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Wannsees Kunstszene: aaajiao und Liebermann

Wannsee Contemporary und Mutter Fourage bieten Kontrastprogramm

aaajiaos „Icons“ 2019. Foto: Andrea Rossetti/Wan.Cont.
aaajiaos „Icons“ 2019. Foto: Andrea Rossetti/Wan.Cont.
Erschienen in Wannsee Journal Juni/Juli 2022
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Längst hat es sich herumgesprochen: Wannsee ist alles andere als nur ein Naherholungsgebiet mit weiten Wassern und sattem Grün: Mit der im vergangenen Jahr neu eröffneten Galerie Wannsee Contemporary von Avi Feldman und der von Lea Gryze und Jens Kunath übernommenen Galerie Mutter Fourage entwickelt sich die Chausseestraße immer mehr zur kleinen, aber feinen Kunstmeile, die sowohl regionaler als auch internationaler Kunst eine attraktive Bühne bietet. Nun präsentiert sie sich mit gleich zwei kontrastreichen Ausstellungseröffnungen, die sehenswerte Kunst von gestern und heute in den Mittelpunkt rücken.

I was dead on the Internet – Ich war tot im Internet

– So nennt der Medienkünstler, Blogger, Aktivist und Programmierer aaajiao alias Xu Wenkai seine Ausstellung, die noch bis zum 16. Juli 2022 in Avi Feldmans Galerie Wannsee Contemporary zu erleben ist. Der Künstler wurde 1984 geboren im chinesischen Xian und ist in seinem Schaffen von der Orwell´schen Allegorie beseelt. Häufig beziehen aaajiaos Arbeiten, die auf der ganzen Welt gezeigt werden, neue Denkweisen und Phänomene rund um das Internet ein und konzentrieren sich auf die Verarbeitung von Daten. Die aktuelle Ausstellung geht auf die Löschung von aaajiaos Konto bei Weibo – der chinesischen Twitter-Version – im Jahr 2020 zurück. Für aaajiaos bedeutete dies die Beseitigung seiner virtuellen Identität: „…Ich war tot im Internet, wo ich einst dachte, ich wäre aufgewachsen…“ Zusätzlich durch die Pandemie in eine Art des Nomadentums gezwungen, untersucht der Künstler, der in Berlin-Westend und in Shanghai lebt und arbeitet, mit der Ausstellung „I was dead on the Internet“ Themen wie „menschliche und nichtmenschliche Verwundbarkeit“, „Natur“ und „das Leben nach dem Tod“ im Zeitalter der Überwachung. Dabei konzentriert sich das „Orwellsche Bewusstsein“ aaajiaos nicht allein auf das Internet, sondern reflektiert die Art und Weise, mit der uns die Technologie in „Benutzer“ verwandelt, die unabhängiges Denken fast ganz verlernen.

Von den Außenfenstern der Galerie bis zum Innenraum bestimmen Vorstellungen des Verbergens und Verhüllens des Künstlers die Ausstellungsfläche. Sie stellen dem Betrachter Fragen zum virtuellen Sein und Nichtsein und stellen gleichzeitig mit den Exponaten und Videos der Wirklichkeit und Identität den Schein der ins Netz gestellten Illusionen und Visionen gegenüber. Dazu hat der Künstler die Außenfenstern der Galerie mit digitalen Bildern bestückt, die er während der Covid-19-Pandemie in Berlin aufgenommen hat, – bis hin zu kleinen LCD-Bildschirmen, die schnell ihre Grundfunktionen oder Farben ändern. „I was dead on the Internet“ ist somit als persönliche Betrachtung der Trauer des Lebens im Internet und Bedeutung des (virtuellen) Todes zu verstehen. Die auf den ersten Blick als verhüllende Malerfolien wahrgenommenen Cellophanplanen verbergen weitaus mehr, das vom Betrachter entdeckt werden will.

– Wieder eine ganz besondere Ausstellung in Avi Feldmans vielschichtiger und so ganz persönlicher Galerie, die ihr Publikum längst gefunden hat, und die Nachbarn wie Kunstfreunden von nah und fern die Tür weit öffnet.

I.Sommer / Max Liebermann

Nur wenige Schritte weiter als reizvoller Kontrast zu aaajiaos tiefgründigen Arbeiten die schon längst als Geheimtipp geltende Galerie Mutter Fourage, die Balsam für die Seele verspricht. In ihren Räumen „konkurrieren“ mit wohl unentschiedenem Ergebnis gleich zwei Ausstellungen bis zum 26. Juni 2022 um die Gunst des Betrachters: „I.Sommer – Sezession trifft Gegenwart“ hat sich passend zur Jahreszeit die Sehnsucht nach Sommer, die jeder von uns in diesen Tagen im Herzen trägt, zum Thema gemacht. Küstenlandschaften, die heißen Sand und kühle Brise spüren lassen, aber auch Abendstimmungen am See, die melancholisch machen, und hitzeflirrende Städte voller Wärme: Sie präsentieren sich als wohltuende Malerei von Theo von Brockhusen, Christopher Lehmpfuhl, Thomas Klingenstein und anderen Künstlern sowie in Form von Skulpturen des Künstlers Michael Schoenholtz.

Ihnen gegenüber steht in der Kabinettausstellung „Max Liebermann – Druckgrafik und Zeichnungen“, die anlässlich Max Liebermanns 175. Geburtstages konzipiert wurde, mit vielseitiger Auswahl von Radierungen, Lithographien und Holzschnittzeichnungen der Jahre 1887-1932 aus dem druckgraphischen Werk des Künstlers. Dazu gesellt sich eine Auswahl von Zeichnungen. – Nach der vor 25 Jahren in der Mutter Fourage präsentierten großen Max Liebermann Ausstellung nun diese weitere beeindruckende Ausstellung, die uns Menschen, Tiere, Landschaften und Szenen von Hand des unvergessenen Künstlers näherbringt.

Weitere Informationen zu den Ausstellungen der beiden Galerien sowie zum Verkauf einzelner Arbeiten unter www.wannsee-contemporary.com und www.galeriemutterfourage.de

Jacqueline Lorenz

Galerie Wannsee Contemporary

Chausseestraße 46
14109 Berlin

Galerie Mutter Fourage

Chausseestraße 15A
14109 Berlin

Titelbild

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