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Lokallabor Dudenschänke gibt Raum für Menschen mit Visionen

Wo einst Bier aus dem Hahn floss, sprudeln heute Ideen aus den Köpfen

Wiedereröffnung 2020: Viele sind gekommen, haben mitgeredet und machen nun mit. Foto: Lokallabor
Wiedereröffnung 2020: Viele sind gekommen, haben mitgeredet und machen nun mit. Foto: Lokallabor
Erschienen in Gazette Schöneberg & Friedenau August 2021
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Rechtsanwalt

Mit der Umgestaltung der ehemaligen Eckkneipe „Dudenschänke“ will der Verein Lokallabor Dudenschänke e. V. ein Zeichen gegen Anonymität in der Großstadt setzen und eine demokratische Begegnungsstätte für jedermann im Kiez schaffen, unkommerziell und multifunktional. Hier an diesem Quartiersort direkt am Dreiländereck zwischen Neu-Tempelhof, der Roten Insel und der Tempelhofer Vorstadt, wo Jung und Alt, Singles und Familie sowie Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in bunter Nachbarschaft leben, kommen Menschen aller Couleur zusammen, die sich mit anderen austauschen sowie ihre Ideen, Projekte und Visionen einander vorstellen und gemeinsam realisieren möchten. Gleichzeitig soll mit dem Projekt Dudenschänke die Grundlage für zukunftsfähige Stadtplanung gelegt werden und sollen Themenbereiche wie interkultureller Austausch, Nachhaltigkeit und Öffentlicher Raum zum Mitmachen animieren. Als FEIN-Pilotprojekt von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen gefördert, wird damit das ehrenamtliche Engagement der Macher zur Nachbarschaftsstärkung, Stabilisierung des Wohnumfeldes und zum sozialen Miteinander honoriert.

Jörn Oltmann, Dezernent für Stadtentwicklung und Bauen in Tempelhof-Schöneberg erklärt dazu: „Ich freue mich, dass wir erneut eine Förderung durch das FEIN-Pilotprogramm für unseren Bezirk gewinnen konnten. Ich wünsche dem Verein Lokallabor Dudenschänke viel Erfolg und hoffe auf reges Interesse der Nachbarschaft für diese besondere Projektidee.“

Ein Kiezwohnzimmer für alle – gelebte Stadtplanung

Reges Interesse – daran mangelt es den Ideenschmieden des Pilotprojektes und Studierenden des Studienganges „Urbane Zukunft“ nicht. Johanna, Beatrix, Christiane, Tobias und Fabian – sie alle sind mit dem Kiez verankert, stehen in direktem Bezug zu ihm und entwickeln gemeinsam mit ihrem Verein Lokallabor und ambitionierten Mitstreitern im „Labor“ Dudenschänke Formate für ein aktiveres und lebenswerteres Kiezleben. Fabian Rennig, Vereinssprecher und Studierender der Europäischen Ethnologie, erklärt: „Der Kiez hat Dorfcharakter, man kennt sich, es geht persönlicher als an anderen Orten der Großstadt zu. Mit den Menschen hier gemeinsam wollen wir einen lebendigen, vielseitigen Begegnungsort schaffen, der Wohnzimmer-Charakter hat, in dem sich alle wohlfühlen und gleichberechtigt sind, eigene Ideen und Vorschläge vorzubringen und umzusetzen.“ So gibt es keine spezielle Zielgruppe, an die sich das Lokallabor Dudenschänke richtet, vielmehr soll niemand ausgeschlossen sein, jeder, der will, mit einbezogen werden in die Arbeit des Vereins und die Weiterentwicklung des Quartiers. – Mit seiner Sicht auf das Gemeinwohl aller ist der Verein weitaus gemeinnütziger als es viele andere Vereine sind, die sich mit dem Begriff der „Gemeinnützigkeit“ schmücken.

Als energiegeladene Schnittstelle zwischen Bürgern und Projekten könnte man den Mitmachraum Dudenschänke auch bezeichnen, in dem man sich der Herausforderung stellen kann, eigene Ideen zu konkretisieren.

Dudenschänke gestern, heute und morgen

Eine Herausforderung war auch der Zeitpunkt der Wiedereröffnung der Kiez-Zukunftswerkstatt Dudenschänke: zu Beginn der Pandemie, März 2020, öffnete die einstige Kneipe wieder ihre Türen.

