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Mit der „Elektrischen“ zur Hauptkadettenanstalt

Vor 145 Jahren startete in Lichterfelde die erste elektrische Straßenbahn der Welt

Erschienen in Lichterfelde West Journal April/Mai 2026

Neun Stundenkilometer. Mehr war mit der Pferdebahn nicht drin, als sie ab 1825 zwischen Charlottenburg und dem Brandenburger Tor verkehrte. Zwar hatten die Wagen auf Schienen weniger Rollwiderstand als herkömmliche Pferdebusse und konnten deshalb mehr Fahrgäste transportieren – aber besonders schnell war das Ganze nicht. Und teuer obendrein, schließlich mussten die vierbeinigen Mitarbeiter gut gefüttert und gepflegt werden.

Behörden bremsten aus

Werner von Siemens hatte eine andere Idee. Der Elektroingenieur und Erfinder entwickelte 1866 den ersten elektrischen Generator und präsentierte 1879 auf der Berliner Gewerbeausstellung die weltweit erste elektrische Lokomotive. Seine Versuche, die „Elektrische“ in den öffentlichen Nahverkehr Berlins einzuführen, scheiterten jedoch am Widerstand der Behörden und protestierender Anwohner.

Die Lösung fand von Siemens in Groß-Lichterfelde. Dort lagen noch Gleise, auf denen früher Baumaterial zur Hauptkadettenanstalt transportiert wurde. Auch Personal sowie die Kadetten selbst hatten die Bahn genutzt. Minister Albert von Maybach genehmigte ihm dort eine Versuchsstrecke. Siemens und Halske bauten drei Pferdebahnwagen um, verlegten neue Gleise – aus Kostengründen in Meterspur – und machten sich ans Werk. Johann von Carstenn, der Investor von Groß-Lichterfelde, sah das gern und machte die kostenlose Beförderung des Personals der Kadettenanstalt zur Bedingung.

16. Mai 1881

Teure Fahrkarten

Am 2. Mai 1881 startete der Probebetrieb. Der Gleichstrommotor leistete 10 PS – andere Quellen sprechen von 15 PS – die Eisenradkränze bekamen über Schleifkontakte 180 Volt Fahrstrom. Die Bahn fuhr etwa 20 Kilometer pro Stunde – mehr als doppelt so schnell wie die Pferdebahn. Für die Strecke vom heutigen Bahnhof Lichterfelde Ost bis zur Haupt-Kadettenanstalt brauchte sie 10 Minuten. Nach erfolgreichen Testfahrten durften auch Passagiere mitfahren – allerdings nur, wenn sie 20 Pfennige zahlten, das war mehr als ein damaliger Stundenlohn. Trotzdem war die Nachfrage so groß, dass bald ein zweiter Wagen eingesetzt werden musste.

Im Plan von Groß-Lichterfelde um 1884 sind die zwei Eisenbahnlienien (Anhaltiner und Potsdamer Bahn), die dampfbetriebene Straßenbahn sowie die elektrische Straßenbahn verzeichnet.
Im Plan von Groß-Lichterfelde um 1884 sind die zwei Eisenbahnlienien (Anhaltiner und Potsdamer Bahn), die dampfbetriebene Straßenbahn sowie die elektrische Straßenbahn verzeichnet.

Pferde unter Strom

Die Technik hatte allerdings einen Nachteil: Wenn Pferde die stromführenden Schienen überquerten, bekamen sie Stromschläge und gingen durch. Die Lösung: Siemens isolierte die Schienen an den Wegeübergängen und verlegte den Strom unterirdisch. Die Elektrische musste diese Stellen mit Schwung passieren.

1882 eröffnete eine weitere Versuchsstrecke in Charlottenburg. Die Berliner Pferdeeisenbahngesellschaft hatte erkannt, wohin die Reise ging, und nannte sich 1894 in Berlin-Charlottenburger Straßenbahn um. Immer mehr elektrische Linien entstanden. Die Lichterfelder Bahn wurde 1890 bis zum heutigen Bahnhof Lichterfelde West verlängert, weitere Strecken nach Steglitz und Südende folgten.

Nach der Eingemeindung Lichterfeldes nach Groß-Berlin 1920 übernahm die BVG die Straßenbahnlinien – und ersetzte sie nach und nach durch Busse. Die erste elektrische Straßenbahn der Welt beförderte noch bis zum Februar 1930 ihre Passagiere und verschwand dann von den Gleisen.

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