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Erholung für die Seele im Kurhaus Lankwitz

James Fraenkel und sein Berolinum

Privat-Heil- und Pflegeanstalt Berolinum von Fraenkel und Oliven in der Leonorenstraße 17-33 um 1907. Archiv Jörg Becker Immobilien
Privat-Heil- und Pflegeanstalt Berolinum von Fraenkel und Oliven in der Leonorenstraße 17-33 um 1907. Archiv Jörg Becker Immobilien
Erschienen in Lankwitz Journal April/Mai 2018
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Engagiert für kranke Menschen, aber auch für den Ort, in dem er lebte: James Fraenkel (1859 – 1935) war mit der Heilanstalt Berolineum der größer Steuerzahler des Ortes Lankwitz und politisch im Gemeinderat tätig. Der gebürtige Oberschlesier studierte Medizin und zog anschließend nach Berlin. In Lankwitz eröffnete er gemeinsam mit Dr. Albert Oliven am 1. April 1890 das Berolinum. Die Heil- und Pflegeanstalt entwickelte sich im Laufe der Zeit zur größten Klinik für Nerven- und Suchterkrankungen im Umland von Berlin. Hier wurden Drogensüchtige und psychisch Kranke ebenso aufgenommen wie Menschen mit Magenleiden, Darmerkrankungen oder Diabetes und Nierenerkrankungen. Zunächst wurde die private Heil- und Pflegeanstalt an der Leonorenstraße – damals Victoriastraße – erbaut. Der Architekt Max Fraenkel, Bruder des Mediziners, bekam den Auftrag zur Errichtung weiterer Gebäude. Diese ließ er links und rechts der Leonorenstraße bauen. Auf der Seite, an der das Gelände heute in Richtung Teltowkanal endet, entstand die Männerabteilung. Da zu Kaisers Zeiten strenge Geschlechtertrennung herrschte, wurden weibliche Patienten auf der anderen Straßenseite in der Frauenabteilung untergebracht. Für die Erholung der Patienten ließ James Fraenkel einen Park anlegen und ein Kurhaus mit Portal erbauen. Auch ein Kommunalkrankenhaus entstand, in dem sich die Bürger von Lankwitz und Umgebung behandeln ließen. Die Klinikleiter selbst ließen sich zwischen Bruckner- und Nicolaistraße Villen erbauen, so konnten sie in der Nähe ihres Arbeitsplatzes wohnen.

Mediziner und Mäzen

Das Kurhaus, das mit veränderter Fassade heute noch steht, war hochmodern eingerichtet. Schon damals gab es elektrisches Licht, fließendes Wasser und dank der Zentralheizung war es in der kalten Jahreszeit mollig warm. In dem Gebäude befanden sich die Verwaltungsräume der Klinik. Aber auch eine Art früher Fitnessraum, an dem die Patienten an Geräten ihre Beweglichkeit trainierten, Patientenzimmer mit Balkon und Gemeinschaftsräume sowie eine „Alkohol-Fürsorgestelle“ waren hier untergebracht. Eine Gedenktafel an der Hausfassade erinnert an James Fraenkel, der als Mitbegründer der modernen Psychotherapie gilt. Er verwahrte die Patienten nicht nur, sondern bemühte sich, die Erkrankungen auch tatsächlich zu heilen. Der Sohn eines Rabbiners engagierte sich nicht nur für seine Patienten und die Medizin, sondern auch für seine Wahlheimat Lankwitz. 1910 wählten die Bürger den Arzt in die Gemeindevertretung. Er stiftete das Ratssilber und auch den kürzlich erst restaurierten Vier-Winde-Brunnen vor dem Rathaus. Während des Ersten Weltkriegs stellte er einen Großteil des Sanatoriums als Lazarett zur Verfügung. Dort arbeiteten auch seine Ehefrau Paula und seine drei Töchter.

Bomben auf das Berolinum

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs begannen James Fraenkel und Albert Oliven, sich langsam zurückzuziehen. Einen Großteil des Sanatoriums verpachteten sie an den Verband der Krankenkassen Groß Berlin. Dort entstand nun das jüdische Krankenhaus Lankwitz. Auf die Verpachtung erfolgte der Verkauf – 1921 erwarb der Verband der Krankenkassen die meisten Gebäude. Die Damenabteilung wurde von James Fraenkel weiterbetrieben, als verkleinertes „Berolinum“. Sein Kollege Dr. Albert Oliven verstarb im Jahr 1921. 1934 erkrankte James Fraenkel, im folgenden Jahr starb er. Seine Frau und seine Kinder verließen Deutschland. Der Verband der Krankenkassen erhielt den Klinikbetrieb noch bis 1940 aufrecht, danach stellte er den Krankenhausbetrieb ein. Die Räume wurden anschließend vom Reichsarbeitsdienst genutzt. Während der „Bombennacht von Lankwitz“ im August 1943 wurden viele Gebäude der früheren Heilanstalt schwer beschädigt. Die Damenabteilung sowie die früheren Villen von Fraenkel und Oliven wurden dem Erdboden gleichgemacht.

Wechselnde Nutzungen

Das Kurhaus, das Krankenhaus und die Männerabteilung wurden nach Beseitigung der Kriegsschäden wieder genutzt und als Krankenhaus Lankwitz – ab 1952 Städtisches Krankenhaus Steglitz – weitergeführt. Der Betrieb lief noch bis 1978, dann nutzte man das Haus für chronisch kranke Menschen. Das Krankenhaus wurde Ende 2017 abgerissen. Auch der von James Fraenkel angelegte Park wurde dezimiert – 200 alte Bäume mussten fallen, damit Wohnraum für Flüchtlinge entstehen konnte. Im Kurhaus sind heute psychisch kranke Menschen aus dem Maßregelvollzug untergebracht.

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