Wird am Wald-Gymnasium verfehlte Schulplanung auf dem Rücken der nächsten Generationen gemacht?
Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Charlottenburg-Wilmersdorf diskutiert

Erschienen in Gazette Charlottenburg und Wilmersdorf März 2026
Monatlich erscheint in der Gazette Charlottenburg und Wilmersdorf ein Thema, zu dem die in der BVV vertretenen Fraktionen Stellung nehmen. Das Thema wird „reihum“ von einer der Fraktionen bestimmt. In dieser Ausgabe hat die FDP-Fraktion das Thema vorgeschlagen.
CDU-Fraktion
116 Jahre Schulgeschichte, ein ausgeprägtes Fremdsprachenprofil und eine einzigartige Verankerung im Ortsteil – das Wald-Gymnasium ist eine feste Größe in der Schullandschaft Charlottenburg-Wilmersdorfs und darüber hinaus. Umso entsetzter fielen die Reaktionen der Schulgemeinschaft aus, als die Pläne des SPD-geführten Schulamtes durch eine Anfrage der CDU-Fraktion publik wurden, das Gymnasium zu schließen und am selben Standort eine Integrierte Sekundarschule (ISS) zu schaffen. Ein eigens erstellter Kriterienkatalog und passende Prognosezahlen werden dabei als Argumente aufgeführt, um eine breite und ergebnisoffene Debatte zur Schulplatzsituation im Bezirk im Vorfeld zu unterbinden. Die CDU-Fraktion kann ein derartiges Vorgehen ohne Beteiligung der bezirklichen Schulgremien nicht gutheißen, zumal zum Zeitpunkt der Bekanntgabe noch keine entsprechende Beschlusslage existierte, um diesen Alleingang zu rechtfertigen. Wir drängen daher auf einen ehrlichen Blick auf die Schulplatzbedarfe, auch über die Bezirksgrenze hinweg. Für uns ist klar, dass das Wald-Gymnasium erhalten werden muss.
Alexander Pönack
B‘90/Grünen-Fraktion
Wir setzen auf eine vielfältige Auswahl guter Schulen mit starkem Personal im Bezirk. Gute Bildung entsteht in einer kindgerechten und für die Familie passenden Schulform – ob gebundener oder offener Ganztag, ob MSA oder Abitur, ob Gymnasium, Gemeinschaftsschule oder Integrierte Sekundarschule (ISS).
Familien sollen sich in diesem Bezirk darauf verlassen können, dass ihnen hier verlässliche Perspektiven eröffnet werden.
Der Bezirk steht in der Verantwortung, in jeder Schulform attraktive Angebote zu schaffen. Dazu gehört auch, ohne Vorurteile über die Umwandlung einer Schulform in eine andere zu sprechen. Um dies zu ermöglichen, muss der Bezirk zusätzliche Mittel in nachhaltige Schulgebäude, multiprofessionelle Teams und innovative Lernkonzepte investieren.
Gute Bildung schafft gleiche Chancen – für eine gerechte Gesellschaft, in der alle jungen Menschen befähigt werden, selbstbestimmt zu lernen, kreativ mitzudenken und unsere Gesellschaft nachhaltig zu gestalten. Charlottenburg-Wilmersdorf braucht ein vielfältiges Bildungssystem, das allen Kindern und Jugendlichen gleiche Chancen bietet und sie gut auf ihr Leben vorbereitet.
Corinna Balkow
SPD-Fraktion
Eingangs ist festzuhalten: Die Fragestellung ist irreführend. Sie unterstellt, die Qualität der Wald-Oberschule würde durch die Umwandlung in eine ISS leiden. Tatsächlich hat sich durch neue Aufnahmekriterien für Gymnasien das Ungleichgewicht im Bezirk verschärft: Derzeit gibt es rund 1.000 Gymnasialplätze zu viel und etwa 800 ISS-Plätze zu wenig. Zudem nehmen unsere Gymnasien seit Jahren viele Schüler:innen aus anderen Bezirken auf. Es kann nicht sein, dass ISS-Schüler:innen im eigenen Bezirk keinen Platz finden. Auch als ISS bleibt an der Wald-Oberschule das Abitur möglich - dann nach 13 statt 12 Jahren. Das begrüßen viele Eltern, weil ihre Kinder mehr Zeit zur Entwicklung oder außerschulische Aktivitäten haben. Die Pläne wurden transparent im Schulausschuss vorgestellt. Grundlage waren fünf objektive Kriterien: Kapazität, Investitionsbedarf, Versorgungssituation in der Schulnetzplanung, Besonderheiten und Entwicklungsperspektive. Die Waldschule erfüllt sie und bietet durch die benachbarte Grundschule beste Voraussetzungen für das Zusammenwachsen zu einer Gemeinschaftsschule.
