus Syrien zu Fuß nach Deutschland und über seine Deutschlehrerin zu Kunert gekommen ist: Er fragte dort nach, ob es Arbeit gebe – und überzeugte schnell durch seine freundlich-menschliche Art und seine rasche Auffassungsgabe. Nach einem Praktikum blieb er. Die nötigen Fachkenntnisse brachte er aus Syrien mit, wo er bereits Motorräder repariert hatte. Inzwischen besitzt er einen deutschen Pass. Hier sieht der Familienvater, der auch noch seine syrischen Verwandten finanziell unterstützt, seine Zukunft und lobt „die netten Kollegen, das entspannte Arbeiten und die Meinungsfreiheit. Ich muss nicht, ich darf arbeiten.“

Batterieprüfung vom Fachmann.
Batterieprüfung vom Fachmann.

Auch Carlos aus Rumänien, der 2019 mit der ganzen Familie nach Deutschland gekommen ist, hat es nicht bereut, nach der Schule bei Kunert ein Praktikum gemacht und darüber seine spätere Arbeitsstelle gefunden zu haben. Gerne arbeitet er an der Hebebühne, lernt von Mohamed und scheut keine schwere Arbeit. Spannend findet er, beim aktuellen Technologiewechsels vom Verbrenner- hin zum Hybrid- und Elektromotor zukünftig manche Herausforderung erleben – und meistern zu können.

Vom Azubi zur Fachkraft

Und dann sind da noch die Azubis von einst, wie Abdullah, Ali und Ibrahim, längst von Kunert übernommen, weil sie hier „ihren Job fürs Leben“ gefunden haben. So auch Bilal, der aus Syrien kam, als Azubi schnell „eingedeutscht“ ist und inzwischen alle in perfektem Deutsch mit „Mahlzeit“ oder „Grüß Gott“ begrüßt. Versierte weitere Kollegen wie Dominik, der von VW kam, oder Akoo mit iranischen Wurzeln, der Werkstattmeister ist, perfekte Deutschkenntnisse hat und seine Ausbildung aufgrund sehr guter Leistungen zeitverkürzt abschließen konnte, sind stabile Glieder in der Mitarbeiterkette. Und da ist Alex, dienstältester Mitarbeiter mit unschätzbarer Erfahrung und einem Fachwissen, das er gut weiterzugeben weiß, sowie Miguel, Werkstattmeister. Bereits in der 7. und dann in der 9. Klasse absolvierte er Schulpraktika bei Kunert, nach dem Schulabschluss dann die Ausbildung. 2014 war er fertig und hängte nach mehreren Jahren Arbeit in dem Ausbildungsbetrieb seinen Meister an. Sein Ziel ist es, dieses Meisterwissen zu erweitern, weitere Zertifikationen für die neuen Technologien zu erlangen, hin zu typenoffenem Arbeiten. Auch im Büro trifft man ihn an. Miguel behält den Überblick, hat sich in Sachen Bürokratie einst vieles vom langjährigen perfekten Werkstattmeister Paul abgeguckt, ohne dabei die praktische Arbeit in der Werkstatt aus den Augen zu verlieren.

Vier Augen sehen mehr als zwei.
Vier Augen sehen mehr als zwei.

Ein starkes Team dank...

Patrick Neuling kennt die Lösung: „Integration funktioniert, wenn man gemeinsam Verantwortung übernimmt. Und wenn man dann noch den richtigen Mann mit Leidenschaft für seinen Job an den passenden Arbeitsplatz setzt – was kann dann noch passieren?“

Mit mehr Menschen wie Abdul, Mohamed, Daniel & Co und Chefs, die voll und ganz hinter ihren Mitarbeitern stehen, könnte Deutschland den Fachkräftemangel Fünf vor Zwölf noch in den Griff bekommen.

Jacqueline Lorenz