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Raum ist in der kleinsten Hütte

Von Maik Stolze und seiner Berliner Knutschkugel kann man viel lernen

Dauercamper Maik Stolze und sein Mini-Wohnanhänger.
Dauercamper Maik Stolze und sein Mini-Wohnanhänger.
Erschienen in Lankwitz Journal April/Mai 2022
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Das kleinste Zuhause Deutschlands ist ein Fahrradwohnwagen: Gesamtlänge mit Deichsel 308 Zentimeter, Breite 75 Zentimeter und Höhe der Schlafkabine 133 Zentimeter, ca. 41 Kilo Leergewicht. Entwickler, Mini-Wohnwagen-Hersteller und Bewohner ist Maik Stolze, 54 Jahre, gelernter Schlosser, Flaschensammler – und irgendwie auch Optimist. Seine derzeitige Heimatadresse ist das Wäldchen am Truman Plaza. Hinter der Bushaltestelle an der Argentinischen Allee hat er seine in Klinker-Optik designte „Berliner Knutschkugel“ zwischen den Bäumen an Haltekordeln festgezurrt, zu heftig blies der Wind oft in den vergangenen Wochen. Daneben lehnt sein Fahrrad, mit blumenumkränztem Korb, in dem die am Vormittag gesammelten Flaschen auf den Flaschenautomaten warten.

Lebenskünstler mit Pfandflasche und Zirkel

„Ich habe da so meine Tour“, verrät Maik. Manchmal findet er auch Tüten voller Pfandflaschen vor seiner „Haustür“ vor. Das ist dann ein guter Morgen. Das Pfand reicht für das Nötigste: Millimeter-Papier, Zirkel, Stift, Block. Die guten Ideen im Kopf sind kostenlos, Maiks Ansprüche nicht hoch, er weiß „Papier ist geduldig.“ Ein Gaskocher, Fernsehen vom Tablet, Radio, Licht, mehr braucht er nicht und erklärt: „Die Leute in der Gegend sind nett, helfen mir hier und da.“ So bekommt er von ihnen mal einen Kaffee, mal belegte Brötchen, und auch in der kleinen Spendenbox an der Tür klappert es ab und zu verräterisch. Alkohol findet man bei ihm nicht, nur Weihnachten hat er sich ein Glas Wein gegönnt. „Ich kenne viele, bei denen ich gesehen habe, was der Alkohol aus ihnen gemacht hat“, sagt er, der vielleicht dahin auch hätte abrutschen können: Gute Jobs, dann Firmenpleiten und rücksichtslose Arbeitgeber, Krankheit. Das Leben hat es nicht immer gut mit ihm gemeint. Doch in seinen Augen hat sich Maik ein ansteckend optimistisches Funkeln bewahrt, neugierig auf das, was noch kommt. Vielleicht will er auch deshalb für den Obdachlosen in Zehlendorf-Mitte, „der sich seinen Stolz bewahrt hat“, für unter 150 Euro ein ähnliches Zuhause wie seine Berliner Knutschkugel bauen, ihm eine Chance geben.

Knutschkugel-Manufaktur Stolze

Aufgewachsen ist er in der niedersächsischen Ortschaft Wipshausen Gem. Edemissen, Landkreis Peine, „da, wo der beste Spargel her kommt“, wie Maik erklärt. Hier ist mit 54 sein Vater mit Hirnschlag vom Rad gekippt. – Jetzt ist er im selben Alter. Ob er Familie hat? „Augenblicklich nicht, bin ein Eigenbrötler“, ist Maiks knappe Antwort. Schlosser hat er gelernt, immer gerne mit den Händen gearbeitet. Auch heute noch, trotz Rheuma. „Wenn ich die Hände morgens in kaltes Wasser halte, werden die Gelenke wieder schön geschmeidig“, weiß er. Dann kann es losgehen mit schrauben, sägen, feilen. – So wie an seiner Berliner Knutschkugel, die er im Grunewald per Hand ohne Maschineneinsatz in rund 960 Stunden aus Recycling-Material – oft Zuschnittreste von Firmen – , Hart-PVC und Aluminium gefertigt hat, mit Isolierung und Fenstern, 12 1/2 Zoll Bereifung, vier höhenverstellbaren Kurbelstützen und viel Know-how. Die Preise von Baumaterialien aus dem Bauhaus hat er alle im Kopf. Demnächst will er sein Zuhause auf Rädern aufrüsten: Mit solarbetriebener Fußbodenheizung und Alarmanlage. Die Winternächte waren kalt, und man weiß ja nie. Die handgeschriebenen Hinweistafeln an seiner Knutschkugel, auf denen er von sich, seinen Entwicklungen und Zukunftsprojekten erzählt, wie gedruckt: „Ich hab´ in meiner Ausbildung noch Normschrift gelernt. Alles auf Millimeterpapier gezeichnet.“

