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Erleben und Lernen zwischen drinnen und draußen

Jurten und tiergestützte Therapie begleiten Jägerhof-Kinder durchs Jahr

Anne Tlach vor der Kunstjurte.
Anne Tlach vor der Kunstjurte.
Erschienen in Wannsee Journal April/Mai 2017
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Das gemeinnützige NaturKulturGut „Jägerhof gGmbH“ im Schlosspark Glienicke gehört zu den namhaften Jugendhilfeträgern unserer Tage. Es trägt mit dazu bei, dass Kinder mit und ohne Besonderheiten durch inklusive Naturpädagogik im Lernraum Natur mit Freude und Vertrauen an ihre Umwelt in all ihrer Vielfalt und Andersartigkeit herangeführt werden und diese spielerisch verstehen lernen.

Dass dies in jeder Jahreszeit möglich wird, dafür sorgen die beiden fünf Quadratmeter großen Kunstjurten, die, im Hof der Einrichtung in Abstimmung auf das denkmalgeschützte Gelände aufgestellt, Kita- und Schulkindern auch an Regen- und Kältetagen einen nutzbaren „Zwischenraum“ bieten, der weder drinnen noch draußen, sondern dazwischen liegt. Hier können sie auf Basis der Waldpädagogik basteln, malen, Filzarbeiten fertigen und dabei einiges über andere Kulturen erfahren, auch wenn das Wetter nicht so mitspielt. Das Projekt Kunstjurten unterstützt neben dem Projekt tiergestützte Therapie die Freilegung und Förderung besonderer Fähigkeiten und Stärken und bietet dabei ein zusätzliches kunsttherapeutisches Angebot. Denn: Jedes Kind ist anders, und eine Schwäche kann die größte Stärke sein, wenn das System sich den Besonderheiten anpasst.

Kunstjurte und Wunschkugeln – kreativ sein ist alles

Kleine Kunstwerke sind die beiden Jurten, welche die Jägerhof gGmbH im Jahr 2012 für je 6000 Euro von der Deutsch-Mongolischen Gesellschaft e. V. kaufte. Um das Leben in Jurten auch außerhalb der Mongolei zu ermöglichen, gleichzeitig aber mongolischen Familien bezahlte Arbeit zu verschaffen, fährt ein Ehepaar, das in der Entwicklungshilfe lange Jahre aktiv war, zweimal jährlich in die Mongolei, um mit Containern die handgefertigten und vorbestellten Zelte abzuholen. „Der Erlös aus dem Verkauf gelangt so direkt in die mongolischen Familien, die diese Traditions-Jurten fertigen und dadurch eine finanzielle Existenzgrundlage bekommen“, erklärt Jägerhof-Geschäftsführerin Anne Tlach. Mit liebevoll traditionell bemalten Türen, in Talg getränkten Tierhäuten als Verbindungsstücke, isoliert mit der gefilzten Wolle der Mongolenschafe stehen die Kinderjurten in der noch kargen Märzlandschaft. Einen Überzug tragen sie, denn die klimatischen feuchten Verhältnisse an der Havel sind so ganz anders als die in der Mongolei mit ihrer trockenen Kälte, wo die Jurten außerdem auch in der Nacht vom Feuer warm gehalten werden: So mussten im steten Kampf gegen Schimmel zusätzliche Holzwände eingezogen werden. Im Sommer dienen die Jurten als Abstellraum. Die gefilzte Isolier-Wolle wird dann entfernt und bis zum nächsten Winter trocken aufbewahrt. Doppelt so groß sind die Zelte in der Mongolei, in denen nicht selten bis zu 10 Personen leben. Die kleineren, wie sie im Jägerhof stehen, werden in ihrer Heimat eher als Jurten für Kinder genutzt.

