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Ein Bahnhof wie eine Villa

Bahnhof Lichterfelde West kann auf sein 150-jähriges Bestehen zurückblicken

Erschienen in Lichterfelde West Journal Oktober/November 2022
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Ein Hauch von Toskana im Südwesten Berlins – das Bahnhofsgebäude in Lichterfelde West erinnert an eine italienische Villa. Am 15. Dezember 1872 hielten hier die ersten Züge. Das Gebäude diente nicht nur als Zugang zum Bahnsteig, sondern bot auch Platz für die Bahnhofsvorsteher, die oberhalb der Eingangshalle mit ihrer Familie wohnten. Der Bahnhof, der auf Veranlassung des Immobilienunternehmers Johann Anton Wilhelm von Carstenn gebaut wurde, war eine der unverzichtbaren Lebensadern der Villenkolonie. Eine andere war die nahe Hauptkadettenanstalt, für die 1873 der Grundstein gelegt wurde. Kaiser Wilhelm I. adelte Carstenn, der dem preußischen Staat das Grundstück für die Kadettenanstalt geschenkt hatte. Gleichzeitig hatte Carstenn sich verpflichtet, für die Erschließung und den Verkehrsanschluss zu sorgen. Noch heute erinnert der Kadettenweg, der unweit vom Bahnhof beginnt, an die Strecke, die die jungen Männer vom Bahnhof zur Kadettenanstalt, dem heutigen Bundesarchiv, zurücklegen mussten.

Mit der Bahn nach Berlin

Carstenns Plan ging auf. Nicht nur die Kadetten, die zu der damaligen Zeit überwiegend aus adligen Familien stammten, sondern auch ihre Eltern kamen nach Groß-Lichterfelde. Letztere erwarben dort Grundstücke und ließen Häuser bauen. Da die Arbeitsplätze jedoch in Berlin waren, konnten die Familien zwar im grünen Lichterfelde wohnen, aber zu den Arbeitsplätzen musste nach Berlin gefahren werden. Das ging anfangs mit der Potsdamer Bahn – als erste Eisenbahnlinie Preußens als Stammbahn bezeichnet. Sie hielt in Berlin am Potsdamer Bahnhof, unweit des Potsdamer Platzes. Der Bahnhof hieß anfangs „Lichterfelde (Potsdamer Bahn)“. Der Name änderte sich 1884 in „Groß Lichterfelde (Potsdamer Bahn)“. Später entfiel die Bezeichnung Potsdamer Bahn und wurde durch die Bezeichnung B. M. – die Anfangsbuchstaben der Endhaltepunkte der Bahn in Berlin und Magdeburg – ersetzt. Seit 1925 steht Berlin – Lichterfelde West an dem Zugangsgebäude. Ab 1891 gab es einen eigenen Bahnsteig für die Wannseebahn, ab 1915 verkehrte die sogenannte Goerzbahn zwischen dem südlich vom Personenbahnhof gelegenen Güterbahnhof Lichterfelde West und dem Gewerbegebiet in Schönow. Seit 1933 hält die S-Bahn in Lichterfelde West. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs benutzten die amerikanischen Alliierten den nahen Güterbahnhof auch für Militärzwecke.

Ausstellung und Dampflokfahrt

Auch wenn der Bahnhof heute nicht mehr den Stellenwert für Lichterfelde West hat, den er in den Anfangszeiten innehatte, ist er immer noch ein Mittelpunkt für den Ortsteil. Das Gebäude ist ein Blickfang wie in Anfangszeiten. Im Bahnhof befindet sich der Bürgertreffpunkt Bahnhof Lichterfelde West mit vielen Angeboten.

Anlässlich des 150-jährigen Bestehens hat der Förderverein des Hauses zwei besondere Aktionen ins Leben gerufen. Am 9. Oktober wird die Dampflok Else zur Attraktion in Lichterfelde West. Sie fährt mit zahlreichen Jubiläumsfahrgästen vom Perron am Kadettenweg in das Havelland. Die Strecke verläuft über Wannsee, Potsdam, Golm, Wustermark, Spandau, Wannsee, Michendorf, Seddin, Caputh, Geltow, Potsdam Hauptbahnhof und Wannsee zurück nach Lichterfelde West.

Vom 4. Oktober bis 18. November wird unter dem Motto „Mit Volldampf in die nächste Dekade“ eine Ausstellung rund um den Bahnhof Lichterfelde West und seine Geschichte gezeigt. Durch Anregungen, Ideen und mit Beiträgen oder mitgebrachten Gegenständen aus der Eisenbahnwelt konnte der Förderverein diese Idee verwirklichen. Viele Lichterfelderinnen und Lichterfelder steuerten hierzu Ausstellungsstücke und Erinnerungen bei. Der Bürgertreffpunkt ist montags bis freitags von 10.30 bis 17.30 Uhr geöffnet.

Erfolgreiches Repair-Café

Das seit sechs Jahren bestehende Repair-Café ist längst zu einer Institution im Kiez geworden. Jeden zweiten Montag im Monat werden im großen Saal im Bahnhof gemeinsam mit ehrenamtlichen Experten mitgebrachte, defekte Haushaltgeräte repariert. So werden Müll vermieden und Ressourcen eingespart. Der Erfolg spricht für sich – Mitte Oktober freut sich das Team darauf, den 10.000. Gast im Repair-Café zu begrüßen. Weitere Informationen und Termine unter www.bastler-beutel.de/RC.htm.

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