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Eine Kadettenanstalt als Werbemittel

Carstenn wollte Zuzug adliger Familien erreichen

Erschienen in Gazette Steglitz Februar 2021
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Eine Villengegend für betuchte Bewohner – mit Bahnlinie in gut erreichbarer Entfernung: Das waren die Pläne von Johann Anton Wilhelm Carstenn, der die Güter Giesensdorf und Lichterfelde sowie die dazugehörigen Ländereien erworben hatte. Die Erfüllung des schönen Plans im ländlichen Groß-Lichterfelde war nicht einfach, denn die Bahn wollte nur einen Bahnhof bauen, wenn es eine garantierte Anzahl an Fahrgästen gab. Und eine gute Idee, um die gewünschten Bewohner anzuwerben, musste auch noch her. Denn die mittlerweile parzellierten Grundstücke, die links und rechts der Straßen, Alleen und Plätze lagen, verkauften sich längst nicht so gut wie ursprünglich vorgesehen.

Das Geschenk für den Staat

So schenkte Carstenn dem Preußischen Staat 21 Hektar von seinem Besitz für den Bau einer Kadettenanstalt. Denn dadurch, so sein Kalkül, würden die Züge der Bahn gefüllt und der Zuzug adliger Familien in die Villenkolonie gesichert. Der Kaiser nahm das Geschenk dankend an und Carstenn wurde geadelt und durfte sich fortan „von Carstenn-Lichterfelde“ nennen. Der Bau begann und wie im Schenkungsvertrag vereinbart, sorgte Carstenn für die Erschließung des Geländes und für die Anbindung an den Schienenverkehr. Auf der Strecke, auf der die Baumaterialien vom Bahnhof Lichterfelde Ost bis zur Kadettenanstalt befördert wurden, fuhr anschließend die erste elektrische Straßenbahn der Welt.

Der Plan von Carstenn ging fast auf. Die Züge waren gut gefüllt und die Kadettenanstalt, die nach Plänen der Architekten Ferdinand Fleischinger, Gustav Voigtel und Bernhard entstand, nahm Gestalt an. Auch der preußische Adel baute nun Villen auf den Grundstücken und zog nach Lichterfelde. 1873 erfolgte die Einweihung des neuen militärischen Prachtstücks. Die Hauptgebäude waren alle miteinander verbunden. Sie waren so angeordnet, dass insgesamt zwei Innenhöfe zum Exerzieren vorhanden waren. Diese waren durch Baumreihen voneinander getrennt. Mit Turnhallen, Ställen, Reitbahn, Baracken für die Kadetten, Wirtschaftsgebäude, Speisesaal und Feldmarschallsaal, Kirchen sowie Schul- und Dienstgebäuden wurde sie zur wichtigsten Kadettenanstalt im Deutschen Reich. Doch der Investor hatte sich mit der Schenkung und Erschließung finanziell ruiniert. Carstenn starb verarmt und verbittert im Maison de Santé in Schöneberg im Jahr 1896. Er bekam ein Ehrengrab auf dem Friedhof der Dorfkirche Lichterfelde.

Erfolgreiche Ausbildungsstätte

Die Preußische Hauptkadettenanstalt war eine Erfolgsgeschichte und brachte viele erfolgreiche Absolventen hervor. Lichterfelde wurde ein Synonym für militärische Eliteausbildung. Das Ende des Ersten Weltkriegs bedeutete auch das Aus für die Kadettenanstalt.

Im Zuge des Versailler Vertrags mussten alle vormilitärischen Einrichtungen geschlossen werden. Die Schule – die Kadetten wurden in einem Realgymnasium ausgebildet – durfte weiter bestehen, so dass alle Schüler bis zum Abitur geführt werden konnten. Die Kadettenanstalt wurde in eine Staatliche Bildungsanstalt (Stabila) umgewandelt. Dies ging nicht reibungslos, denn die militärisch-konservativ erzogenen Schüler taten sich schwer damit, die demokratisch geprägte Erziehung des ersten Schuldirektors Dr. Fritz Karsen zu akzeptieren. So versuchten Schüler schon bei der Eröffnungsfeier die schwarz-rot-goldene Fahne zu entfernen. Entgegen der Schulordnung führten sie weiterhin selbständig Exerzierübungen und Appelle durch. Nach drei Monaten gab Fritz Karsen auf.

Geheimrat Hartung, der die Schulleitung kommissarisch übernahm, gestattete den Schülern, ihre Aktivitäten weiterzuführen. Die Schülerzahl nahm in den Folgejahren stark ab, was dazu führte, dass die östlichen Kasernenflügel leer standen. Hier bezogen die Berliner Bereitschaftspolizei und das Provinzialschulkollegium Quartier.

Standort der SS

Der Wahlsieg der Nationalsozialisten änderte auch vieles in der ehemaligen Hauptkadettenanstalt. Von 1933 bis 1934 nutzten die „Landespolizeigruppe Hermann Göring“ und die „SA-Stabswache Hermann Göring“ die westlichen Kasernengebäude. Die östlichen Kasernen waren das Quartier für die „Leibstandarte SS Adolf Hitler“. Diese wuchs bis 1935 auf 2918 Soldaten an, der Platz in der Hauptkadettenanstalt wurde knapp. Mit Um- und Erweiterungsbauten wurde die Anlage dem neuen Bedarf angepasst.

Der wohl beeindruckendste Neubau war die Schwimmhalle, die mit einem Becken von 25 x 50 Meter zu den größten der damaligen Zeit zählt. Revolutionär waren die versenkbaren Fensterbänder, die es im Sommer ermöglichten, auf die Wiese neben dem Schwimmbad zu gelangen. Das Schwimmbad stand nur den SS-Angehörigen und ranghohen Politikern zur Verfügung. Im Zuge der Umbauarbeiten wurde auch der Haupteingang zur Finckensteinallee verlegt. Zwei große, steinerne SS-Rottenführer flankierten das Eingangstor. 1943 wurde auch die frühere Hauptkadettenanstalt von Bomben getroffen. 1945 brannten Teile des Gebäudes aus. Die Soldaten räumten die Gebäude am 22. April 1945, als die Rote Armee näher rückte.

Nachkriegszeit und zivile Nutzung

Die Liegenschaft wurde am 4. Juli 1945 an die US-Streitkräfte übergeben. Sie setzten die weniger beschädigten Gebäude wieder instand und sprengten die Reste der stark beschädigten Bauten. So schufen sie Platz und begannen, neue Kasernen zu errichten. Außerdem entstanden Wohngebäude für hier stationierte Soldaten und ihre Familien. Das Schwimmbad wurde zur Freizeitstätte für die Alliierten. Nach dem Mauerfall verließen die Alliierten das Gelände und übergaben es am 27. August 1994 der Bundesrepublik Deutschland. Mittlerweile ist das Bundesarchiv hier untergebracht und das Schwimmbad wird von Vereinen aus Steglitz-Zehlendorf als Trainingsort genutzt.

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