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Alter Ego

Comics in der Kommunalen Galerie

Mia Oberländer: Anna, 2022, Holz, Fimo, Gips, Textil, Tusche, Klarlack, 30 × 60 cm, Fotografin: Pauline Henric
Mia Oberländer: Anna, 2022, Holz, Fimo, Gips, Textil, Tusche, Klarlack, 30 × 60 cm, Fotografin: Pauline Henric
Erschienen in Gazette Charlottenburg Mai 2024
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In der Welt der Comics sind ein zweites Leben, eine zweite Persönlichkeit oder gar einen Stellvertreter für sich selbst, wie einen guten Freund, ein „Alter Ego“, kein Problem. Comic-Künstlerinnen und -Künstler verbringen nicht nur Stunden, sondern Jahre oder sogar Jahrzehnte mit einem Werk und so auch mit ihren Charakteren. So wird eine selbst entwickelte Figur zu einem Teil der eigenen Identität.

Ob versteckt hinter einer erfundenen Figur wie Nele Brönners Monkey Girl oder direkt und ungeschützt als sie selbst wie Ulli Lust, mit meterlangen Beinen wie bei Anna von Mia Oberländer, als Tonfigur von Malwine Stauss oder eine auf Leinwand gemalte Cleo von Janne Marie Dauer, eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind Figuren eines Comics. In der Ausstellung präsentieren fünf Künstlerinnen ihre „Alter Egos“. Sie zeigen, dass grafische Erzählungen nicht immer nur auf Papier passieren, sondern auch in Form von Skulpturen und Malereien entstehen können.

Geschichte der Comics

Eine Comic-Industrie im eigentlichen Sinne hat es in Deutschland zu keiner Zeit gegeben. Die meisten Comics wurden aus Amerika importiert. In den 50er-Jahren wurde der Comic von Politik und Pädagogik mit einer Schmutz- und Schundkampagne überzogen. Anspruchsvolle Verlage weigerten sich, Comics zu publizieren. Sie überließen das Geschäft der Importindustrie. Daran änderte auch der spätere Verweis auf die triviale Massenunterhaltung vor allem für Kinder nichts.

Erst in den 68er-Jahren änderte sich dies: In der Berliner Akademie der Bildenden Künste wurde eine Comic-Ausstellung gezeigt. Doch die Meinungen blieben gespalten. Trotz der Widerstände in den 50er- und 60er-Jahren war gerade diese Generation mit der heimlichen Lektüre groß geworden und immer mehr Menschen begannen mit dem Lesen von Comics. Es entstanden die ersten spezialisierten Comicläden. Im Jahr 1984 wurde der Internationale Comic-Salon in Erlangen ins Leben gerufen. Alle zwei Jahre wird dort der Max und Moritz-Preis verliehen. Er zählt zu den wichtigsten Auszeichnungen für grafische Literatur im deutschsprachigen Raum. Mit dem Import bzw. der Übersetzung von Art Spiegelmans „Maus“, einem Werk über den Holocaust, durch den Rowohlt Verlag Ende der 80er-Jahre, änderte sich die Wahrnehmung von Comics. Es zeigte sich, dass Comics nicht nur triviale Unterhaltung sein können, sondern auch eigenständige künstlerische und sehr anspruchsvolle Themen aufgreifen. Auch für Erwachsene erweiterte sich plötzlich das Angebot an Comics.

Vom Comic zur Graphic Novel

Später wurde der Comic mit dem Etikett der Graphic Novel versehen. Das verkaufte sich besser. Die Kritik, dass Comics als triviale Unterhaltung und Graphic Novels als Belletristik abgetan werden könnten, war groß. Bis in die 90er-Jahre ignorierte das Feuilleton diese Kunstform. Heute ist es normal, dass Tages- und Wochenzeitungen über aktuelle Comics berichten. Comics haben Einzug in die Lehre und an Schulen gefunden, um Wissen zu vermitteln. Comics werden nicht nur gelesen, gekauft und diskutiert, sondern auch ausgestellt.

Vom Comic leben kann man immer noch nicht.

Die Kommunale Galerie will mit dieser Ausstellung nicht nur dazu beitragen, Comic- Künstlerinnen und -Künstler auf ihrem Weg zu unterstützen, sondern auch dazu, dass sich die kulturelle Akzeptanz, Comics als Kunstform zu sehen, weiter verstärkt und nächste Generationen prägen.

Die Ausstellung wird noch bis zum 9. Juni in der Kommunalen Galerie, Hohenzollerndamm 176, 10713 Berlin, gezeigt. Geöffnet ist Di bis Fr 10 bis 17 Uhr, Mi 10 bis 19 Uhr, Sa, So und Feiertage 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen unter www.kommunalegalerie-berlin.de

Titelbild

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