Wohnen zwischen Wald und Wasser
Vor 125 Jahren begann die Geschichte der Villenkolonie Nikolassee

Erschienen in Nikolassee & Schlachtensee Journal April/Mai 2026
Es war einmal im Wald… So ähnlich könnte die Geschichte des heutigen Ortsteils von Steglitz-Zehlendorf beginnen. Südwestlich von Berlin, entlang der Seen, befanden sich herrliche, kaum besiedelte Ausflugsgebiete, die nicht nur begüterte Berliner anzogen.

Erfolgsfaktor Bahnhof
Schnell waren die Ländereien in Richtung Potsdam auch von den neu gegründeten Grundstücksvereinen entdeckt und aufgekauft. Nun setzte der Bauboom ein, der insbesondere entlang der Eisenbahnstrecken begann. Es war kein Zufall, dass Beginn des Bahnhofsbaus in Nikolassee und die Gründung der Villenkolonie in den gleichen Zeitraum fielen. Der Bahnanschluss wurde dringend benötigt, denn der motorisierte Individualverkehr steckte noch in den Kinderschuhen. Die künftigen Bewohner erreichten ihre Arbeitsplätze in der Stadt nur mit der Bahn. Der Baubeginn des Bahnhofs war 1901, bereits im Jahr 1902 konnte er fertig übergeben werden. Von da an erreichten die Nikolasseer in der kurzen Zeit von ca. 30 Minuten Berlin. Der Bahnhof Nikolassee war von Anfang an als „Doppelbahnhof“ konzipiert, an dem sowohl die Wannseebahn (heute S1) als auch die Stadtbahn (heute S7) hielten.
Selbständige Villenkolonie

Die Kolonie Nikolassee wurde 1901 von der Heimstätten-Aktien-Gesellschaft gegründet. Sie kaufte das Areal zum Preis von 1.163.750 Goldmark. Als genaues Gründungsdatum gilt der Tag der Genehmigung des Bebauungsplans am 27. April 1901. Eine Vorbedingung zur Bebauung war, dass die neue Kolonie Teil des Ortes Zehlendorf würde. Nur – am Tag der Beurkundung des Kaufs vergaß das Hofmarschallamt, dem Käufer diese Bedingung aufzuerlegen. Und der Käufer dachte nicht daran, das Amt daran zu erinnern… So blieb Nikolassee selbständig.
Liebliches Wiesental…

Die Idylle wurde in einem Prospekt der Heimstätten-AG aus dem Jahr 1903 wortreich beworben: „[…] Die Kette der Grunewaldseen bildet zwischen dem Schlachtensee und dem Wannsee ein 3 km langes, liebliches Wiesental, die Rehwiese, die in den Nikolassee ausläuft, und dessen hohe, hügelige Ufergelände mit prächtigem alten Walde bestanden sind. Wer die überraschende Schönheit des etwas abseits der geräuschvollen Landstraße sich hinziehenden und deshalb nur von den eifrigen Naturfreunden aufgesuchten Waldidylls kennen lernen will, findet die dankbarsten Spaziergänge. […]“
Namhafte Architekten

Das Konzept ging auf. Die Heimstätten-Aktien-Gesellschaft sorgte für die Erschließung und die ersten Grundstücke waren schnell verkauft. Im Verkaufskatalog der HAG konnten schlüsselfertige Häuser ausgewählt werden. Aber es gab auch Verkäufe von leeren Grundstücken, die von den Käufern ganz nach ihrem Geschmack bebaut wurden. Unterschiedliche Häuser wurden gebaut – großzügige Villen mit Türmchen, Erkern und Fachwerk, aber auch im englischen Landhausstil entstanden, ganz nach dem Geschmack ihrer künftigen, begüterten Bewohner. Namhafte Architekten wie Herrmann Muthesius, Heinrich Straumer und später auch Louis Mies van der Rohe hinterließen hier ihre Spuren. Mit zunehmender Besiedelung entstanden viele Annehmlichkeiten – Tennisplätze, die Nikolasseer Schwimm- und Badeanstalt bei Beelitzhof am Wannsee und vieles andere. Die Kolonie hatte einen ruhigen, ländlichen Charakter. Der Betrieb von Gewerbe, der mit Geruchs- und Geräuschbelästigung verbunden war sowie Gaststätten, musste extra von der Heimstätten-Aktien-Gesellschaft genehmigt werden. Einkaufsmöglichkeiten gab es vor allem in Bahnhofsnähe, sodass auch die Versorgung der Bewohner der jungen Kolonie gewährleistet war. Dort gab es auch eine Gaststätte, während in den reinen Wohngebieten derartiges nicht genehmigt wurde.
Post und Rathaus

Am 1. November 1903 folgte eine Neuerung, für die in Nikolassee hart gekämpft wurde – der Ort bekam endlich ein eigenes Postamt. Bisher musste die Post beim Amt in Wannsee abgeholt werden. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es werktäglich noch vier Zustellungen – heute undenkbar. Um 1910 hatte Nikolassee 1450 Einwohner. Damit der Gemeindestatus auch entsprechend repräsentiert werden konnte, musste ein Rathaus erbaut werden. Nach Entwürfen von Bruno Möhring entstand es 1912/1913 am Hohenzollernplatz als Sitz der Gemeindevertretung. Nach der Eingemeindung hatte es diese Funktion allerdings nicht lange, denn bereits 1920 wurde die Landgemeinde Nikolassee mitsamt des gleichnamigen Ortsteils unter die Verwaltung von Zehlendorf gestellt und so mit ihm Teil Groß-Berlins.







