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Hermann Muthesius – Architekt in Nikolassee

Der Baumeister und streitbare Autor prägte den Ortsteil

Hermann Muthesius vor seinem Wohnhaus.
Hermann Muthesius vor seinem Wohnhaus.
Erschienen in Gazette Zehlendorf März 2021
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Ein großes Grundstück mit aufwändig gestaltetem Garten, darin ein großzügiges Wohnhaus, in dem die ganze Familie ihr Leben nach Wunsch gestalten konnte: In der neuen Kolonie Nikolassee wurde beim Hausbau nicht gespart. Schließlich zogen Menschen hierher, die in ihrem Leben bereits einiges erreicht hatten und einen repräsentativen Lebensstil führten. Das spiegelte sich in den Villen wider, die hier neu entstanden.

Lebensraum und Schönheit

Die Handschrift eines bekannten Architekten begegnet uns in Nikolassee immer wieder: Hermann Muthesius entwarf nicht nur Häuser für Auftraggeber, er baute auch sein eigenes Haus in die idyllische Villenkolonie. Für ihn musste ein Haus Lebensraum im wahrsten Sinne des Wortes haben, aber auch das Äußere sollte Wohnlichkeit und eine vornehm zurückhaltende Schönheit ausstrahlen. Architektur war eine seiner Leidenschaften, denen er von ganzen Herzen nachging. Auch als Autor, Geheimrat im Preußischen Handelsministerium und Mitbegründer des Deutschen Werkbundes hat er sich einen Namen gemacht.

Von Sachsen bis Tokio

Sein Geburtsort Großneuhausen befand sich in der Provinz Sachsen. Er kam am 20. April 1861 als Sohn des Maurermeisters Ehrenfried Muthesius zur Welt. Nach Abschluss der Volksschule begann er eine Maurerlehre. Der praktischen Ausbildung folgte die Schulbank – er besuchte das Leipziger Realgymnasium. Anschließend absolvierte er seinen Militärdienst und nahm dann ein Studium an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin auf. Die ersten Fächer waren Philosophie und Kunstgeschichte, doch schon bald wechselte er zur Technischen Hochschule und widmete sich ganz der Architektur. Die Praxis erarbeitete er sich beim Reichstagserbauer Paul Wallot. Muthesius schloss sein Studium erfolgreich ab und suchte neue Herausforderungen. Sein Weg führte ihn nach Tokio, wo er eine neugotische Kirche für die evangelische Gemeinde – übrigens die erste evangelische Kirche in Japan – entwarf. Er blieb dreieinhalb Jahre in der japanischen Hauptstadt, die Kirche wurde allerdings erst nach seiner Abreise gebaut. Bei einer anschließenden viermonatigen Reise lernte er Asien näher kennen. Zurück in Deutschland entschied er sich für die Beamtenlaufbahn, wobei er die Prüfung als Baumeister mit Auszeichnung bestand. Als Regierungsbaumeister entwarf er unter anderem die Levensauer Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal. Ein Jahr lang war er als stellvertretender Redakteur für das Hochbauwesen für die halbamtlichen Zeitschriften „Zentralblatt der Bauverwaltung“ und „Zeitschrift für Bauwesen“ tätig.

Das englische Haus

Es zog Hermann Muthesius wieder ins Ausland – erst trat er eine siebenmonatige Studienreise durch Italien an. Nach seiner Heirat mit Anna Trippenbach wurde er nach London entsandt. Sechs Jahre lang war er Technischer- und Kulturattachée an der Deutschen Botschaft in London und sandte viele Berichte über Kultur und Bauwesen in England in die Heimat. In seiner Londoner Zeit entdeckte Muthesius die Liebe zum Schreiben. Er veröffentlichte zahlreiche Fachartikel und im Jahr 1902 seine Streitschrift Stilarchitektur und Baukunst. Er wurde einerseits stark kritisiert und mancher forderte sogar Redeverbot. Dennoch war Hermann Muthesius einer der gefragtesten Vortragsredner. 1904 entwarf und baute er sein erstes Landhaus. Es stand in Lichterfelde und die Berliner pilgerten dorthin, um ein Blick auf das „englische Haus“ zu werfen. Muthesius propagierte eine Bauweise, die sich an der Funktion orientierte und forderte eine Abkehr vom Stil des Historismus. Er folgte weiterhin dem englischen Vorbild und war an der Entstehung der ersten Gartenstadt auf deutschem Boden in Hellerau beteiligt. Sein eigenes Haus erbaute er 1906 an der Potsdamer Chaussee 49 in Nikolassee. 1907/1908 folgte das benachbarte Haus Freudenberg, heute Nikolashof. Er gehörte zu den Architekten, die Nikolassee und Schlachtensee West maßgeblich prägten. Die Entwicklung der Baukunst machte ihn jedoch nicht glücklich, mit dem modernen Stil der 1920er-Jahre konnte er sich nie anfreunden. Er starb 1927 bei einem Verkehrsunfall, als er einen Artikel in der Redaktion des Berliner Tageblatts abliefern wollte. Dass die von ihm entworfenen Gebäude zu einem Großteil erhalten blieben, ist einem weiteren Architekten zu verdanken. Julius Posener setzte sich für den Erhalt der Muthesius-Villen ein.

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