Schöneberg
Katalog zu Sonderausstellung „Die Kette“
Schöneberger Gesichter und Texte zur Vor- und Nachbereitung

16.07.2026: John Kolya Reichart, Fotograf, Filmmacher und Buchautor, ist nicht nur durch seine vor drei Jahren in Schöneberg gezeigte Fotoausstellung über „100 Gesichter aus der Eisenacher Straße“ in seinem Wohnkiez ein Begriff geworden. Der Regisseur und Gründer einer Filmproduktionsfirma hat nun ein weiteres, 2024 vom Schöneberg Museum mit auf den Weg gebrachtes Porträtprojekt auf die Beine gestellt, das aktuell im Schöneberg Museum als Sonderausstellung „Die Kette. Gesichter - Geschichten – Schöneberg“ von sich reden macht (siehe auch Gazette Schöneberg/Friedenau Mai 2026). Reichart, der als kölscher Jung in frühen Jahren über eine alte Minolta-Kamera seiner Eltern zur Analog-Fotografie fand, hat auch zu dieser Ausstellung wieder einen sehens- und betrachtenswerten Katalog kreiert, der als Vor- und Nachbereitung des Ausstellungsbesuches bestens geeignet ist und die Porträtierten dem Betrachtenden noch näher bringt.

Six Degrees of Separation im Kiez
Reichart lässt wie in der Ausstellung auch im Katalog die Porträtierten in einer Art Menschenkette den Staffelstab von einem zum anderen weiterreichen. Das Konzept der Reihe erklärt der Fotograf und Autor so: „Es beginnt mit einer fremden Person, die ich auf der Straße anspreche, und nimmt von da an seinen eigenen, von mir losgelösten Verlauf. Denn jede Begegnung, jede Fotosession endet mit der Frage: Welche Person soll die nächste sein?“ Was zuerst nur ein loser Gedanke, eine Idee war, offenbarte so plötzlich ein Netzwerk von Menschen, die hier, im Bezirk, miteinander verbunden sind. Sie sind Nachbarn, Sportkameraden, Arbeitskollegen, Familienmitglieder, Freunde oder auch Zufallsbekanntschaften. Reichart, der sich mit dem Gedanken Six Degrees of Separation und der Theorie beschäftigt hat, dass jeder Mensch über höchstens sechs Zwischenpersonen mit jedem anderen Menschen auf der Welt verbunden ist, hat diesen Gedanken auf die Bewohner seines Stadtteiles übertragen. In Zusammenarbeit mit dem Schöneberg Museum entwickelte Reichart so ein fotografisches Konzept mit dramaturgischer Struktur, in der sich die von ihm Porträtierten bildlich die Klinke in die Hand geben. – Akzentuiert und ohne jede störende Ablenkung von der gezeigten Person agieren dabei die großformatigen Schwarzweiß-Porträts vor schlichtem Hintergrund, aufgenommen im jeweiligen Wirkungskreis der Person. Als Untermalung dazu die Stimme und Worte jeweils derjenigen Person, die die gezeigte Person ausgesucht hat. Doch auch die porträtierte Person selbst kommt zu Wort, als logisches Glied der „Kette“, die Fotos werden farbig, die Dargestellten rücken damit und mit ihren eigenen Aussagen nun dem Betrachter noch ein Stück näher, beziehen ihn förmlich mit ein.

Aus 40 Begegnungen mit diesen unterschiedlichen Menschen hat John Kolya Reichart die Sonderausstellung mit 40 Porträtierten entwickelt. – Er, der die Begegnung mit Menschen immer als „treibende Kraft seiner Arbeit als Fotograf“ und sich als Fragensteller sieht, während sein Gegenüber sich entschlossen hat, sich zu zeigen. – Der Beginn eines spannenden sich Aufeinandereinlassens, mit ungewissem Ziel einer unbekannten Reise. Reichart betont: „Jede einzelne Begegnung in diesem Projekt „Die Kette“ war tatsächlich eine Reise. Sie führte uns an Orte und in Momente, die mir gezeigt haben, wie vielfältig und überraschend die Menschen in diesem Kiez sind. Ich hoffe von Herzen, dass es mir gelungen ist, diese besondere Kraft in den Porträts und Erzählungen festzuhalten.“
Die Kette – ein Kiezporträt, fotografisch und auditiv erzählt

Erste Kettenglied – von Reichart wegen seiner Freundlichkeit und warmen Art ausgewählt – ist Antonio, Besitzer eines kleinen Schusterladens auf der Hauptstraße, dem der Fotograf für sein Porträt über die Schulter schaute und ihn dazu ein gutes Stück begleitete. Antonio gibt in Teil I des Katalogs den Staffelstab an Friederike B. in der Crellestraße, sie diesen an ihre regelmäßige Urlaubsbegleiterin Hanna D. weiter. – Das erste kleine Kettenstück ist geschafft. Das letzte Glied der Kette schließlich ist Michael S., Freund des Vaters von Dodo P., die ihn vorgeschlagen hat.
Sympathisch und voller positiver Aussagen sind die jeweiligen Texte der Auswählenden zu den von ihnen Ausgewählten: Gerade in heutiger Zeit voller Unruhe und Nörgelei, sind die ehrlichen Komplimente, ist das der ausgewählten Person aus ganz unterschiedlichen Beweggründen entgegengebrachte Interesse wohltuender Seelenbalsam. Angefügte Audiodateien bereichern in der Ausstellung als narratives Element die jeweils dargestellte Person. Und da sind die Farbfotos, die eigenen Aussagen der Dargestellten, erstaunlich mutig und berührend ehrlich.

Der 190-seitige Katalog vollzieht diese Steigerung nach, lässt die Auswählenden, Dargestellten und auch Mitarbeiter der Porträtreihe sowie Autor, Museumsleiterin und Stadtrat zu Wort kommen. Er verleiht den auch schon ohne Text so aussagekräftigen Schwarzweiß- und Farbfotos Reichart´s eine noch eindringlichere und deutlichere Sprache und zeichnet darüber ein farbenfrohes Bild eines liebenswerten Kiezes, wie es nur Schöneberg mit seinem bunten Bewohnerkreis zu malen vermag. „Die Kette“ – als Ausstellung und Katalog für alle ein Muss, die Schöneberg mit seinen Menschen und in seiner Vielfalt lieben.
Wer den Bezirk noch näher kennenlernen möchte, der kann an einer der Bezirkstouren mit Künstler John Kolya Reichart teilnehmen: Am Freitag, den 29. August 2026, um 13.30 Uhr oder am Samstag, den 12. September 2026, um 15 Uhr. Näheres unter Telefon 030 – 90277-6227
Das Schöneberg Museum, Hauptstraße 40/42 in 10827 Berlin, mit der Sonderausstellung „Die Kette“ ist Samstag bis Donnerstag von 14 bis 18 Uhr sowie Freitag von 9 bis 14 Uhr geöffnet.
Jacqueline Lorenz



