Gazette Verbrauchermagazin

Eine außergewöhnliche Frau

Lou Andreas-Salomé lebte zehn Jahre lang in Schmargendorf

Erschienen in Dahlem & Grunewald Journal April/Mai 2021
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Jugendbild – Louise von Salomé mit 16 Jahren.
Jugendbild – Louise von Salomé mit 16 Jahren.

Die Gedenktafel an der Villa Waldfriede an der Hundekehlestraße 11 erinnert an Rainer Maria Rilke, aber nicht an seine Muse, die Schriftstellern und spätere Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé. Sie und ihr Mann, der Orientalist Friedrich Carl Andreas, bewohnten die kleine Wohnung in der Villa Waldfrieden seit 1892. Um 1903 zogen sie nach Westend um.

Jugend in Russland

Lou wurde als Louise von Salomé im Jahr 1861 in St. Petersburg geboren. In der streng protestantischen Familie wurde viel Wert auf Bildung und Kultur gelegt. Sie sprach Deutsch, Französisch und Russisch. Der starke, unabhängige Charakter der jungen Frau zeigte sich deutlich, als sie die Konfirmation verweigerte und mit nur 16 Jahren aus der Kirche austrat. Dennoch ließ sie nicht völlig von ihrem Glauben. Die Predigten eines niederländischen Pastors faszinierten sie. Lou wurde seine Schülerin und erweiterte ihre Kenntnisse in Glaubensdingen, aber auch Literatur und Philosophie. Der Pastor Hendrik Gillot verliebte sich in die wissbegierige junge Frau und machte ihr einen Heiratsantrag. Lou war schockiert, denn heiraten wollte sie niemals und an einer sexuellen Beziehung mit dem 25 Jahre älteren Mann war sie auch nicht interessiert. Sie lehnte den Antrag ab und blieb mit ihm befreundet. Auf einer Reise nach Holland wurde sie von ihm konfirmiert, da sie sonst keinen Pass bekommen hätte. Dabei ließ sich Lou taufen.

Bekanntschaft mit Nietzsche

1878 zogen Lou von Salomé und ihre Mutter nach Zürich. Der Vater war im gleichen Jahr gestorben. Die Universität in Zürich ließ bereits damals Frauen zum Studium zu. Lou besuchte als Gasthörerin Vorlesungen in Philosophie und Theologie. Aus gesundheitlichen Gründen zogen Mutter und Tochter vier Jahre später nach Rom. Dort lernte sie den Philosophen Paul Rée und wenig später seinen Freund Friedrich Nietzsche kennen. Beide wollten Lou heiraten – doch sie wies beide zurück. Es gelang ihr aber – wie so oft – die Freundschaft zu den beiden Männern zu erhalten. In Luzern entstand ein – von Nietzsche arrangiertes – Foto, auf dem Paul Rée und er vor einen Karren gespannt festgehalten sind. Auf dem Karren sitzt Lou und schwingt die Peitsche.

Muse und Geliebte

Vermutlich war es frustrierend für die beiden Männer, dass Lou schließlich doch heiratete. Allerdings soll Friedrich Carl Andreas sich bei seinem Antrag ein Taschenmesser in die Brust gerammt und sie so unter Druck gesetzt haben. Ihre Bedingung für die Ehe: Keine körperliche Liebe. Diese wurde akzeptiert. Das Ehepaar lebte in Berlin, wo sie sich kennengelernt hatten. 1892 erfolgte der Umzug nach Schmargendorf, das damals noch außerhalb Berlins lag. Bei einem Aufenthalt in München 1897 lernte Lou Rainer Maria Rilke kennen. Auch er verliebte sich in die 15 Jahre ältere Frau und folgte ihr nach Berlin. Laut ihrer Erinnerungen gab sie sich mit Rilke der körperlichen Liebe hin. Sie war die Muse des Dichters, korrigierte seine, wie sie fand, zu schwülstige Ausdrucksweise und führte ihn in die Gedankenwelt Nietzsches ein. Nachdem sich der labile Rilke mehr und mehr an die Beziehung und Lou klammerte, trennte sich Lou von ihm mit einem Abschiedsbrief. Die Beziehung machte einer tiefen Freundschaft Platz. Rilke widmete Lou ein Gedicht:

„Warst mir die mütterlichste der Frauen,
ein Freund warst Du, wie Männer sind,
ein Weib, so warst Du anzuschauen,
und öfter noch warst Du ein Kind.
Du warst das Zarteste, das mir begegnet,
das Härteste warst Du, damit ich rang.
Du warst das Hohe, das mich gesegnet –
und wurdest der Abgrund, der mich verschlang“.

 

1903 zog das Ehepaar Andreas-Salomé nach Westend und schon bald darauf nach Göttingen, wo Friedrich Carl Andreas einer Berufung zum Professor folgte. 1911 lernte Lou Sigmund Freud kennen und wurde zu seiner Schülerin. Sie eröffnete ihre eigene Praxis und widmete sich bis 1935 der Psychoanalyse. Sie gab die Praxis auf, nachdem bei ihr Krebs festgestellt wurde. Zwei Jahre später starb Lou in Göttingen. Ihr Werk blieb weitgehend unbeachtet, dabei war sie mit Romanen, Erzählungen, Theaterkritiken und vielen weiteren Veröffentlichungen eine renommierte Autorin. Ihre Biografie war 1981 Thema einer Oper und wurde 2016 verfilmt.

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