Gazette Verbrauchermagazin DIN-A4-Bezirks-Magazine DIN-A5-Ortsteil-Journale

Der Schulweg als Lernort

Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Charlottenburg-Wilmersdorf diskutiert

Erschienen in Gazette Charlottenburg und Wilmersdorf Februar 2019

Das Ideal: Ein sicherer Schulweg, der von dem Kind zu Fuß erst gemeinsam mit den Eltern und später allein bewältigt werden kann. So können Verkehrsregeln schon früh verinnerlicht – und Sicherheit erlernt werden.

Die Fraktionen in der BVV Charlottenburg-Wilmersdorf nehmen in den folgenden Beiträgen zu diesem Thema Stellung.

SPD-Fraktion

Die SPD-Fraktion setzt sich schon seit langem für sichere Schulwege in unserem Bezirk ein. Die Wege können z. B. mit baulichen Maßnahmen sicherer gemacht werden. Hierfür bieten sich je nach Lage vor Ort u. a. Zebrastreifen, Mittelinseln, Ampeln oder auch „Kiss & Ride“-Zonen an. Das allein reicht jedoch nicht. Aus unserer Sicht gilt es bei allen Verkehrsteilnehmer*innen das Bewusstsein für mehr Verkehrssicherheit zu schaffen. Bei den Kindern sind zuerst die Eltern gefragt, ihre Kinder beim Erlernen der Verkehrsregeln zu unterstützen. Es ist daher sehr sinnvoll, wenn die Eltern den Schulweg mit ihren Kindern gemeinsam begehen. Dadurch können Kinder lernen, den Schulweg künftig selbst sicher zu meistern. Es gilt: Wenn möglich, sollte der Schulweg immer zu Fuß zurückgelegt werden. Das hilft den Kindern und sorgt auch vor den Schulen für mehr Sicherheit. Denn leider gefährden einige Eltern andere Kinder, wenn sie ihre Kinder mit dem Auto direkt bis vor die Schulen fahren. Doch die Eltern erhalten natürlich auch fachliche Unterstützung in unserem Bezirk: Die beiden Jugendverkehrsschulen bieten wichtige Angebote zur Verkehrserziehung. Die Jugendverkehrsschulen müssen daher auch in Zukunft angemessen ausgestattet werden.

Lothar Saßen

CDU-Fraktion

Trotz des Einsatzes von Polizei und Ordnungsamt führt die leider zunehmende Rücksichtslosigkeit einzelner Verkehrsteilnehmer immer wieder zu Konflikten und Unfällen gerade auch im Bereich von Schulen. Die Bezirkspolitik stellt sich natürlich immer wieder der Aufgabe, die Voraussetzungen für Schulwegsicherheit zu gewährleisten. Oft sind die Gefahren aber gar nicht das Ergebnis unbedachter Autofahrer oder gedankenlos die Gehwege nutzender Radfahrer, es sind gerade in Schulnähe oft die eigenen Eltern, die durch falschverstandenes Fürsorgeverhalten meinen, ihr Kind mit dem eigenen Auto möglichst „bis auf den Schulhof“ bringen zu müssen – gerne wird dabei auch aus Zeitnot auf das Gaspedal getreten oder der Verkehr wird unter Gefährdung anderer eigensinnig massiv behindert. So liegt es eben vornehmlich auch in der Verantwortung der Eltern, ihren Kindern durch eigenes Vorleben und Beispiel und durch die anfängliche Begleitung in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf dem Rad bzw. zu Fuß die erforderliche Sicherheit zu vermitteln. Die CDU-Fraktion begrüßt die Initiativen des Bezirksamtes, die persönliche Begutachtung und Beratung vor Ort, auch z. B. durch die Einrichtung sogenannter Kiss and Go-Zonen.

Gerald Mattern

B‘90/Grünen-Fraktion

Das morgendliche Verkehrschaos vor den Schulen wird immer extremer. Das Bringen der Schulkinder mit dem Auto stellt inzwischen ein erhebliches Sicherheitsproblem dar. Wir Grüne in der BVV Charlottenburg-Wilmersdorf fordern daher ein bezirkliches Gesamtkonzept zur Schulwegsicherheit und konkrete Maßnahmen, um dem morgendlichen Wahnsinn vor unseren Schulen endlich Herr zu werden. Projekte aus anderen Städten können dabei Vorbild sein, zum Beispiel das Projekt „walking bus“, bei dem Kinder sich im Einzugsbereich ihrer Grundschule zu Fuß an „Haltestellen“ treffen, um gemeinsam zur Schule zu gehen. Die Kinder nehmen ihre Welt viel intensiver und selbstbestimmter wahr, als wenn sie sich von Eltern vor die Schule chauffieren lassen. Ordnungsmaßnahmen wie Geschwindigkeitsbegrenzungen und strikte Kontrollen sind unerlässlich. Wichtig ist aber gleichzeitig, an die Vernunft der Eltern zu appellieren und die Vorteile eines selbst bewältigten Schulwegs aufzuzeigen. Denn ein Kind, das morgens selbstständig zur Schule kommt, hilft nicht nur, das Verkehrschaos vor den Schulen zu vermindern. Es tankt jeden Morgen Sauerstoff, Bewegung und außerdem – eine große Portion Selbstbewusstsein.

