Gazette Verbrauchermagazin

Umbenennung Onkel-Tom-Straße

Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Steglitz-Zehlendorf diskutiert

U-Bahnhof Onkel Toms Hütte
U-Bahnhof Onkel Toms Hütte
Erschienen in Gazette Steglitz und Zehlendorf November 2020

Im Sommer 2020 startete der Profi-Basketballer und Berliner Moses Pölking eine Initiative zur Umbenennung des U-Bahnhofes Onkel Toms Hütte und der Onkel-Tom-Straße im Ortsteil Zehlendorf, da dieser Name rassistisch sei. Seither wird dieser Vorschlag in der Öffentlichkeit und in den Medien kontrovers diskutiert. Auch die Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf beschäftigt sich zwischenzeitlich mit diesem Themenkomplex, da zumindest eine Straßenumbenennung eine Angelegenheit des Bezirks wäre. Im Folgenden nehmen die Fraktionen in der BVV zu dem Vorschlag Stellung.

CDU-Fraktion

Die Onkel-Tom-Straße ist nach einem Gastwirt benannt, der den Spitznamen „Onkel Tom“ aufgrund seines Vornamens und seiner Vorliebe für den diesbezüglichen Roman erhalten hatte. Der Roman aus dem Jahre 1852 wendet sich gegen Sklaverei und Rassismus, möglicherweise ohne die Vorgaben der sogenannten „political correctness“ des Jahres 2020 genauestens einzuhalten. Einzelne „fühlen“ sich durch diese Benennung nun „beleidigt“. Die CDU-Fraktion macht bei aller gebotenen Rücksichtnahme auf Einzelne und dem gebotenen Respekt vor Einzelnen in der Regel Gefühle nicht zum Maßstab von Sachentscheidungen, wir bevorzugen grundsätzlich Tatsachen und Folgen. Daher lehnen wir eine Umbenennung ab und können uns wieder wirklich wichtigen Aufgaben im Bezirk zuwenden.

Torsten Hippe

SPD-Fraktion

Die SPD-Fraktion befasst sich schon seit mehreren Jahren kontinuierlich mit dem Thema Umbenennung und Umwidmung von Straßen und Plätzen im Bezirk. Beispiele hierfür sind die Treitschkestraße, der Maerckerweg, die Spanische Allee und der Hindenburgdamm. Aus einer Bürger*inneninitiative kommend stellt sich nun die Frage nach der Umbenennung des U-Bahnhofs und der anliegenden Straße, über die und die damit zusammenhängende Rolle des Romans von Harriet Beecher Stowe in den letzten Wochen schon viel diskutiert wurde. Diese Diskussion möchten wir ausgehend von der bestehenden Petition fortführen und allen Beteiligten und Anwohner*innen den Raum geben sich einzubringen. Fakt ist aber auch, dass von Betroffenen der Namen als klar rassistisch erlebt wird und den Alltag der Menschen negativ beeinflusst. Dieses Erleben müssen wir respektieren, uns damit auseinandersetzen und in einen Diskurs eintreten – im Sinne eines menschenfreundlichen Bezirks für alle. Dabei dürfen wir die Bedeutung für die Menschen im Kiez nicht vergessen. Während in diesem Fall der Meinungsbildungsprozess noch läuft, setzen wir uns aber weiterhin für andere notwendige Umbenennungen bzw. Umwidmungen von den Straßen im Bezirk ein, deren rassistischer Kontext allgemein anerkannt ist.

Ellinor Trenczek und Olemia Flores Ramirez

B‘90/Grünen-Fraktion

Die Diskussion zur Umbenennung der Onkel-Tom-Straße ist eine umfangreiche: sowohl räumlich, da auch der U-Bahnhof „Onkel Toms Hütte“ damit zusammen hängt, als auch inhaltlich, da der Sachzusammenhang mit einer lokalen Figur, dem Wirt Thomas und dem Roman in der Rezeption besteht. So wird teils argumentiert, dass es sich ja ausschließlich um einen Bezug zum Wirt handele. Dies greift jedoch zu kurz, da die Verbreitung des Romans „Onkel Toms Hütte“ bereits zur Benennung des Ausflugslokals groß war und es eben nicht „Grober Toms Hütte“ genannt wurde, wie es dem Spitznamen des lokalen Wirtes gemäß gewesen wäre. Spätestens heutzutage ist der Zusammenhang zum Roman entscheidend gegeben, wie die bisherige Diskussion bereits zeigte: kaum jemand wusste vom „Groben Tom“ und seiner Namenspatenschaft, der Roman ist weiterhin verbreitet und das Verhalten des Protagonisten darin in seiner Anbiederung an die weißen Sklavenhalter wird teils als verletzend für People of Color wahrgenommen. Es wird also eine breite gesellschaftliche Debatte zu führen sein, um zwischen den unterschiedlichen Interessen zu vermitteln. Auch die Debatte selbst stellt für uns jedoch ein Teil von Aufarbeitung und Auseinandersetzung dar und wir sind daher offen für sie.

