Gazette Verbrauchermagazin DIN-A4-Bezirks-Magazine DIN-A5-Ortsteil-Journale

50 Jahre Thermometersiedlung

Jubiläum in Lichterfelder Großsiedlung

Erschienen in Lichterfelde Ost Journal April/Mai 2018
Anzeige
Pflege aus LeidenschaftZeit & Schmuck am KranoldplatzAETKA Communication CenterFoto Frohloff

Steglitz-Zehlendorf besteht aus vielen Mosaiksteinen. Der Wannsee, die Villen und viele Parks, die Schloßstraße und der Bierpinsel sind einige davon. Aber auch die Thermometersiedlung gehört dazu. Sie ist eine der typischen Stadtrandsiedlungen der 1970er-Jahre im Westen Berlins. Baubeginn war 1968, sechs Jahre später konnten die ersten Mieter in die Häuser einziehen, die rund 4500 Wohnungen beherbergen. Mit der Zeit entwickelte sich die Siedlung zu einem sozialen Brennpunkt, in dem Gewalt und Drogenprobleme, insbesondere bei Jugendlichen eine Rolle spielten. Freizeitangebote hingegen fehlten. Mit Sozialarbeit wird gegen die Probleme angekämpft, dabei arbeiten soziale Träger, die Polizei, Jobcenter, Kirche, Justiz und das Bezirksamt zusammen. Seit 2017 gibt es als zusätzlichen Treffpunkt für die Bewohner das Café ANDERS Celsius, in dem Spielenachmittage, Yoga und viele weitere Aktivitäten auf dem Programm stehen.

Wer waren Celsius, Fahrenheit, Réaumur und Mercator?

Zehn Grad Celsius sind 50 Grad Fahrenheit oder 8 Grad Réaumur. Die heutige in Europa gebräuchliche Celsius-Skala wird seit 1901 für die amtliche Temperaturmessung genutzt. Sie löste damit die bis dato gebräuchliche Réamur-Skala, die um 1730 eingeführt wurde und die 1714 entwickelte Fahrenheit-Skala ab. In den USA wird die Temperatur weiterhin in Fahrenheit gemessen, dies wurde in den 1860er-Jahren gesetzlich eingeführt. Wer hatte die unterschiedlichen Arten der Temperaturmessung entwickelt? In der Lichterfelder „Thermometersiedlung“ erinnern die Straßennamen an die gelehrten Männer, deren Wissen und Forschungen zu Temperaturmessung und Fortschritt beitrugen.

Das schwedische Thermometer

Weitgereist und sehr gelehrt: Der im Jahr 1701 geborene Schwede Anders Celsius wurde schon im zarten Alter von 29 Jahren Professor für Astronomie. Der Naturwissenschaftler entstammte einer Adelsfamilie und trat in die Fußstapfen seiner Vorfahren: Sein Vater Nils war Professor für Astronomie, seine beiden Großväter – Magnus Celsius für Mathematik und Anders Spole ebenfalls für Astronomie – waren auch Professoren. Bis 1732 reiste er durch Europa und besuchte alle namhaften Planetarien. Er arbeitete mit zahlreichen führenden Astronomen dieser Tage zusammen. 1734 gehörte er als auswärtiges Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften an. 1736 nahm er an einer Expedition nach Lappland teil, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, die Abflachung der Pole zu belegen. Dabei hatten die Teilnehmer verschiedene Thermometer im Gepäck, jedoch keins war zuverlässig. Zurück in Uppsala entwickelte Celsius innerhalb von zwei Jahren ein Thermometer, das die Temperatur mittels Quecksilber zuverlässig anzeigt. Als Schwedisches Thermometer 1742 veröffentlicht, trat es seinen Siegeszug in Europa an. Anders Celsius erlebte den Ruhm seiner Erfindung nicht mehr mit. Er starb 1744 im Alter von nur 42 Jahren an Tuberkulose.

Alkohol als Wärmemesser

René-Antoine Ferchault de Réaumur war ein Zeitgenosse von Anders Celsius. Der 1683 in La Rochelle geborene Forscher war vielseitig interessiert, die Herstellung von Glas, Stahl und Papier beschäftigte ihn genauso wie die Temperaturmessung und die Entstehung der Schalen von Schalentieren. Die Académie des sciences machte ihn im Alter von 24 Jahren zu ihrem Mitglied und in den folgenden 50 Jahren gab es fast jährlich einen Beitrag von Réaumur in ihren Mémoires. Anhand eines Alkoholthermometers entwickelte er seine Skala zur Wärmemessung. Sie verbreitete sich in ganz Europa und wird heute noch von Pâtissiers beim Kochen von Zuckerlösungen verwendet.

Berühmt bis in die islamische Welt

Der gebürtige Belgier Gerard de Kremer – bekannt geworden als Gerhard Mercator – erblickte 1512 das Licht der Welt. Der Sohn eines Schuhmachers wurde nach dem Tod seines Vaters bei den „Brüdern vom gemeinsamen Leben“ erzogen und ausgebildet. Der begabte Schüler studierte ab 1530 und beschäftigte sich mit Theologie, Philosophie und Mathematik. Als Mitarbeiter des Professors Gemma Frisius war er an der Erstellung von Erd- und Himmelsgloben beteiligt. Sein erster eigener Globus wurde 1541 herausgebracht. 1544 wurde Mercator monatelang eingekerkert, da er Anhänger der Reformation Martin Luthers war. 1551 erschien sein Himmelsglobus. Meistens verkaufte er einen Himmels- und einen Erdglobus gemeinsam. Heute gibt es noch 22 Stück von ihnen. 1551 zog er auf Einladung von Wilhelm dem Reichen nach Duisburg, um dort am akademischen Gymnasium Professor für Kosmografie zu werden. Mit seinen Kosmografien und Weltkarten wurde er berühmt. Sein Hauptwerk vollendete er kurz vor seinem Tod im Jahr 1594.

Vom Kaufmann zum Wissenschaftler

Der 1686 geborene Danziger Daniel Gabriel Fahrenheit wurde schon früh Waise. Von den fünf Kindern, die seine Mutter Concordia Fahrenheit geboren hatte, war er das einzige, das überlebte. Er verlor seine Eltern in früher Jugend. Es wird vermutet, dass sie an einer Pilzvergiftung starben. Der Junge trat eine Lehrstelle als Kaufmann in Amsterdam an. Doch schon früh faszinierten ihn wissenschaftliche Instrumente und physikalische Untersuchungen. Seine Reisen führten ihn in die nordischen Länder und quer durch Deutschland. Daei nahm er Kontakt zu nahmhaften Gelehrten auf. Seine wahre Berufung fand er, als er sich 1717 als Feinmechaniker in Amsterdam niederließ. Er baute Thermometer, Barometer und Aräometer. Zusätzlich hielt er wissenschaftliche Vorträge. 1724 nahm die Royal Society in London als Mitglied auf. Seine Quecksilberthermometer die über eine Drei-Punkte-Eichung verfügten, waren die ersten, die übereinstimmten. Fahrenheit starb 1736 in Den Haag.

© Gazette Verbrauchermagazin GmbH 2019