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Tiermedizinisches Zentrum für Resistenzforschung der FU Berlin

Neuer Forschungsbau am Campus Düppel zur Eindämmung von Resistenzen

Tiermedizinisches Zentrum für Resistenzforschung der FU Berlin. Foto: Bernd Wannenmacher / FU Berlin
Tiermedizinisches Zentrum für Resistenzforschung der FU Berlin. Foto: Bernd Wannenmacher / FU Berlin
Erschienen in Zehlendorf Mitte Journal August/September 2022
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Wie genau entstehen Resistenzen? Welche Lösungsansätze zur Eindämmung gibt es, und wie lassen sie sich erfolgreich in der Praxis umsetzen? Welche Mechanismen führen zu Resistenzen? Fragen, auf die Veterinärmediziner, Wissenschaftler und Doktoranden am neu eröffneten Tiermedizinischen Zentrum für Resistenzforschung (TZR) der Freien Universität Berlin Antworten suchen und damit der Medizin, aber auch der Nutztierhaltung einen wichtigen Dienst erweisen. Denn die zunehmende Resistenz von Krankheitserregern gegenüber Wirkstoffen betrifft Bakterien, Viren und Bakterien und beschäftigt Veterinär- wie Humanmedizin gleichermaßen. So gilt es mithilfe der Forschungsergebnisse, Entstehung und Ausbreitung resistenter Keime bei Nutz- und Hobbytierhaltung entgegenzuwirken, um damit auch den Menschen vor durch Wasserkreislauf, Erdreich, Luft oder Fäkalien übertragenen Keimen und daraus weitergehenden Resistenzen zu bewahren.

Im 3.000 Quadratmeter großen TZR auf dem Campus Berlin-Düppel werden dazu diagnostische Verfahren, Therapien und Hygienemaßnahmen entwickelt.

Den Weg des innovativen TZR von der Planung bis zur Realisierung fachkundig begleitet haben in vorderster Reihe Prof. Uwe Rösler, Dekan am Fachbereich Veterinärmedizin, und Prof. Lothar Wieler, Mikrobiologe, Präsident des Robert-Koch-Institut und Träger der Goldenen Ehrennadel der FU Berlin.

Grundlagenforschung und Praxis unter einem Dach

Die nachvollziehbare Begeisterung über dieses nach vierjähriger Bauzeit frisch eingeweihte Forschungshaus modernster Ansätze, das von außen doch so sachlich wirkt, ist Prof. Rösler bei jedem Schritt durch die neuen Räume anzumerken. Er betont: „Dieses Forschungsgebäude ist europaweit einzigartig, da hier erstmals Grundlagenforschungen der Infektionsmedizin und Hygienefächer eng verzahnt sind mit den tiermedizinisch-klinischen Fächern. Und das in der Forschung sowie in der Aus- und Weiterbildung. – Ein Haus, in dem der integrative Ansatz paraklinischer und klinischer Forschung nun unter besten Voraussetzungen stattfinden kann. Unser Forschungsansatz soll einen Beitrag dazu leisten, die Entstehung und Ausbreitung resistenter Bakterien, Viren und Parasiten bei Haus- und Nutztieren effektiv zu vermeiden, – auch im Hinblick auf die Produktion sicherer tierischer Lebensmittel.“

Da das Thema der Antiinfektiva-Resistenzen weltweit immer drängender wird, soll der One Health*-Ansatz auch in der Forschung am TZR gestärkt werden. – Begründet mit der Erkenntnis, dass die Gesundheit von Mensch und Tier bei Infektionskrankheiten eng miteinander verstrickt ist und damit richtungsweisend für zukünftige Maßnahmen. Sie erfordern die grundlegende Eindämmung von Antibiotika-Resistenzen, denen eine genaue Erforschung der Antiinfektivaresistenten Keime vorangeht. Tiermediziner Rösler dazu: „Etliche Kolleginnen und Kollegen der Veterinärmedizin an der Freien Universität Berlin besitzen in ihrem jeweiligen Fachgebiet führende Expertise im Bereich der antimikrobiellen Resistenz, um im TZR fachübergreifend neue diagnostische, therapeutische und hygienische Maßnahmen zur Eindämmung unterschiedlichster Resistenzen zu erforschen.“