Carsten Berger

AfD-Fraktion

Onkel Toms Hütte, steht auf dem Schild. Als Kind wunderte ich mich auf dem Weg zur Rodelbahn, wie es zu dem doch lustig klingenden skurrilen Namen kommt, und recherchierte. Das Ergebnis machte mich ein wenig stolz: Da hat unser Bezirk einen U-Bahnhof und eine ganze Straße nach einer amerikanischen Romanfigur benannt. Was hat die Menschen und die Verkehrsgesellschaft damals, um 1929, gut 80 Jahre nach Erscheinen des Romans dazu bewogen, die Station Onkel Toms Hütte zu taufen?

Wir vermuten, Rassismus war es nicht. Warum sollte man auch den Namen einer U-Bahn-Station schlecht machen. Vielmehr war es folgendermaßen: Straße und U-Bahn-Haltestelle sind nach der nahegelegenen Gaststätte „Onkel Toms Hütte“ benannt, deren erster Wirt Thomas hieß. Er war erklärter Freund der Autorin Harriet Beecher Stowe, die den weltberühmten gleichnamigen Roman schrieb, der ganz wesentlich zur Sklavenbefreiung beigetragen hat.

Wir plädieren für eine wissenschaftlich fundierte Debatte, um aufzuklären und Wissenslücken zu schließen. Gerne mögen sich Schulen und das Heimatmuseum damit beschäftigen, in Kürze wird die Onkel-Tom-Siedlung 100 Jahre alt.

Peer Lars Döhnert

FDP-Fraktion

In Sachen Umbenennung von Straßen oder Plätzen steht für die Freien Demokraten fest: es muss über jeden Einzelfall differenziert entschieden werden. Ein einfaches Entfernen von Schildern ist leicht. Aber: Erinnern ist angesagt, nicht Vergessen oder Negieren!

Im aktuell diskutierten Fall von Onkel-Toms-Hütte muss zunächst die Frage beantwortet werden, ob der Kiez mit Straße und U-Bahnhof mit seinem Namen nach dem Roman von Harriet Beecher Stowe, einer erklärten Gegnerin der Sklaverei, benannt ist oder nach dem Wirt Thomas, dessen Lokal aus einzelnen Hütten bestand.

Keinesfalls sollte die Online-Petition als Befindlichkeit einer einzelnen Person abgetan werden. Vielmehr gilt es, Gespräche zu führen, das „Pro“ und „Contra“ zu klären und die Chance zu ergreifen, durch Aufklärung für Bildung zu sorgen. So könnte aus Sicht der FDP am Bahnhof eine Hinweistafel mit der Kernaussage des Buches aufgestellt werden: Wir Menschen sind vor dem Recht gleich, unabhängig von unserer Hautfarbe oder Herkunft.

Mathia Specht-Habbel

Linksfraktion

Die Linksfraktion Steglitz-Zehlendorf steht für viele Initiativen zur Entfernung und Umwidmung von Straßennamen, die verknüpft sind mit menschenverachtenden Ansichten und Taten. Der Namensgeber von U-Bahnhof, Straße und Siedlung hat jedoch nachgewiesener Maßen nichts mit der Romanfigur „Onkel Tom“, auf den sich der Petent bezieht, zu tun gehabt. Der Wunsch nach Umbenennung zeigt: Verletzungen und Kränkungen, die aus Kolonialismus, Versklavung und Abwertung von Menschen resultieren, sitzen tief und müssen ernst genommen werden. Eine gesellschaftliche Diskussion zum Thema „Alltagsrassismus“ ist dringend erforderlich und lange überfällig. Wir treten für einen offenen, sachlichen und zugewandten Diskurs ein, der die Sensibilität erhöht, wenn es um Verhalten und Sprache geht. In einem Gespräch auf Augenhöhe ließe sich vielleicht gemeinsam eine Lösung finden bzgl. des Namens, der in Zehlendorf in Erinnerung an eine Kiezgröße (genannt Onkel Tom) bzw. sein Ausflugslokal (genannt Hütte) gewählt wurde. Die Lektüre von „Onkel Toms Hütte“ sei trotzdem allen empfohlen: Ein klares und frühes Plädoyer für die Abschaffung der Sklaverei!

Gerald Bader

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