Zuvor hatte in den Jahren 1974 bis 2018 Wirtin Erika, ehemalige Großhandelskauffrau im Tabakhandel, die nie schlecht über andere sprach, im Gründerzeiteckhaus aus dem Jahr 1906 oft 15 Stunden täglich den Bierhahn fest im Griff und war Vertrauensperson vieler Stammgäste. Vor ihr war bereits eine von „Frau Lintzel“ geführte Schankwirtschaft in den Räumen, von der Erika das sanierungsbedürftige Lokal übernommen und unter großen finanziellen Anstrengungen neu ausstaffiert hatte. In der Eckkneipe Dudenschänke wurden anfangs die Bierfässer noch mit Kaltblütern von der nahen Schultheiss-Brauerei angeliefert. Unzählige alte Werbe-Blechschilder schmückten die Wände des Schankraumes. Bis heute sind sie – ebenso wie das Schultheiss-Außenschild – gern (an)gesehene Zeitzeugen vergangener Tage mit Dauerbleiberecht. Wahllokal war die Dudenschänke, Kulisse für Musikvideos des Rapper Sido, Gastraum für Muschelessen und immer wieder Partytreff mit Stimmungsgarantie.

Im Februar 2020 zog zunächst erst als Zwischennutzer das Lokallabor mit seinen Initiatoren in die Kneipe, mit dem innovativen und zukunftsorientierten Hintergedanken, gemeinschaftliches Zusammenleben in einem für alle offenen Raum zu etablieren. Gemeinsam einen Ort zum Wohlfühlen, für Ideen und Experimente zu entwickeln, ist weiterhin das Hauptziel.

Erst Bier, dann wir – Kiezleben selbermachen

Zur Eröffnung der „neuen“ Dudenschänke kamen im Frühjahr 2020 über 300 Leute. Vom Architekten bis zum Tischler und einstigen Kneipen-Stammgast diskutierten sie, tauschten Ideen aus und gingen erste wichtige Schritte durch die weit geöffnete Tür der Dudenschänke Richtung Vielfalt. Trotz Pandemie hat sich inzwischen viel in der unkommerziellen Einrichtung getan, in der Alkohol und Bouletten längst vom Tresen verschwunden sind: Spieleabende, Musik-Sessions, ein Repair-Café standen bereitsauf dem Programm, und längst kommen die Menschen mit ihren Ideen in der Dudenschänke wie selbstverständlich vorbei, aber auch, um mit anzupacken, wenn wieder mal gezimmert, geräumt und der Treff ein Stück gemütlicher gemacht wird. Gemeinsam arbeiten die ehrenamtlichen „Stadtentwickler“ an der Zukunft ihres Kiezwohnzimmers, in dem gelernt sowie gemeinsame Visionen und Ideen entwickelt werden. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden dabei nicht außer Acht gelassen und bestimmen regelmäßig Projektinhalte. Der Treff steht Veranstaltungen und Vereinen ebenso offen wie Nachbarn und Menschen mit Gesprächsbedarf. „Bei uns darf jeder seine Meinung, seine Verbesserungsvorschläge und Kritik einbringen, egal ob Vereinsmitglied oder nicht“, betont Fabian. Rund 50 Mitglieder hat der Lokallabor e. V. aktuell. Eine übliche Gewerbemiete für die Dudenschänke muss monatlich aufgebracht werden, um die Kosten zu decken sind Fördergelder und finanzielle Zuwendungen von Projektunterstützern und kooperierenden Institutionen derzeit noch unverzichtbar und willkommen, auch wenn sie nicht „aus dem Kiez, für den Kiez“ kommen.

Regelmäßige Öffnungszeiten des Kiezwohnzimmers variieren derzeit noch coronabedingt.

Präsenz beweist der Verein auf den gängigen Social Media-Kanälen, stetig wird an seinem Auftritt gefeilt, und auch die Webseite wächst täglich. In der rund 40 Quadratmeter großen Lokallabor Dudenschänke gibt es ehrenamtlich noch kräftig zu werkeln und bauen, viel zu sehen und zu lesen gibt es für den zufällig vorbeispazierenden Passanten jedoch schon vor der Dudenschänke:

Da steht als liebevoll gezimmerte kleine Schwester die kleine „Dudenschenke“. Mützen, Jacken, Schals warten in ihren Regalen und aufgebügelt kostenlos auf neue Besitzer, die leeren Bügel auf Nachschub und Aussortiertes. Eine Nachbarin kümmert sich in manchmal mehrmals täglichem Einsatz darum, dass alles ordentlich und sauber präsentiert wird. An den Scheiben der Dudenschänke informieren Ideen, Aufrufe, Geschichten aus dem Lokalverein, dazu Fotos und Grafiken, die Transparenz beweisen und dem Betrachter herzlich und voller positiver Energie und Zuversicht zuzurufen scheinen: „Schau vorbei, tausch dich aus, denke mit und mach mit, für Kunst, Kultur, Gleichberechtigung und Völkerverständigung!“

Weitere Informationen zu Verein und Kiezwerkstatt, Mitgliedsbeiträgen und aktuellen Öffnungszeiten unter www.lokallabor.de

Jacqueline Lorenz

Lokallabor Dudenschänke

Dudenstraße 76
10965 Berlin

E-Mail: hallo@lokallabor.de

www.lokallabor.de

Finanzielle Unterstützungen bitte an:
Lokalverein e. V.
IBAN: DE27 1005 0000 0190 9636 62

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