Gazette Verbrauchermagazin

Lebendiges Energie-Museum Berlin

„Hinter“ die Steckdose blicken und Zusammenhänge verstehen

20.000-Watt-Glühlampe aus dem Jahr 1954.
20.000-Watt-Glühlampe aus dem Jahr 1954.
Erschienen in Lankwitz Journal August/September 2022
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Berlin ist bekannt als dynamisches Zentrum der Elektroindustrie und als urbanes Labor für neue Techniken. So hat sich die Stadt im 19. und 20. Jahrhundert zur „Elektropolis“ entwickeln können, in der Forschung, Entwicklung und Produktion Hand in Hand gehen. Werner von Siemens – Erfinder des elektrodynamischen Prinzips – ebnete hier 1879 den Weg für die Gründung des Elektrotechnischen Vereins, und auch die Entwicklung der Anwendungstechnik und ihre Eroberung weltweiter Märkte gingen von Berlin aus. Zweiter Weltkrieg, Blockade und Mauerbau stellten große Herausforderungen an die Berliner Stromversorgung, die nahezu ganz aufrechterhalten werden konnte.

Kein Wunder also, dass es zur Geschichte der Energietechnik bis heute viel zu erzählen gibt. Auf ebenso anschauliche wie fachkundig begleitete Art und Weise tut dies seit 21 Jahren auf vier Etagen und 2.000 Quadratmetern das Energie-Museum Berlin (EMB), das in einer der weltweit größten ehemaligen Batteriespeicheranlagen aus Zeiten der Westberliner Insellage auf dem Gelände des Umspannwerks Steglitz der Stromnetz GmbH seinen Sitz hat.

Die Speicheranlage diente der Beherrschung plötzlich auftretender Kraftwerksausfälle. Jeder der 1.416 Blöcke, die einst auf dem Gelände des ehemaligen Steglitzer Umspannwerkes standen, wog rund 960 Kilogramm. Als Exponat ist ein Block im Museum verblieben. Gegliedert ist das EMB in die Fachbereiche Kraftwerkstechnik, Netztechnik/Netzbetrieb, Neue Technologien, Messtechnik, Schutztechnik, Kommunikationstechnik, Arbeitssicherheit, Anwendungstechnik, Archiv, und mit über 5.000 Exponaten ist es durchaus als hochrangiger Bildungsort zu verstehen und nicht nur in Fachkreisen DER Geheimtipp. Seinen guten Namen verdankt das EMB nicht zuletzt seinen motivierten und professionellen Gründern und Begleitern, von denen viele aus der Praxis der Elektrotechnik kommen; meist Ruheständler, die bei der Bewag bzw. Vattenfall arbeiteten sowie Fachleute aus den Reihen namhafter Elektrokonzerne wie Siemens und anderer technischer Bildungsstätten.

Lebendiges Museum dank kompetenter Förderer

In erster Vorstands-Reihe dabei sind die beiden Diplom-Ingenieure Horst D. Kreye, 1. Vorsitzender und Maschinenbau-Ingenieur, und der 2. Vorsitzende Hans-Heinrich Müller, Ingenieur für Thermodynamik und Verfahrenstechnik sowie Hauptkassierer Peter Dettmann und Schriftführer Reinhard Otto, der als Chemiker beruflich etwas Abwechslung in die Welt der Elektroingenieure bringt.

Ihr Wissen über diesen alles andere als leichtverständlichen Bereich Energietechnik übermitteln sie den Besuchern gemeinsam mit ihren Mitstreitern – auf Voranmeldung – eingängig in kompetenten Führungen als Express- oder Long-Version. Hinter diesem auch den technischen Laien begeisterndem Museum steht als Gründer und Betreiber der gemeinnützige Förderkreis der Sammlung historischer Anlagenteile und Geräte aus der Strom- und Wärmeversorgung Berlins e. V. mit aktuell 125 Mitgliedern, bei denen Gemeinschaftsinn großgeschrieben wird. Um dieser für ihr hohes Niveau bekannten Bildungsstätte eine sichere Zukunft zu geben und die Entwicklung der Elektrotechnik und Stromversorgung durch Exponate, Bilder und Texte auch kommenden Generationen zu präsentieren, arbeitet der Vorstand Hand in Hand mit rund 25 Aktiven kontinuierlich und erfolgreich am Ausbau dieses lebendigen Museums, dem Vattenfall die Räume zur kostenfreien Nutzung überlässt. Koordination, Organisation und Schriftverkehr nehmen für den Vorstand viel Zeit in Anspruch. Außerdem ist jeden Dienstag und Mittwoch für sie und ihre Mitstreiter „Arbeitstag“, an dem gewerkelt, repariert, getüftelt, aber auch sortiert und geräumt wird. Anlässlich des 20-jährigen Bestehens des EMB im vergangenen Jahr erstellte der Förderverein eine Broschüre, die sich sehen lassen kann. Finanziert wird das EMB aus Vereinsbeiträgen und Spendengeldern. Potentielle neue Vereins-Mitglieder als engagierte Mitstreiter im Förderkreis (jährlicher Mitgliedsbeitrag 50 Euro) sowie Spenden sind herzlich willkommen.

