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GiG – getragen in Gemeinschaft

Pilotprojekt für mehr Miteinander statt Nebeneinander

Nicole Herlitz und Lucas Piechotta: Mit Herz und Sachverstand für GiG im Einsatz.
Nicole Herlitz und Lucas Piechotta: Mit Herz und Sachverstand für GiG im Einsatz.
Erschienen in Gazette Zehlendorf Februar 2019
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Schätzungsweise acht Millionen Menschen der Generation 60plus sind in Deutschland zumindest zeitweise vereinsamt. Der demographische Wandel hin zu einer Überalterung der Gesellschaft bringt auch für die Zukunft wenig Hoffnung. Doch er stellt auch Herausforderungen an jeden Einzelnen von uns, einer wachsenden Vereinsamung älterer Menschen entgegenzuwirken und sie in der Gemeinschaft aufzufangen.

Sich seiner Verantwortung wohl bewusst hat der Evangelische Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf dazu, wissenschaftlich begleitet und in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Hochschule Berlin und Frau Prof. Jürjens, das Projekt „GiG – Getragen in Gemeinschaft. Hochbetagt am Rande der Stadt“ im Jahr 2016 ins Leben gerufen und seitdem in den Pilotgemeinden Nikolassee und Schlachtensee viel bewegen können – als überkonfessionell und generationenverbindendes Angebot für alle.

Fest und unterstützend an Projekt-, Kirchenkreis-, Bezirks- und Gemeindeseite stehen dabei auch die SANTOR Stiftung, die Deutsche Fernsehlotterie sowie die Diakonie Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Ein verantwortungsvoller Projektbeirat, zu denen auch der ehemalige Bezirksbürgermeister von Steglitz-Zehlendorf, Norbert Kopp, gehört, begleitet das Projekt.

Als Zielgruppe stehen hochbetagte Menschen im Mittelpunkt, die noch in ihrem Zuhause leben, jedoch nicht mehr selbstständig am gesellschaftlichen Leben außerhalb ihrer vier Wände teilnehmen können. Befragungen innerhalb der von der Evangelischen Hochschule Berlin (EHB) durchgeführten Studie haben gezeigt, dass bei diesen Menschen die Einsamkeit häufiger Gast ist und ein starker Wunsch nach sozialer Einbindung besteht.

Die GiG-Initiative mit ihren Angeboten gibt den Anstoß, dass Alt und Jung in den Gemeinden wieder näher zusammenrücken, Vorurteile der unterschiedlichen Altersgruppen ausgeräumt werden und der Nachbarschaft wieder ein höherer Stellenwert zugeschrieben wird.

Begeistertes Team hinter sensiblem Pilot-Projekt

„Man muss für die Sache brennen“, darin sind sich die Projektkoordinatorin und erfahrene Medienberaterin Nicole Herlitz, die – von der Gemeinde Nikolassee für das Projekt vorgeschlagen – seit Beginn dabei ist, und ihr Teamkollege, der Sozialpädagoge Lucas Piechotta, einig. Nicole Herlitz begleitet zusätzlich an der EHB Seminare zur Projektentwicklung und öffnet den Studierenden, zu denen auch Lucas gehört, den Zugang für die Einbindung älterer Personen. Aus dem eigenen familiären Umfeld mit den Problemen und Wünschen betagter Menschen gut vertraut, bringt sie ein hohes Maß an Empathie in das sensible Projekt ein, was für einen nachhaltigen GiG-Erfolg unverzichtbar ist.

Lucas Piechotta studiert im Masterstudiengang Soziales Management und unterstützt die GiG-Arbeit innerhalb seiner von der SANTOR-Stiftung finanzierten Stelle seit 2018 mit wertvollem Fachwissen. Mit Hospiz- und Pflegeheimerfahrung bringt er ein gleiches Maß an Enthusiasmus und Einfühlungsvermögen wie seine Kollegin mit.

Die Gemeinden Schlachtensee und Nikolassee bieten mit ihrer Altersstruktur und ihren Bewohnern die passende Grundlage für das Pilotprojekt. Es ist über unterschiedliche Aktivitäten und Initiativen hier im Berliner Südwesten präsent und knüpft ein festes und zukunftsträchtiges Netzwerk, das alte Menschen, denen die Vereinsamung droht, zu stützen und wieder in die Gesellschaft einzubinden vermag.

Die jungen interessierte Menschen, die mit GiG kooperieren möchten, kommen derzeit überwiegend aus dem Bezirk Steglitz-Zehlendorf.

Brieffreunde, Erzählcafé, Dreilinden-Engel für Charlie und mehr

Die GiG-Taschengeldbörse „Jung und Alt – Miteinander im Kiez“ stärkt die Nachbarschaft in Nikolassee und Schlachtensee:

Gegen ein kleines Taschengeld bieten Schüler älteren mobilitätseingeschränkten Menschen ihre Unterstützung beim Einkaufen, Gassi-Gehen mit dem Hund, Hilfe bei kleinen Handy- und Computerproblemen an. Sie bieten Vorlesen und die Begleitung bei Theaterbesuchen.

Mit „Ziemlich beste Brieffreunde“ haben vier Studierende der EHB in Kooperation mit GiG, der Ev. Gemeinde Schlachtensee und der Anna Essinger Grundschule, Standort Rohrgarten, ein Projekt-Format entwickelt, das zur generationsverknüpfenden Brieffreundschaft zwischen Alt und Jung einlädt. Die Projektführung hat seit Juli 2018 Lucas Piechotta inne.

