Gazette Verbrauchermagazin

Zukunft der Goerzbahn

Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Steglitz-Zehlendorf diskutiert

Gleise der Goerzbahn am Dahlemer Weg.
Gleise der Goerzbahn am Dahlemer Weg.
Erschienen in Gazette Steglitz und Zehlendorf April 2021

Im Februar 2021 hat die Deutsche Bahn auf der 2,5 Kilometer langen Strecke der über 100 Jahre alten Goerzbahn zwischen den Bahnhöfen Lichterfelde-West und Schönow mit einem modernen dieselgetriebenen ICE-TD Testfahrten durchgeführt. Dieser Test hat den Blick auf die möglichen Entwicklungen für die Goerzbahn als künftiges Personen- und Güterverkehrsmittel zwischen Lichterfelde und Steglitz sowie die Anbindung des Gründerzentrums Goerzwerk gerichtet. Im Folgenden nehmen die Fraktionen in der Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf zur Zukunft der Goerzbahn Stellung.

CDU-Fraktion

Die Deutsche Bahn hat kürzlich auf der Goerzbahn mit einem modernen, dieselgetriebenen ICE-TD, eine Testfahrt unternommen, um auf die Möglichkeit hinzuweisen, die Strecke der Goerzbahn für Personen- und Güterverkehr wieder zu nutzen. Die CDU-Fraktion setzt sich für den Erhalt und Weiternutzung der Goerzbahn ein, weil damit eine attraktive Anbindung des Industriegeländes an der Goerzbahn erfolgen kann. Das schafft und sichert dort Arbeitsplätze, entlastet Goerzallee, Teltower Damm und Dahlemer Weg von zunehmendem Durchgangsverkehr und verbessert die Verkehrsanbindung für die Anwohner des Dahlemer Weges, weil auch dort Haltepunkte eingerichtet werden könnten. Mit der Goerzbahn würde der Bezirk einen effektiven Beitrag zur Verkehrswende, für eine bessere Anbindung von Lichterfelde leisten und gleichzeitig damit auch das Goerzwerk, als wichtiges Gründer- und Start-up-Zentrum fördern! Ziel ist es, einen elektrischen, selbstfahrenden Schienenbus von der Goerzallee bis zum S-Bahnhof Steglitz fahren zu lassen. Zugleich muss auch Sorge getragen werden, dass die Ausfahrten gesichert werden und die Schulwegsicherung verbessert wird!

René Rögner-Francke

SPD-Fraktion

Es ist das Henne-Ei-Problem: Brauchen wir Industrie, die die Transportkapazität einer Bahnstrecke ausnutzen will, damit diese wirtschaftlich betrieben werden kann, oder brauchen wir eine Bahnstrecke, damit sich an ihr Industrie ansiedeln kann, die diese Transportkapazität benötigt? Seit Jahrzehnten wurde hier mit der Bahn immer weniger transportiert. Die letzte Firma, die diese Strecke nutzte, hat 2018 wegen stark gesunkenem Transportbedarf auf LKW umgestellt. Seitdem ist die Strecke praktisch unbenutzt.

Industrieareale standen dort leer und werden jetzt für Gewerbebetriebe vermarktet, die sicher keinen Bahnanschluss brauchen. Aber weil die Bahn vorhanden ist, können keine dringend benötigten Querungshilfen für die Schulkinder geschaffen werden, die täglich den Dahlemer Weg kreuzen müssen, Radwege fehlen und ein ÖPNV ist nicht möglich, weil auf der Bahnseite keine Haltestellen angelegt werden können. Alles Gründe, diese Strecke aufzugeben und die Defizite zu beseitigen. Der Kleinbahnverein könnte zum Bahnhof Lichterfelde West umziehen und für Versuchsfahrten der DB wird es in Deutschland sicher ähnliche Strecken geben.

Uwe Netzel

B‘90/Grünen-Fraktion

Mit Einstellung des Güterzug-Betriebes auf der Goerzbahn 2018 wurde der Weg für neue Überlegungen zur Nutzung der Trasse der Bahn frei:

Aufstellflächen von Zebrastreifen für einen sicheren Schulweg, wie von Anwohnenden immer wieder zurecht und bis zur Petition gefordert, Platz für Bushaltestellen einer neuen Buslinie, denn wegen hier fehlendem Platz konnten sie nicht eingerichtet werden. Platz ist dann auch für einen sicheren Radweg zwischen Teltowkanal und FU und für Baumreihen, wie in den schönen Querstraßen.

Es passt nicht zum Konzept für den Industriestandort Goerzallee, aber wir wollten warten, ob doch noch Güterbahnnutzungen entstehen. Eine sporadische Nutzung als Zug-Teststrecke entspricht nicht unseren Vorstellungen für eine sinnvolle Nutzung.