Unterwegs und angekommen

Man merkt ihm den Stolz darüber an, nichts hat er verlernt, in renommierter Caravan-Firma gearbeitet, bis die ihn nicht mehr bezahlen konnte. Vieles hat er über die Jahre dazugelernt. Auch in Köln: Da lebte Maik, nachdem er Job und Wohnung verloren hatte, in seinem ersten selbstgebauten Fahrradwohnwagen, dem Homer-S-2015. In Serie wollte er ihn bauen, fand schnell einen Möchtegern-Investor, der aber mehr an sich als an der Projekt-Idee interessiert war. Maik brach schnell seine Zelte in Köln ab. „Ich wollte alle Städte sehen, in denen über 50.000 Menschen wohnen, war viel unterwegs“, erzählt der vielseitige Tüftler, der auch schon auf Mallorca lebte und dort eine Bar wirtschaftlich sanierte, – bis der Besitzer sie schließlich vergeigte. Bonn, Augsburg, Nürnberg, München. Hier und da konnte er unterkommen: „Bei einem Unternehmer habe ich die Werkstatt aufgeräumt, konnte dafür vier Nächte bleiben.“ Aber das Ziel war immer Berlin: „Die Kanzlerin ärgern. In der Hauptstadt fand ich mich schnell zurecht“, gesteht Maik, auch wenn es inzwischen ein Kanzler ist, den es zu ärgern gilt. Am Tag sammelte er Flaschen, nachts in seiner Fahrradkoje Ideen für die neue Knutschkugel, die er Skizze für Skizze bis zum Morgengrauen auf Millimeter-Papier übertrug. Dann, im Grunewald, ging es los mit der Realisierung seines Projektes. Kleine Spenden von lieben Menschen halfen bei der Umsetzung. Homer ist inzwischen bei einem Freund zwischengeparkt. Und über der Tür seiner neuen Berliner Knutschkugel prangt „4711“ als Hausnummer und kleine Hommage an Köln.

Zukunftsmusik

Der liebenswerte Dauercamper weiß, was er will: Stapelweise Skizzen unterm Kopfkissen warten auf Umsetzung. Möglichst mit recycelten Materialien – und gerne in Projekten mit Schülern, die von Maik lernen können: Das Geld liegt auf der Straße! „Ich fahre mit offenen Augen durch Berlin. Was mir auffällt: In den Kinderanhängern sitzen Kinder oft eingezwängt zwischen vollen Einkaufstüten. Einen Kinderanhänger mit Stauraum für die Einkäufe wäre da mein Lösungsvorschlag.“ Die Entwürfe dazu hat er bereits fertig. Aber den Fahrradcamper für den Zehlendorfer Obdachlosen will er als erstes realisieren zu Kosten unter 150 Euro – Spenden willkommen!

Und dann weiterbauen, irgendwann in Serie gehen, mit Investoren, Firmen und Privatpersonen das Projekt verwirklichen. Maiks Wunsch für die nahe Zukunft: „Am liebsten eine zur Verfügung gestellte kleine Garage oder einen Schuppen zum Bauen. Da ich keine lauten Maschinen benutze, ist mein Werkeln leise und stört nicht. Ich kann mich dafür in Haus und Garten nützlich machen“, bietet er an. Ein Fahrrad-Anhänger mit Werkzeug wartet schon auf seinen nächsten Einsatz.

Und neben seiner Haustür steht in sauberen Buchstaben etwas, von dem wir, die manchmal viel zu Anspruchsvollen, viel lernen können: „Ich bin dankbar, dass ich es bis hierher geschafft habe.“

Wer Spenden oder Unterstützung für Maik Stolze und seine Projekte leisten oder eine kostenlosen Raum zum Basteln bieten kann, bitte bei ihm melden: Entweder direkt oder über die Postbox an der Berliner Knutschkugel oder über E-Mail stolzemaik@hotmail.de

Jacqueline Lorenz

Titelbild

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