Dr. Felicitas Tesch
Linksfraktion
Deutschland ist eines der Länder mit der größten Vermögensungleichheit. Und: hier entscheidet die Herkunft der Eltern über die eigene Bildungsbiographie. Schuld daran ist auch unser dreigliedriges Schulsystem, in dem „leistungsstarke“ Kinder von den „schwachen“ schulisch möglichst früh getrennt werden. So könnten „Schwächere“ besser gefördert und die „Starken“ besser gefordert werden. Fakt ist aber, dass gemeinsames Lernen aller Schüler:innen unabhängig von Herkunft und Portemonnaie der Eltern die besten Lernerfolge für alle zeitigt und für mehr Bildungsgleichheit sorgt. Das zeigen zahlreiche Studien. Dass die FDP aus der längst überfälligen Schaffung einer weiteren Integrierten Sekundarschule (ISS) in unserem mit Gymnasien überversorgten Bezirk nun solch einen Skandal strickt, zeugt von ihrem verstaubten Elitismus, aber sicher nicht von Expertise in der Bildungspolitik. Die Gründung der ISS ist ein erster richtiger Schritt hin zu mehr Bildungsgleichheit; der nächste ist die Schaffung einer Gemeinschaftsschule, in der alle Kinder von der 1. bis zur 13. Klasse gemeinsam lernen können!
Anne Zetsche
FDP-Fraktion
Aus Sicht der FDP offenbart die Situation am Wald-Gymnasium im Westend Charlottenburgs die Folgen jahrelang unzureichender Schulentwicklungsplanung. Statt frühzeitig ausreichend Schulplätze für alle Schulformen zu schaffen, um auch auf plötzlich steigende Schülerzahlen reagieren zu können, greift der Bezirk nun zu kurzfristigen Strukturentscheidungen zu Lasten eines der traditionsreichsten und beliebtesten Gymnasien unseres Bezirks. Die zur Umwandlung in eine ISS angesetzten Auswahlkriterien lassen dabei viele Fragen offen. Sie verunsichern die (auch zukünftige) Schulgemeinschaft und scheinen eher eine bereits gefasste politische Entscheidung lediglich legitimieren zu wollen. Bildungspolitik muss jedoch neben Wahlfreiheit und Qualität gerade Verlässlichkeit und Planungssicherheit garantieren. Erfolgreiche Schulstandorte müssen gestärkt und bedarfsgerecht ausgebaut werden, anstatt sie aus Mangelgründen infrage zu stellen. Die Umwidmung einer bestehenden Schule dagegen verschiebt lediglich strukturelle Probleme, die eine verfehlte Politik zuvor selbst geschaffen hat.
Stefanie Beckers
AfD-Fraktion
Bildungspolitische Irrwege geht Berlin seit Jahrzehnten. Man schaue auf das Bildungsranking. Da will das Bezirksamt nicht zurückstehen. Es ist ein schwerer Fehler, das traditionsreiche und leistungsstarke Wald-Gymnasium in eine Integrierte Sekundarschule umzuwandeln. Damit werden Qualität, Leistungsorientierung und stabile schulische Strukturen geopfert. Das ist verantwortungslos gegenüber Schülern, Eltern und Lehrkräften. Ja, es fehlen Plätze für Integrierte Sekundarschulen. Dafür müssen jedoch andere Wege beschritten werden, z.B. Neubauten, Erweiterungen oder andere tragfähige Lösungen. Es ist verantwortungslos und gesellschaftlich schädlich, erfolgreiche Schulformen zu benachteiligen. Vor allem brauchen wir keine ideologisch motivierte Gleichmacherei. Im Gegenteil: Hohe Maßstäbe, Anforderungen, Leistung und Exzellenz sind gefragt – in Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung.
Individueller Erfolg und gesellschaftlicher Wohlstand zukünftiger Generationen basieren auf unserem Schulsystem. Gymnasien sind deswegen besonders zu fördern und nicht abzuschaffen.
Michael Seyfert