Im Wohnbereich zwischen Charles-H.-King-Straße und Edwin-C.-Ditz-Straße, dem „Amerikanischen Viertel“, beteiligt sich an dem Projekt die benachbarte „Montessori-Grundschule“. Im wechselnden Wochenrhythmus schreiben sich die Schüler mit älteren Menschen, die dabei in den als Briefboten fungierenden Projektinitiatoren zugewandte Ansprechpartner finden. „Daraus sind bereits langfristige Brieffreundschaften bis hin zu persönlichen Bekanntschaften entstanden“, freut sich Nicole Herlitz. Aus dem anfänglichen Briefkontakt entwickele sich im besten Fall eine vertrauensvolle Bekanntschaft, in der die Generationen miteinander ins Gespräch kommen und sich und ihre Eigenarten besser zu verstehen lernen – und manchmal dann gemeinsam den Weg ins Erzählcafé finden: Hierfür werden Geschichten, Erinnerungen und Anekdoten über Menschen aus Schlachtensee und Nikolassee gesammelt, die dann im Rahmen eines 14-tägig dienstags von 15 – 16.30 Uhr im Dreilinden-Gymnasium/Raum 017/EG geöffneten Erzählcafés weitergegeben werden: Von Alt an Jung, bei Kaffee, Saft und Kuchen.

Liebevoll nennt Nicole Herlitz ihre Jung/Alt-Erzählcafé-Gruppe die „Dreilinden-Engel für Charlie“ und verrät: „Oft geht es da in Diskussionen über Politik, aber auch über Gott und die Welt heiß her.“ Und man kommt sich näher, verständnisvoll auf Augenhöhe: Die Dreilinden-Schüler-“Engel“ und ihre 80plus-„Charlies“.

Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski unterstützt das Projekt: Die Schüler-Engel erhalten Zertifikate für ihren sozialen Einsatz. „Doch sie kommen auch nach der Zertifizierung weiter zu den Charlies, aus Freude an dem Austausch mit ihnen“, erklärt Nicole Herlitz stolz, „und mit Unterstützung der Dreilinden-Engel konnten im vergangenen Jahr an der Eröffnung der Dahlem-Route auch zwei ältere Charlies, in der Rikscha gefahren, teilnehmen – ein unvergessliches Erlebnis für sie!“

Zum neuen Jahr brachte die GiG jetzt einen Wendekalender heraus, der in berührender Weise und mit persönlichen Texten und Bildern die eindrucksvollsten Geschichten aus Schlachtensee erzählt: Vom Aufwachsen in der Marinesiedlung, einem Besuch im Schwedenheim, vom einstigen Tante-Emma-Laden am Alten Marktplatz und seiner Besitzerin, von herrlichen Nachkriegs-Spielplätzen und vom alten Schuster Luntscher.

750 Kalender ließ der Kirchenkreis über Pflegedienste an Haushalte betagter Menschen verteilen – und informierte damit auch sie, diese zurückgezogen und häufig einsam Lebenden, über die bestehenden GiG-Angebote.

Wie geht´s weiter?

Noch bis zum September 2019 läuft die gegenwärtige GiG-Projektphase. Doch eine Verlängerung auf mindestens fünf Jahre scheint sinnvoll. „Denn die initiierten Projekte beginnen gerade, sich zu verselbstständigen und Früchte zu tragen“, weiß Nicole Herlitz. Und es gibt präventiv noch viel zu tun, um das Generationen-Verständnis und -Miteinander weiter zu stärken.

Das GiG-Projekt ist dabei ein wichtiger Brückenbauer zwischen Alt und Jung. Initiiert von der Kirche, die damit Menschen die Hand reicht und denen Hoffnung gibt, die sich bereits vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen glaubten.

Miteinander und mit direkt Beteiligten über das GiG-Projekt ins Gespräch kommen können Alt und Jung, Gemeindemitglieder, Anwohner und Besucher übrigens auch in diesem Jahr wieder bei den sommerlichen Straßen- und Gemeindefesten in Schlachtensee und Nikolassee.

Das GiG-Projekt hat nach bereits kurzer Zeit bedeutende richtungsweisende Leuchtfeuer im Bezirk gesetzt, die helfen, sich mit seinem Kiez besser zu identifizieren, und die das Vertrauen in der Nachbarschaft stärken. – Doch es gibt außerhalb von Nikolassee und Schlachtensee noch reichlich dunkle Stellen, die wegweisender Leuchsignale bedürfen.

So darf man hoffen, dass sich die bestehenden GiG-Leuchtfeuer zum hochlodernden Lauffeuer der gelebten christlichen Nächstenliebe weit über die Bezirksgrenzen hinaus ausbreiten werden.

Jacqueline Lorenz

Weitere Informationen zum GiG-Projekt unter www.gig-hochbetagt.de und unter E-Mail nicole.herlitz@teltow-zehlendorf.de oder Tel. 0172 / 20 33 439
Spenden:
Ev. Kirchenkreisverband
Berlin-Süd-West
IBAN: DE18 5206 0410 0003 9663 99
BIC: GENODEF1EK1
Stichwort: „GiG“ 1002.1330.00.2100

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