Neuland betritt dieses viergeschossige Forschungszentrum mit Labor- und Büroarbeitsplätzen für rund 100 Forschende und 20 technische Mitarbeiter, indem es für gerade diese Forschung kontrollierte Studienbedingungen unter Praxisbedingungen geschaffen hat: Die Haltung landwirtschaftlicher Nutztiere im Haus erfolgt zu Forschungszwecken unter vielfältig wählbaren, praxisähnlichen Bedingungen (z. B. Einstreuart und Besatzdichte) mit möglichst wenigen, durch die Statistik bei der Planung vorgegebenen Tieren. Bereits seit der Planung des TZR, das rund 60 Millionen Euro gekostet hat und gemeinsam von Bund und Land über das Programm der gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) gefördert wurde, behält man dabei den Tierschutz fest im Blick. Einziehen in den hochmodernen und abgeschirmten Tierhaltungsbereich werden zu Forschungszwecken vor allem Nutztiere wie Schweine, Wiederkäuer, Geflügel und Nutzfische. Dabei beeindrucken im Tierhaltungstrakt säureresistenter Stahl und flexibel verstellbare Zwischenwände, Tageslicht, Luftaufbereitungsanlage und eine Hightech-Zentrale, über die klimatische und technische Verhältnisse in diesem Bereich stets abgerufen und bei Bedarf verändert werden können.

Forschen und Fährtenlesen – kein Gegensatz

Acht hochausgestattete, infektionsmedizinische Labore und eine Biobank zur Asservierung biologischen Gewebes und von Infektionserregern garantieren höchste Sicherheitsstandards. Drei Sektionsräume für Schulungen sind außerdem vorhanden. Die wissenschaftlichen Großgeräte im Laborbereich sind ebenfalls Schlüsselelemente des TZR: Ein Technisches Highlight ist das MALDI TOF/TOF, ein Massenspektrometer, das zur Identifizierung von Resistenz-, Tenazitäts- und Virulenzfaktoren sowie zur Typisierung von Bakterien im Einsatz ist. Ihm zur Seite steht – nicht weniger wertvoll für die Forschung – ein konfokales Laser-Scanning-Mikroskop, das für in vitro- und ex vivo-Struktur- bzw. Prozessanalysen genutzt wird.

Betritt man das großzügige Atrium, wird man von ganz besonderer Kunst begrüßt: „Fährtenlesen“ ist der Titel der Wandarbeit, die, bestehend aus 30 Edelstahl-Paneelen, den Treppenaufgang des Gebäudes belebt. Die Berliner Künstlerin Nevin Aladağ hat dazu Fährten ausgewählter Wild- und Nutztiere analysiert und in geometrische und floral-anmutende Muster abstrahiert. Ihr Entwurf wurde im nichtoffenen Kunst-am-Bau-Wettbewerb für das TZR ausgewählt mit der Begründung, dass das Werk den Betrachter dazu inspiriert, einzelne Motive zu lesen und zu decodieren – was symbolisch die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit in der Veterinärmedizin widerspiegelt.

– Doch kann das Kunstwerk auch für die Erforschung der Resistenzen im TZR stehen: – Bedarf wissenschaftliche Arbeit doch umfangreichen „Fährtenlesens“ bis hin zu aussagekräftigen Ergebnissen, die Mensch und Tier zugutekommen können.

Jacqueline Lorenz

Tiermedizinisches Zentrum für Resistenzforschung (TZR)

Robert-von-Ostertag-Str. 8
Gebäude 43
14163 Berlin

Titelbild

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