Energieversorgung zum Anfassen

„Schulklassen, Internationale Schulen, Studierende der TU, anderer Universitäten und Bildungseinrichtungen, der Nabu, aber auch Bundeswehr, Eichamt, Unternehmen und Radwandergruppen melden sich bei uns zu den kostenlosen Führungen durch die Ausstellung an, die wir auch in französischer und englischer Sprache anbieten. Vor der Pandemie ist sogar ein Zwillingspaar extra aus San Franzisco eingeflogen, unser Museum zu besuchen“, erklärt Horst D. Kreye nicht ohne Stolz. Und Hans-Heinrich Müller ergänzt: „Alleinstellungsmerkmal des Energie-Museum Berlin ist, dass es im Unterschied zu vielen herkömmlichen Museen individuell auf die jeweiligen Besucher zugeschnittene Erklärungen zu den Exponaten liefert und zusätzlich Erfahrungen aus dem elektrotechnischen Bereich vermittelt.“ An den eigenen Labortischen im Museumsgebäude von fachkundiger Mitglieder-Hand entwickelt und gewartet, sind viele der Exponate, Modelle und Versuchsaufbauten „unter Strom“ erlebbar und erzählen anschaulich ihre Geschichte: So die verbogene Erregerwelle eines Generators aus dem vom Netz genommenen Wilmersdorfer Heizkraftwerk, dessen Geschichte 1911 begann und das nun für eine neue Generation der Energieerzeugung Platz macht.

Dazu und zum Thema erneuerbare Energien, dem im Museum zeitgemäß besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird, können die erfahrenen Fachleute des EMB beeindruckende Fakten liefern, die mindestens so interessant sind wie die Museums-Exponate selbst und manchmal nachdenklich machen. Da gibt es das Funktions-Modell einer Brennstoffzelle ebenso in Aktion zu erleben wie die Wärmepumpen-Anlage, das Modell einer Windkraftanlage, das zum Mitmachen animiert, und die Synchronisier-Einrichtung, die längst versackte Erinnerungen aus dem Physikunterricht zum Thema „Erzeugter Strom und Netz müssen hinsichtlich Spannung, Frequenz und Phasenlage übereinstimmen“ wieder ans Licht bringen.

Eine funktionstüchtige Rohrpost begeistert die jüngeren Besucher besonders, ebenso der Siemens-Fernschreiber und die unzähligen funktionstüchtigen Telefone verschiedener Epochen. Sammlerherzen schlagen höher angesichts der weltweit größten Kabelsammlung des EMB, das mit Kabelmustern verschiedener Spannungsebenen dieses Bereichs begeistert.

Exponate erzählen lassen

Und auch einer der letzten „Museums-Neuzugänge“ kann hier betrachtet werden: Das Kabel, das bei Bauarbeiten in Köpenick am 19. Februar 2019 beschädigt worden war und es hatte zappenduster werden lassen, steht nun fast selbstbewusst auf hohem Sockel. „Aufgrund unseres über die Jahre umfangreich entwickelten Netzwerkes kommen wir an solch besondere und geschichtsträchtige Ausstellungs-Stücke“, freut sich Horst D. Kreye und denkt dabei auch an den berühmten schwarzen Drucktaster aus dem Umspannwerk Teufelsbruch, der ebenfalls zu den sehenswerten Museumsexponaten gehört:

Am 7. Dezember 1994 wurde er vom ehemaligen Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen gedrückt und damit der elektrische Anschluss West-Berlins an das westeuropäische Verbundnetz vollzogen.- Kreye war persönlich dabei. Auch wenn derzeit die Lagerkapazität etwas knapp ist, freuen er und der Verein sich, wenn Menschen ihnen besondere themenbezogene Stücke übereignen, die es auszustellen lohnt. Bezahlen kann der Verein dafür nichts und auch als Leihgabe nimmt er aufgrund des umständlichen Verwaltungsaufwandes keine Exponate mehr an. Zu wissen, dass das Messgerät vom Opa hier im EMB einen wertschätzenden Platz gefunden hat, ist den meisten Spendern aber Lohn genug.

Neu beschildert in diesem Jahr, lohnt sich auch ein Blick in die aussagekräftige Unterausstellung des Museums zum Thema „Elektrische Straßenbeleuchtung in Berlin“, in der die Geschichte der Straßenbeleuchtung vom Jahr 1679 bis in unsere Tage erzählt wird, angereichert mit vielen Dokumenten, Texten und Bildern.

Wer das Energie-Museum Berlin mit seinen facettenreichen Präsentationen bahnbrechender Elektrotechnischer Entwicklungen bis hin zu Kraftwerksaufbau und Unterhaltungselektronik noch nicht kennengelernt hat, sollte dies bald nachholen. Doch sollte man sich dabei von einem der ebenso engagierten wie fachkundigen und begeisternden Förderern des Museums vor Ort begleiten lassen.

Jacqueline Lorenz

Energie-Museum Berlin e. V.

Teltowkanalstraße 9
12247 Berlin

Da das Museum keine festen Öffnungszeiten hat, ist rechtzeitige Voranmeldung erbeten unter Telefon 030 - 70 17 77 55/56

Weitere Informationen unter www.energie-museum.de

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