Bei Anne Tlach und den Pädagogen sind die beiden fremdländischen Rückzugsorte in die Natur nicht weniger beliebt als bei den kleinen Hauptpersonen, die sich sichtlich wohl in der von Heizlüftern wohlig erwärmten Jurte fühlen und einmal wöchentlich in wechselnder Fünfergruppe hier einziehen, bevorzugt Kinder mit Besonderheiten, wozu auch Hochbegabte, Heimkinder und geflüchtete Kinder zählen. Offenes Feuer, wie die Mongolen es zum Wärmen nutzen, muss aus Sicherheitsgründen vermieden werden.

Simon* und Ben sitzen auf kuscheligen Fellen, sie haben „Wunschkugeln“ gefilzt, die tausende von Wünschen enthalten und in der kindlichen Fantasie Zauberkräfte besitzen. Sie können hier frei ihre Fähigkeiten entwickeln, zu verwerten und daraus etwas zu machen, was Natur und Umwelt an Schätzen bereithalten. „Aus Rinde, Moos und Wolle der wild im Park lebenden Mufflons, sind hier unter den kleinen Händen schon zauberhafte Originale entstanden“, freut sich Anne Tlach über den Natursinn ihrer jungen Schützlinge, denen nach so viel schöpferischer Arbeit die Vesper in der Jurte nochmal so gut schmeckt.

Dies alles aus eigenen Kräften ohne Fördergelder zu finanzieren und zu bewegen, hat sich die Jägerhof gGmbH zum Ziel gesetzt und seit 2011 damit auf dem Hof sowohl baulich als auch pädagogisch bei den hier inklusiv lernenden Heim-, Schul- und Kitakindern eine Menge erreicht.

Mit Huhn & Co zum Therapieziel

Dazu gehört auch ein weiteres Projekt, das der tiergestützter Therapie, mit dem der Jugendhilfeträger besondere Erfolge bei Kindern mit posttraumatischem Belastungssyndrom erzielt. Häufig tritt dieses Syndrom bei geflüchteten Kindern auf. Wertvolle Unterstützung dabei erhält der Jägerhof von Tiertherapeutin Regine Lorenz und ihrem Hof in Kleinbeeren. Schweine, Schildkröte, Esel & Co heißen dort einmal in der Woche kleine Besucher tierisch willkommen. Liebevoll werden die Kinder darauf von den drei Erzieherinnen Isabell, Anna und Anne vorbereitet, die ihre verantwortungsvolle Aufgabe mit viel Einfühlungsvermögen erfüllen.

Auch auf dem Jägerhof bellt, mauzt und gackert es. Da sind die drei Hühner, die jede innere Unruhe sofort spüren und auf sich übertragen, die beiden von Anne Tach ausgebildeten Katzen, die den kleinen Jan Empathie lehrten oder der geduldige Therapiehund, auf den gestützt der etwa dreijährige Hussan nun wieder erste eigenständige Schritte wagt. Fast zwei Jahre war er mit seinen Eltern von Afghanistan auf der Flucht, war nur getragen worden, damit man schneller vorankam und hatte so eigenständiges Laufen fast verlernt.

Noch mehr geeignete Tiere wie Schafe und Kühe für eine sinnvolle tiergestützte Therapie auf dem Jägerhof artgerecht halten zu können, ist nicht nur ein Herzenswunsch von Anne Tlach. Doch das denkmalgeschützte Gelände verbietet dies, da – auf Lennés Pläne zurückgehend – diese Tierarten bisher hier keine Daseinsberechtigung fanden. – Unverständlich, denkt man an die heute auf der denkmalgeschützten Pfaueninsel lebenden Pfauen und Wasserbüffel, die auf der ursprünglich als „Kaninchenwerder“ bekannt gewordenen Insel noch nicht anzutreffen waren.

Doch der Jägerhof dürfte auch so seinen erfolgreichen inklusiven Weg weitergehen und die dabei an sicherer Hand führen, die „hier alle so verschieden sind, dass keiner anders ist“, wie ein Vierjähriger spontan äußerte und damit den Leitspruch des NaturKulturGutes an der Havel prägte.

Weitere Informationen unter www.jaegerhof-berlin.de und www.mongolei.org

Jacqueline Lorenz

*alle Kindernamen von der Red. geändert

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