Dr. Petra Vandrey

FDP-Fraktion

Gerade in der City-West mit ihrer Verkehrsdichte kommt der Sicherheit der Schulwege eine besondere Bedeutung zu. War es jahrelang Usus, dass sich die Bedürfnisse der Kinder der „autofreundlichen Stadt“ unterordnen mussten, sollte es heute umgekehrt sein: Der motorisierte Individualverkehr muss mehr Rücksicht auf unsere Kinder nehmen. Wir unterstützen daher verkehrsregelnde und bauliche Maßnahmen, die geeignet sind, die Sicherheit auch im Umfeld der Schulen zu erhöhen. Flächendeckende Tempo-Limits lehnen wir ab. Damit örtliche Geschwindigkeitsreduzierungen eher akzeptiert werden, können z. B. Dialog-Displays aufgestellt werden. Als Hilfe zur Überquerung kommen je nach Straßenbreite Zebrastreifen oder Mittelinsel in Betracht. Dort wo der Schulwege über eine Hauptverkehrsstraße führt, ist eine Ampel oft unumgänglich. Der Schulweg, den man allein bewältigt, ist ein Schritt zur Eigenständigkeit eines jeden Kindes. Er ist ein notwendiger Lernort; er fördert die räumliche Orientierung und die Begegnung mit der realen Umwelt. Außerdem stärken das Laufen bzw. das Radfahren die körperliche Fitness. Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto vor der Schultür absetzen, nehmen ihnen diese Erfahrungen.

Stephanie Fest

AfD-Fraktion

Der Schulweg ist etwas Besonderes. Deshalb will auch der Staat gewährleisten, dass er sicher ist. Auch zu lang sein darf er nicht sein – und für die Kinder genauso zugänglich wie für die Eltern. Kinder können auf dem Schulweg erste selbstständige Erfahrungen im Straßenverkehr machen. Angesichts teilweise unzureichender Infrastruktur, steigender Bevölkerungszahlen und wachsenden Verkehrsaufkommens ergeben sich allerdings zunehmend Probleme und Konflikte. Nun kann es keine Lösung sein, die Probleme einseitig einem Beteiligten anzulasten. Um eine sichere (Lern-)Umgebung zu erhalten, sind alle Beteiligten in der Pflicht, das ihnen Mögliche und Zumutbare zu leisten. Der Staat hat ausreichend Infrastruktur zur Verfügung zu stellen – und nicht nur Einzugsbereiche zu verändern. Eltern und Kinder sind in der Pflicht, sich an die Verkehrsregeln zu halten – und zwar unabhängig vom bevorzugten Verkehrsmittel. Und für den Fall, dass die Situation an Ort und Stelle nicht wirklich zufriedenstellend für alle gelöst wird, was immer häufiger passiert, bestimmt immer noch § 1 StVO generell: „Wer am Verkehr teilnimmt hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.“

Jan von Ertzdorff-Kupffer

Linksfraktion

Viele Kinder werden von ihren Eltern mit dem Auto zur Schule gebracht. Dadurch kommt es häufiger zu gefährlichen Situationen. Die Sicherheit von Schülerinnen und Schülern auf ihrem täglichen Weg zu gewährleisten ist eine wichtige Aufgabe. Dafür müssen auch Eltern und andere Bringende in die Pflicht genommen werden: Muss wirklich immer mit dem Auto bis vor die Schule gefahren werden? Besser sind „Kiss & Ride“-Zonen einzurichten, bei denen Kinder mit oder ohne Bringende, die letzten Meter gehen. Aber auch Bodenschwellen und Tempo 30-Zonen zur Geschwindigkeitsreduzierung müssen im Einzelfall geprüft werden. Oder gleich auf das Auto verzichten und die Kinder per Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule bringen. Alternativ könnte der gesamte Kraftfahrzeugverkehr vor den Schulen morgens und nachmittags verboten werden. Alle Grundschulen sollten zudem Schulwegpläne erstellen. So könnten die Wege trainiert und Kinder selbstständig den Weg zur Schule erreichen. Es gibt viele Wege und Möglichkeiten – sie müssen nur angegangen werden.

Niklas Schenker

© Gazette Verbrauchermagazin GmbH 2019