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Ausstellung zur deutsch-jüdischen Fotografin Gerty Simon

Werkschau in der Liebermann-Villa am Wannsee

Gerty Simon, Selbstporträt, um 1934.  The Bernard Simon Collection, Wiener Holocaust Library Collection.
Gerty Simon, Selbstporträt, um 1934. The Bernard Simon Collection, Wiener Holocaust Library Collection.
Erschienen in Wannsee Journal August/September 2021
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In Zusammenarbeit mit der Londoner Wiener Holocaust Library widmet die Liebermann-Villa am Wannsee der deutsch-jüdischen Fotografin Gerty Simon (1887–1970) die erste Überblicksausstellung im deutschsprachigen Raum. Sie präsentiert eindrucksvolle Aufnahmen wichtiger Berlinerinnen und Berliner sowie internationaler Persönlichkeiten der 1920er- und 1930er-Jahre. Ausgangspunkt ist ihr 1929 angefertigtes Fotoporträt von Max Liebermann. Dr. Lucy Wasensteiner, Direktorin der Liebermann-Villa: „Dank unserer Kooperation mit der Wiener Holocaust Library werden Simons brillante Fotografien seit ihrer Flucht aus Deutschland 1933 erstmals wieder in Berlin gezeigt. Ihr in London erhaltenes Foto- und Archivmaterial ist überaus wertvoll. Anhand dieser Dokumente wird Simons Werdegang als deutsch-jüdische Fotografin zwischen Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Exil nachvollziehbar. Ihre Lebensgeschichte zeigt beispielhaft, welche gravierenden Auswirkungen Nazi-Deutschland auf die Kulturgeschichte hatte und wie solch eine erfolgreiche Künstlerin in Vergessenheit geraten konnte.“

Karriereaufbau und Erfolge in Berlin

Die Ausstellung beginnt mit einem Blick auf Gerty Simons Anfänge und beruflichen Erfolge in Berlin. Die als Gertrud Cohn in Bremen geborene Gerty Simon widmete sich in Berlin der Fotografie und eröffnete in der Charlottenburger Clausewitzstraße ihr erstes eigenes „Photographisches Studio“. Sie pflegte Kontakte zu Politikern, Wissenschaftlern und Künstlern. Unter den Porträtierten sind Albert Einstein, Max Planck, Renée Sintenis, Max Slevogt, Käthe Kollwitz, Kurt Weill, Lotte Lenya und Max Liebermann.

Londoner Exil

Neben Simons Erfolgen der 1920er-Jahre blickt die Ausstellung auf ihre Flucht ins britische Exil. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft war die Fotografin von dem wachsenden Nationalsozialismus in Deutschland stark bedroht. Um dem Naziregime zu entfliehen, ging sie 1933 mit ihrem Sohn ins britische Exil. Ihren Neuanfang bereitete sie präzise vor. Sie sammelte sämtliche Presseerwähnungen, übersetzte einige ins Englische, ordnete ihnen systematisch Titel sowie Datum zu und ließ sich Empfehlungen ausstellen.

In London eröffnete Gerty Simon 1933 wieder ein Fotoatelier. Sie traf mehrere Berliner Bekannte im Londoner Exil, darunter Lotte Lenya und Alfred Flechtheim. Sie konnte sich erneut ein breites Netzwerk aufbauen, ihr Atelier wurde zu einem Treffpunkt der Kunstszene.

Bis ins Archiv

Abschließend beleuchtet die Ausstellung das Nachkriegsleben der Familie Simon anhand mehrerer Objekte aus dem in der Wiener Holocaust Library aufbewahrten Nachlass. Ob Gerty Simon nach 1936 weiterhin als Fotografin tätig war, ist nicht bekannt. Als Folge der Novemberpogrome 1938 emigrierte auch ihr Ehemann nach London. Zwei Jahre später wurden sowohl ihr Mann als auch ihr Sohn – wie fast alle deutschen Emigranten in Großbritannien – als „feindliche Ausländer“ inhaftiert. Die Familie überstand die Schicksalsjahre und erhielt im Jahr 1947 die britische Staatsbürgerschaft. Bis zu ihrem Lebensende 1970 blieb Gerty Simon mit ihrer Familie in Großbritannien.

Die Ausstellung wird bis 4. Oktober gezeigt. Alle Informationen unter: www.liebermann-villa.de/gertysimon

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