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„Preußisch Arkadien“ – Ausflugsziel mit Zukunft

3. Kiezspaziergang führte zum Weltkulturerbe Schloss und Park Glienicke

Erschienen in Wannsee Journal Oktober/November 2018
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Die große Hitze des Sommers liegt hinter uns, und es erwacht die Lust zu Spaziergängen durch knisterndes Herbstlaub, bei denen es so manches Interessante längs des Weges zu entdecken gibt.

Appetit auf kurzweilige Erkundungstouren durch „Preußens Arkadien“ machte zum Sommerausklang der 3. Kiezspaziergang in den äußersten Südwesten Berlins zum UNESCO-Weltkulturerbe-Areal an der Glienicker Brücke mit Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski, die damit symbolisch „den Grenzverkehr“ eröffnete, um mit Gleichgesinnten den für Berlin und Brandenburg so wichtigen Kulturraum zu Fuß zu erobern.

Gleichzeitig stellte sich damit als neue Schlossbereichsleiterin Anke Berkhoff vor, die seit 1. März 2018 dieses Amt innehat, und mit interessanten Hintergrundinformationen den Spaziergang begleitete. Sie ist die Amts-Nachfolgerin der Kunsthistorikerin Susanne Fontaine, die vor einem Jahr einem tödlichen Gewaltverbrechens zum Opfer gefallen war.

Anke Berkhoff, die ihre Vorgängerin sowohl persönlich als auch beruflich sehr schätzte und vermisst, erklärt: „Meine Verbundenheit zu Susanne Fontaine bleibt, so dass ich die Arbeit im Angedenken an sie in ihrem Sinne weiterführen werde.“

Die Ethnologin, die an der Freien Universität studiert hat, hatte sich bereits als Stellvertreterin der Kastellanin in ihr jetziges Tätigkeitsfeld umfangreich einarbeiten können und bringt langjährige Erfahrung aus der Museumsarbeit mit, die sie mit der Organisation unterschiedlichster Veranstaltungen in Glienicke immer wieder bewiesen hat.

Vom Prinzentraum zur Parkanlage

Prinz Carl von Preußen (1801-1883), von seinen Reisen inspiriert, hat seinen Traum von einem inmitten südländischer Gartenlandschaft gelegen italienischen Sommerhaus in Glienicke umgesetzt. Dabei wusste er die preußischen Meister der Bau- und Gartenkunst Karl Friedrich Schinkel und Peter Joseph Lenné an seiner Seite, die mit dem Schloss und dem Pleasureground seinen Traum von „Preußisch Arkadien“ in die Wirklichkeit umsetzten. 60 Sommer – jeweils von April bis zur Hubertusjagd im Oktober – verbrachte Carl auf seinem Landsitz.

Während Carls Bruder, der spätere Kaiser Wilhelm I., dieses Werk erweiterte, indem er auf dem Hügel gegenüber Park und Schloss Babelsberg in englischem Stil anlegen ließ, schuf Carl daraufhin einen stilvollen Verbindungsweg nach Babelsberg: In der Zeit um 1860 ließ er das ärmliche Klein-Glienicke am Böttcherberg in ein Schweizer Dorf alpenländischen Stils umbauen.

Nach dem Mauerfall ist dieser umfangreiche kulturelle Schatz nun wieder für Berliner, Brandenburger und Touristen in seiner beeindruckenden Gesamtheit zu erkunden.

Kiezspaziergang zum Nachmachen

Rund 40 Glienicke-Interessierte, auch aus entfernteren Bezirken, waren der Einladung von Bezirksamt und Wirtschaftsförderung gefolgt und starteten, begleitet von feuchten Grüßen des Wettergottes, am „Stipadium“ zum Rundgang, der dann bis zum Schloss Glienicke führte.

Die Spaziergänger von Glienicke erklommen die Stufen des Stipadiums, einem lauschigen, von Säulen gestützten „Ruhesitz“ mit Römischer Bank, das 1840 nach Entwürfen des Architekten Ludwig Persius errichtet worden war. Wegen seiner Lage schätzte Carl mit seiner Familie diesen Ort für Frühstücks- und Teezeremonien, der – bei noch niedrigem Baumwuchs – bezaubernde Ausblicke über die Havel bis nach Potsdam bot. Toscana-Feeling wollte wegen der Wetterlage bei den Teilnehmern des Rundganges nicht so recht aufkommen, so dass man nach kurzer „Sitzprobe“ der als Signum des Glienicker Parks weitbekannten Schinkel´schen, nach dem Vorbild der Villa Medici in Rom gestalteten goldenen Löwenfontäne aus dem Jahr 1837 einen Besuch abstattete. Die goldenen Löwen, die den Brunnen krönen, waren einst Geburtstagsgeschenk von Charlotte – der späteren russischen Zarin Alexandra Feodorowna – an ihren Bruder Prinz Carl von Preußen.

Während draußen der Regen prasselte, erfuhren die Parkbesucher wenig später vor Ort einiges über die „Kleine Neugierde“, die, gartenseits von Schinkel als Tempelchen angelegt, im Inneren dem damaligen „neugierigen“ Betrachter bei einer edlen Tasse Tee das unbemerkte Beobachten des Chausseetreibens erlaubte. Inschriftentafeln schmücken den Vorraum, eingelegte antike Mosaike im Fußboden brachte Prinz Carl von seiner letzten großen Reise im Jahr 1877 mit.