Wir setzen weiter auf die oben skizzierte Lösung und den von uns erreichten Beschluss der BVV dazu, mit vielen wichtigen Vorteilen für die Menschen hier. Ein Teilstück der Strecke entlang der Brückenrampe könnte weiterhin dem Verein „Märkische Kleinbahn“ für seine Fahrten beim Bahnhofsfest Lichterfelde West dienen, er selbst könnte auf die Gütergleise am Bahnhof verlagert werden.

Bernd Steinhoff

AfD-Fraktion

Der Dahlemer Weg entwickelt sich zur Versuchsstrecke für Verkehrskonzepte. Nachdem ein fünfjähriger Test eines „Geschützten Radfahrstreifen“ – im Volksmund „Vollpfostenweg“ – initiiert wurde, steht nun ein neues Projekt an.

Mit der Einstellung des Güterverkehrs 2018 auf der Goerzbahn stellte sich die Frage: wie weiter? Vertraglich geregelt fiel der Gleiskörper nach Nutzungsende in den Besitz des Bezirks. Geschenk und Chance statt Altlast!, so sieht es seit Beginn der Diskussion die AfD-Fraktion. Denn die Goerzbahn soll sich als Versuchsstrecke für autonom fahrende Triebwagen oder Schienenbusse besonders eignen, ist, nachdem Testfahrten mit einem ICE-basierten Laborfahrzeug auf der Strecke erfolgten, zu lesen.

Eine Neukonzeption des Dahlemer Wegs ohne Bahntrasse, auch interessant: Radwege, Straßenbäume, die Harmonisierung des Straßenraums. Doch die kann warten. Wer wird sich unter den schrillen Verkehrswende-Kämpfern durchsetzen? Von denen sind sich ja auch nicht alle grün. Fahrrad first oder Bahn first? Immerhin können SPD und Grüne nach dem von ihnen betriebenen Aus des Transrapid (2000) nun auf lokaler Eben auf den Zug aufspringen.

Peer Lars Döhnert

FDP-Fraktion

Die Zehlendorfer Eisenbahn (Goerzbahn) besteht bereits seit 1905. Dabei hat die Bahnstrecke am Dahlemer Weg stets ihre Aufgabe zur Versorgung der Industrieflächen an der Goerzallee zuverlässig erfüllt. In den letzten Jahren ist es jedoch ruhig geworden und es stellt sich die Frage, sollen die Gleise weiterhin Bestand haben und wie kann eine zukünftige Nutzung aussehen? Ob als Museumsbahn, als Ergänzung des ÖPNV für Beschäftigte der Startups im Campus Goerzwerk oder zuletzt als Teststrecke der Deutschen Bahn bleibt offen. Selbst der Fortbestand der Trasse ist nicht unumstritten. Der Schienenstrang behindert aufgrund der mit ihm verbundenen Rechte für die Bahn immer wieder die Einrichtung notwendiger Querungsmaßnahmen am Dahlemer Weg und einige würden hier gerne eine andere Nutzung in den Fokus rücken. Dennoch sehen die Freien Demokraten (FDP) einen Rückbau kritisch. Ist die Trasse erst einmal aufgegeben, wird sie für immer als Schienenweg verloren sein. Gerade in Zeiten, in denen Mobilität eine neue Auslegung erfährt, sollte man solche einmaligen Optionen nicht vorschnell opfern und sich alle Möglichkeiten offen halten.

Andreas Thimm

Linksfraktion

Die Goerzbahn und ihre Gleise, die sich den Dahlemer Weg langziehen, war eine Industriebahn, die schon lange nicht mehr gebraucht wird. Benötigt hingegen wird Platz – wie überall in dieser Stadt. Würden die Gleise abgebaut, könnte dort ein breiter, sicherer Radweg verlaufen. Kombiniert mit einem Grünstreifen. Das würde den Dahlemer Weg qualitativ aufwerten. Ein Erhalt der Gleise zu dem Zweck, dass der Kleinbahnverein sie zwei-/dreimal im Jahr nutzt, steht aus unserer Sicht in keinem Verhältnis dazu, was der Gewinn durch Umgestaltung für alle Bürger*innen bringen könnte. Um nicht falsch verstanden zu werden: Der Kleinbahnverein soll erhalten bleiben, gesichert werden und auch Strecken befahren können. Dazu bedarf es eines Konzepts, das einen anderen Standort im Blick haben müsste – näher an der Stammbahnstrecke gelegen. Einer Idee, die Goerzbahn-Strecke als Teststrecke für was auch immer zu nutzen, erteilen wir eine klare Absage! Und sprechen uns an dieser Stelle für ein strukturiertes Bürger*innenbeteiligungs-Verfahren aus, damit auch die Anwohner*innen des Dahlemer Weges zu Wort kommen und ihre Ideen einbringen können.

Mathias Gruner

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