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150 Jahre Friedenau

1871 begann die Planung für den heutigen Ortsteil

Friedrich-Wilhelm-Platz
Friedrich-Wilhelm-Platz
Erschienen in Gazette Schöneberg & Friedenau Oktober 2021
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Luftig, ländlich und mit Garten – das Ganze nur eine Stunde von Berlin-Mitte entfernt. So sollte die auf dem Reißbrett geplante Landgemeinde Friedenau, der Wohnsitz vieler Neubürger werden. Fabriken waren nicht erlaubt, um die Anwohner vor Lärm und schlechter Luft zu schützen. Allerdings sollte nicht jeder hier wohnen dürfen – hohe Mietshäuser und „Proletarierwohnungen“ durften ebenfalls nicht gebaut werden.

Der Beginn

Johann Anton Wilhelm von Carstenn-Lichterfelde kaufte im Jahr 1871 die Ländereien des Ritterguts Wilmersdorf – der Beginn der Geschichte von Friedenau. Der Kaufmann – heute würde man Investor sagen – hatte bereits in Hamburg die Villenkolonie Marienthal entwickelt. Es folgte der Ankauf von Lichterfelde und Giesensdorf bei Berlin, wo Groß-Lichterfelde gebaut wurde. Seine Erfolgsgeschichte setzte er mit der Entwicklung des Geländes auf dem ehemaligen Rittergut Wilmersdorf fort. Dazu gehörte das heutige Friedenau auf dem damaligen „Wilmersdorfer Oberland“. Doch das Glück verließ Carstenn – der Börsenkrach von 1873 zwang ihn, bereits parzellierte Grundstücke in den bestehenden Kolonien weit unter Wert zu verkaufen. 1896 starb er verarmt in der Nervenheilanstalt „Maison de Santé“ in Schöneberg.

Neben Carstenn war David Born, an den die Bornstraße erinnert, einer der maßgeblichen Männer der Entwicklung von Friedenau. Er bekam den Baugrund von Carstenn günstig angeboten und gründete den Landerwerbs- und Bauverein auf Actien. In Berliner Zeitungen schaltete er Anzeigen, auf die sich Interessenten für die Grundstücke meldeten. Born wollte Friedenau von Anfang an als grüne Lunge gestalten. Die Bebauung des Ortes mit Mietshäusern erlebte er nicht mehr mit, Born starb 1879.

Die erste Bebauung

In Friedenau wurden schnell die ersten Landhäuser gebaut. Nach den Vorschriften durften sie nicht mehr als zwei Stockwerke haben und über einen Garten sowie Vorgarten verfügen. Hier sollten sich Künstler, Schriftsteller und Pensionäre wohlfühlen. 1874 erklärte Kaiser Wilhelm I. Friedenau zur eigenständigen Landgemeinde. Im gleichen Jahr bekam Friedenau eine eigene Bahnstation. Allerdings liegt diese genau genommen bereits in Schöneberg. So idyllisch und niedrig wie am Anfang blieb die Bebauung in der Landgemeinde jedoch nicht. Wohnungsmangel in Berlin war schon häufig Thema – so auch 1887, als die neue preußische Bauordnung Mietshäuser mit bis zu fünf Stockwerken erlaubte. Die Vorgärten blieben jedoch an vielen Stellen erhalten.

Die Kirche als Mittelpunkt

Als Mittelpunkt der Landgemeinde wurde ca. 1879 der Friedrich-Wilhelm-Platz angelegt. Seinen Namen verdankt er dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm Nikolaus Karl von Preußen, der unter dem Namen Friedrich III. im Jahr 1888 für 99 Tage Kaiser war, bis er seinem Krebsleiden erlag. Auf dem Platz wurde am 10. November 1893 die Kirche Zum Guten Hirten eingeweiht. Eine eigene Kirche war für die ständig wachsende Landgemeinde damals überfällig. Eigentlich gehörte die Gemeinde zur Dorfkirche Wilmersdorf, doch aus Platzgründen fanden die Andachten in einer Gastwirtschaft in Friedenau statt. Dieser Zustand war auf Dauer nicht hinnehmbar und so wurden die Baukosten für die neue Kirche von der Gemeinde Deutsch-Wilmersdorf, vom Kirchenbauverein und der Landgemeinde aufgebracht. Auch Kaiserin Augusta, die Schirmherrin der Kirche, beteiligte sich an den Kosten. Heute ist von der ursprünglichen Platzanlage nicht mehr viel zu sehen, die Symmetrie ging durch den Bau der Bundesallee verloren.

Das Ende der Landgemeinde

Die Bevölkerung der Landgemeinde war von 1104 Einwohnern im Jahr 1875 zu 43.000 Einwohnern im Jahr 1912 angewachsen. Das hatte zur Folge, dass bis 1914 nahezu alle verfügbaren Grundstücke bebaut waren. Die Geschichte von Friedenau als eigenständige Landgemeinde endete nach fast 50 Jahren im Oktober des Jahres 1920, als der Ort als Teil des Bezirks Schöneberg zu Groß Berlin eingemeindet wurde. Doch bis heute zählt Friedenau mit seiner schönen Bebauung und vielen individuellen Einkaufsmöglichkeiten zu den gefragtesten Ortsteilen der Stadt.

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