Märchenhaftes

Leise plätschernd vermischte sich gegenüber der Kleinen Neugierde das aus dem zerbrochenen Krug des „Milchmädchen-Brunnens“ über einen Granitfindling rieselnde Wasser mit dem nachmittäglichen Regen. Märchenhaft dazu die Geschichte des Milchmädchens „Perrette“, die Anke Berkhoff nach einer Fabel La Fontaines erzählte: So stellt sich die Magd Perrette auf dem Weg zum Markt vor, was sie mit dem Erlös der verkauften Milch – und wiederum vom Gewinn aus dem Erworbenen und immer so weiter – schließlich alles kaufen könne. Über diesen Bau von Luftschlössern wird sie so unaufmerksam, dass sie schließlich die Milch verschüttet. – Die Vorlage aus dem 17. Jahrhundert zu „Hans im Glück“ der Brüder Grimm im 19. Jahrhundert? Auf jeden Fall aber Grundlage der Redewendung „eine Milchmädchenrechnung aufstellen“.

Das Milchmädchen-Original des russischen Bildhauers Pawel Petrowitsch Sokolow steht in einem Park nahe Sankt Petersburg. Seine erste Kopie kam wiederum als Geschenk der Zarin Alexandra an ihren Bruder 1827 nach Glienicke. Im Zweiten Weltkrieg jedoch verschwanden Findling und Figur. Während der Findling nach dem Krieg in einem nahen Teich wiedergefunden wurde, erfolgte 1989 eine Nachbildung der Figur, um den Brunnen zu vervollständigen.

Vorbei an dem Wasserspiel führt der Gartenweg einen Hügel empor und erweitert den Blickhorizont. Entlang der Chaussee gingen wir aber den Gartenweg weiter zur „Großen Neugierde“: Auf Anregung und nach Vorschlägen des architekturbegeisterten Prinz Carl errichtete 1835 Schinkel nach dem Bau der Glienicker Brücke auf der hinzugewonnenen Spitze des Pleasuregrounds diesen gekrönten Rundtempel.

Als Aussichtspunkt eröffnet er nach Erklimmen der steilen Treppe Fernblicke nach Babelsberg, Potsdam und Wasserausblicke hinüber zur Villa Schöningen und zum Pfingstberg. Die echtvergoldeten Umschließungsgitter der Neugierde, die Prinzessin Marie gewidmet war, tragen als Motive die Köpfe von Zeus und Hera – Letztgenannte trägt die Gesichtszüge der Prinzessin.

Einige Schritte weiter erwartete die Kiezspaziergänger ein Höhepunkt: Als einer der ersten Bauaufträge Schinkels präsentiert sich das 1824 erbaute zweigeschossige Casino. – Ein Billardhäuschen mit hochwangiger Pergola, die eine traumhafte Aussicht über die Wasserlandschaft ermöglicht. Der leidenschaftliche Sammler, Prinz Carl, platzierte hier einen Großteil seiner Exponate.

Im Rahmen des Kiezspazierganges erhielten die Teilnehmer nach einem erfrischenden Umtrunk ausnahmsweise Einblick ins Casino-Innere, das nur aus besonderem Anlass für Besucher geöffnet wird.

Zurückversetzt in vergangene Zeiten fühlten sich viele angesichts der kunstvollen Terracotta-Badewanne, die im Schloss gestanden hatte, der Kandelaber und der üppigen Marmor- und Perlmuttverarbeitungen. Sehenswert auch das Südzimmer, das mit Sternenhimmel, Fruchtgirlanden sowie goldgelbem Lattenwerk verzaubert.

Nach so viel architektonischem Glanz bewunderten die Spaziergänger im Klosterhof mit der angrenzenden Orangerie und den rekonstruierten Gewächshäusern schließlich Natur und Pflanzen wie Lorbeer und Orangenbäumchen, die im Herbst nun wieder Einzug in die Orangerie halten werden.

Zwar endete dieser 3. Kiezspaziergang am Schloss, doch es gibt noch vieles zu entdecken in „Preußisch Arkadien“, was noch einige interessante (Bezirks-)Spaziergänge füllen dürfte.

UNESCO-Welterbe mit Zukunft

Das Glienicker Areal, das lange vernachlässigt wurde, blickt nun auch mit dem geplanten Tourismus-Besucher-Zentrum (TBZ) des Bezirks wieder hoffnungsfroh in eine spannende Zukunft. In den denkmalgeschützten und sanierten Gebäuden des Glienicker Wirtschaftshofes – Baubeginn soll 2020 sein – wird der Besucher dann nicht nur über die Glienicker Brücke informiert werden, sondern auch über touristische Angebote aus den Bereichen Rad- und Wassertourismus, Parks und Museen des Berliner Südwestens „jenseits von Mitte“.

Gezielt daraufhin arbeiten die bezirkliche Wirtschaftsförderung und das Regionalmanagement Berlin SÜDWEST mit der Planung einer weiteren Rad-Route, die auch das Glienicker Areal mit seinen Sehenswürdigkeiten einbezieht.

Und so werden die Insassen der Touristenbusse mit der Schlösserwelt im Berliner Südwesten und den Gärten der Könige bald ein ebenso märchenhaftes wie informationsreiches Ziel vor Augen haben, das weitaus mehr als nur einen Besuch wert ist.

Der 4. Kiezspaziergang am 20. Oktober 2018 zum Thema „Amerikaner im Berliner Südwesten“ startet etwas früher, bereits um 10 Uhr. Anmeldung unter Telefon 030 90299 – 5256.

Jacqueline Lorenz

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