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Für drei Jahre Herr von Lichterfelde

Nikolaus von Béguelin bekam das Gut vom preußischen König geschenkt

Das Gutshaus Lichterfelde. Möglicherweise hat Nikolaus von Béguelin mit seiner Familie schon in dem Gebäude gewohnt.
Das Gutshaus Lichterfelde. Möglicherweise hat Nikolaus von Béguelin mit seiner Familie schon in dem Gebäude gewohnt.
Erschienen in Lichterfelde West Journal August/September 2017
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Ließ er das Gutshaus Lichterfelde erbauen? Oder waren es doch die von Bülows? Der Bauherr des klassizistischen Gebäudes, das gegen Ende des 18. Jahrhunderts in seiner heutigen Form auf einem älteren Gebäude entstanden sein soll, ist im Dunkel der Geschichte entschwunden. Genau wie Nicolaus von Béguelin – oder auch Nicolas von Lichterfelde, an den nur noch das Familienwappen an der alten Dorfkirche erinnert.

Von der Schweiz nach Preußen

Seine Familie stammt aus dem schweizerischen Uradel. Doch seit Anfang des 17. Jahrhunderts wurde der Adelstitel bei den Béguelins nicht mehr geführt. Die Mitglieder der Familie hatten sich der Kirche und der Wissenschaft gewidmet. Nikolaus wurde 1714 in Courtelary bei Biel in der Schweiz geboren, sein Vater war dort Advokat und Verwalter. Nikolaus studierte Mathematik und Jura, 1735 zog er nach Wetzlar, um seine Ausbildung zu vertiefen.Später kehrte er in die Schweiz zurück. Dort wurde er in Streitigkeiten zwischen der Bevölkerung von Courtelary und den Bischoff von Basel verwickelt, bei denen er sich auf die Seite der Bevölkerung schlug. Seine Aussichten auf eine gute Anstellung hatte er damit in der Schweiz verwirkt. Zunächst ging er erneut nach Wetzlar und setzte seine philosophischen und juristischen Studien fort. Sein Studienfreund Emrich von Vattel riet ihm schließlich, den Dienst als Gesandschaftssekretär für den preußischen Staat anzutreten. In dieser Position kam er mit dem preußischen Hof in Berührung. Friedrich der Große berief ihn zunächst als Mathematikprofessor an das Joachim-Gymnasium zu Berlin. Später bestimmte er ihn zum Erzieher des Thronfolgers, des künftigen Königs Friedrich Wilhelm II. von Preußen.

Der Erzieher des Prinzen

Gemeinsam mit dem Hauslehrer – damals Gouverneur – Graf von Bork war er für die Erziehung des Thronfolgers verantwortlich. Sein Geburtsland hatte sich mit ihm versöhnt – 1761 ernannte man ihn zum Ehrenmitglied des Großen Rats der Stadt Biel. Im gleichen Jahr heiratete er Marie-Catherine Pelloutiere, deren Vater im Zuge der Verfolgung der Hugenotten nach Berlin gekommen war. Das Paar bekam vier Kinder. Für die Bildung des Prinzen war er immerhin bis 1764 verantwortlich. Das Ende kam laut der Legende plötzlich und Béguelin war daran unschuldig. Eines Tages fragte der Prinz den Grafen von Bork, ob ein kriegerischer oder ein friedlicher König den Vorzug verdiene? Der Graf entschied für den friedlichen König, da er seine Völker glücklich machen würde. Diese Antwort wurde Friedrich II. hintenherum zugetragen. Bald darauf fielen sowohl Bork als auch Béguelin – der der Unterredung gar nicht beigewohnt hatte – in Ungnade und beide wurden vom Hof entlassen. Doch wahrscheinlicher ist, dass der König mit der Erziehungsleistung der beiden Männer unzufrieden war und die Stellen deshalb anders besetzte.

Ein Gut aus Dankbarkeit

Nach seiner Entlassung vom preußischen Königshof widmete sich Béguelin der Akademie der Wissenschaften. Er verfasste eine Reihe von mathematischen Abhandlungen, unter anderem über algebraische Analyse und Wahrscheinlichkeitsrechnung, philosophischen und physikalischen Abhandlungen. In seinen letzten Lebensjahren war er der Direktor der Akademie. Als Friedrich Wilhelm II. König von Preußen wurde, hatte er seinen früheren Erzieher noch nicht vergessen. Aus Dankbarkeit überreichte er der Familie im Jahr 1786, als er den Thron bestieg, die preußische Adelsurkunde. Außerdem schenkte er Nikolaus von Béguelin das Gut Lichterfelde. Dieses hatte Friedrich Wilhelm II. der Familie von Bülow eigens abgekauft, um seinen verehrten Lehrer zu beschenken. Dieser hatte nur noch drei Jahre lang Freude an seinem Besitz. 1789 starb Béguelin. Der König soll lange an seinem Sterbebett gesessen haben. Sein Sarg wurde im eigens dafür errichteten Gruftanbau der Dorfkirche bestattet. Später folgten die Särge seiner Frau und seines Sohnes Heinrich. Ende der 1930er-Jahre baute man diesen Gruftanbau zum Vorraum der Kirche um, unter dem sich die Särge heute befinden.

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