Nikolassee
Wie der Nikolassee zu seinem Namen kam
Sage um ein mittelalterliches Eifersuchtsdrama
20.07.2026: Heute ist der Nikolassee umrahmt von der Avus einerseits und von Villen auf der anderen Seite. Doch im Mittelalter sah es hier düster aus. Eine Sage, die sich um den See rankt, besagt, dass er versteckt in dichtem Wald lag. Die Einheimischen nannten das Gewässer „Tusen“, ein Name, dessen Ursprung niemand so genau kannte. An den Ufern wuchsen wilde Kräuter. Die Mönche des Klosters Lehnin, zu dem der See und die Umgebung damals gehörten, nutzten sie für ihre Medizin, doch im Dorf Krummensee tuschelte man noch über eine ganz andere Wirkung: Ein bestimmtes Kraut sollte, als Saft getrunken, Verliebte für immer aneinanderfesseln.
Sage um ein unzertrennliches Paar
Genau dieses Liebeskraut soll die junge Bärbel genutzt haben, um das Herz von Friedrich, dem frischgebackenen Bürgermeister des Dorfes, zu gewinnen. Trotz des üblichen Dorfklatsches waren die beiden ein unzertrennliches Team. Selbst als Friedrich in den Krieg gegen plündernde Banden zog und monatelang weg war, blieb Bärbel ihm treu.
Das passte einem abgewiesenen Verehrer überhaupt nicht: Jürgen aus Zehlendorf. Aus verletztem Stolz startete er eine Schmutzkampagne und schwärzte seinen Rivalen Friedrich beim Dorfpfarrer an. Friedrich würde mit den slawischen Nachbarn aus „Slatdorp“ (dem heutigen Schlachtensee) paktieren, so der Vorwurf. Der Pfarrer hielt die offensichtliche Intrige zunächst für lächerlich. Doch Jürgen legte nach und behauptete plötzlich, Friedrich würde am See „Tusen“ heidnische Opferrituale abhalten. Um dem Ganzen Nachdruck zu verleihen, grub Jürgen eine alte Tragödie aus: Vor 15 Jahren war der kleine Sohn seines Bruders spurlos verschwunden. Jürgens neue Theorie: Das Kind wurde damals von den Slawen rituell geopfert – und Friedrich stecke mit drin.
Prozess mit Hindernissen
Nun schaltete sich das Kloster Lehnin ein. Der Abt schickte zwei Abgesandte zur Gerichtsverhandlung: Bruder Martin und den jungen Laienbruder Paulus. Letzterer trug selbst eine tragische Geschichte in sich. Man hatte ihn als Kind, halbtot vor Kälte, auf der Türschwelle des Klosters gefunden.
Die Verhandlung geriet jedoch schnell ins Stocken, weil der junge Paulus völlig erschöpft war und während des Prozesses immer wieder einnickte. Also wurde die Sitzung vertagt.
Die nächtliche Enthüllung
In dieser Nacht erlebte Paulus im Schlaf eine Wendung. Im Traum erschien ihm der heilige Nikolaus und nahm ihn mit an das Ufer des „Tusen“, um ihm zu zeigen, was vor 15 Jahren wirklich geschah.
In der Vision sah Paulus einen kleinen Jungen, der schlafend in einem hohlen Baumstamm saß. Plötzlich tauchte ein Bauer auf, packte das Kind und stieß es kaltblütig in den tiefen See. Als Paulus im Traum eingreifen wollte, stand der heilige Nikolaus mit dem geretteten Kind im Arm vor ihm und erklärte: „Ich habe dich damals vor dem Ertrinken gerettet und zum Kloster gebracht. Du selbst bist dieser Junge.“ Der Heilige knüpfte die Aufklärung des Falls an Bedingungen: Der See sollte fortan „Sankt Claussee“ heißen, vom Abt geweiht werden und der wahre Mörder müsse seine gerechte Strafe erhalten.
Showdown im Gerichtssaal
Schweißgebadet wachte Paulus auf und berichtete Bruder Martin sofort von der nächtlichen Erscheinung. Als die Verhandlung fortgesetzt wurde, trat Paulus vor die Menge und stellte die entscheidenden Fragen: „Wer ist mein Vater? Und wer wollte mich töten?“
Nach einem Moment betretener Stille erhob sich der Dorfpfarrer. Er erklärte, dass Paulus' Vater in Wahrheit der Bauer Heinz sei, der inzwischen als Einsiedler im Eichenwald am See lebte. Die Mutter war damals vor Kummer über den Verlust des Kindes gestorben. Vater und Sohn fielen sich weinend in die Arme – ein markantes Muttermal am Hals bestätigte die Identität des Jungen.
Tod des Täters
Doch wer war der Täter? Plötzlich meldete sich ein slawischer Zeuge namens Palix zu Wort. Er erinnerte sich genau an den Tag des Verschwindens vor 15 Jahren und belastete Jürgen schwer: Er hatte ihn damals allein am See beobachtet.
In einer kurzen Sitzungspause ging Bruder Martin in die Kirche, um zu beten. Eine innere Stimme befahl ihm, sofort in den Gerichtssaal zurückzukehren. Dort angekommen, deutete er ohne zu zögern auf den rothaarigen Jürgen: „Das ist der Mann aus meiner Vision!“
Jürgen verlor völlig die Nerven. Panisch stürmte er aus dem Pfarrhaus und floh in den dichten Wald, dicht gefolgt von den wütenden Dorfbewohnern. Auf der Flucht stolperte er den steilen Hang hinunter und versank schreiend im morastigen Moor des Sees.
Ein neuer Name für den Tusen
Nachdem Friedrich von allen Vorwürfen freigesprochen worden war, durfte er seine Bärbel endlich heiraten. Wenig später wurde der See in einer feierlichen Prozession in „Sankt Claussee“ umgetauft, woraus im Laufe der Jahrhunderte der Name Nikolassee wurde. Am Südufer errichteten die Menschen eine Kapelle zu Ehren des heiligen Nikolaus.
Hinter der Legende steckt ein ganz pragmatischer Kern: Dem Kloster Lehnin als Besitzer der Ländereien war der alte Name „Tusen“ – was im Volksmund so viel wie „Teufelsloch“ bedeutete – schlicht zu unheimlich für das eigene Register. Ein heiliger Schutzpatron als Namensgeber war da deutlich besser für das Image des Sees.
