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Erholung in stiller Waldlage

Eine Stele erinnert an das Sanatorium Schlachtensee

Historische Postkarte um 1920.Archiv: Henning Schröder
Historische Postkarte um 1920.Archiv: Henning Schröder
Erschienen in Gazette Zehlendorf März 2026

Eigentlich wollte Christian Morgenstern (1871 – 1914) von München mit einem kurzen Aufenthalt in Berlin nach Schlesien reisen, um dort Vater und Stiefmutter zu besuchen. Doch dann musste der erkrankte Schriftsteller „nur mit Temperatur, aber immerhin auf ein paar Wochen“ ins Sanatorium Schlachtensee.

Gefragte Sanatorien

In Schlachtensee entstand kurz vor der Jahrhundertwende ein Zentrum für Nervenpflege, mit den Privatkliniken Fichtenhof, Kurhaus Hubertus und Sanatorium Schlachtensee. Letzteres gewann an Bedeutung, als seine Leiter Dr. Julius Weil und Dr. Salo Unger 1905 einen großräumigen Neubau an der damaligen Viktoriastraße errichteten. Das „Alte Sanatorium“ bezogen sie ein. Ihre Glanzzeit hatte die Klinik im ersten Jahrzehnt, als Nervenschwäche mit Gemütsschwankungen in der bürgerlichen Gesellschaft als zeittypisches Krankheitsbild galt. Christian Morgenstern war einer der bekannten Patienten des Hauses. Vor 1914 wandelte sich der Zeitgeist; statt Nervosität war nun Nervenstärke gefragt und statt Heilbädern das „Stahlbad“.

Stehle

Wandel des Zeitgeistes und Schikanen

Auch nach dem Kriege war Nervenheilung in stiller Waldlage kaum zeitgemäß. In einer Werbebroschüre, die um 1920 erschien, wurden die Vorzüge des Sanatoriums Schlachtensee, wie Zimmer mit Balkon, Gesellschaftsräume, Musik- und Billardzimmer, Kegelbahn und weiteres angepriesen. Der bekannte Sanitätsrat Dr. Otto Juliusburger versuchte mit der Übernahme einen Neuanfang. Doch die Anziehungskraft der Sanatorien war verblasst und so gab er bald auf. Er verkaufte das Sanatorium und angrenzende Grundstücke im Jahr 1921 an den lettischen Kaufmann und Privatier Moritz Mendelson. Dieser machte seinen Schwiegersohn, den Neurologen Dr. Ilja Wolpert, zum ärztlichen Leiter.1924 starb Mendelson und das Eigentum ging auf seine Witwe Rahel sowie die Töchter Johanna, Lili und Josephine über. Schon bald begannen die Schikanen gegen vermögende Juden durch erhöhte Abgaben. Bereits 1934 emigrierten Dr. Wolpert mit seiner Frau Josephine in die USA. Zu der Zeit wurde das Sanatorium geschlossen. Rahel Mendelson starb 1939. Die Namen von Rahel und Josephine wurden aus dem Grundbuch gelöscht. Im gleichen Jahr emigrierte Johanna Mendelson in die USA. 1943 gab es einen neuen Eigentümer für das Sanatorium: Das Deutsche Reich. Lili Mendelson war zu der Zeit schon tot, sie wurde verschleppt und starb im Herbst 1942 in Sibirien.

Stolpersteine für frühere Mieter im Sanatorium, die deportiert wurden.
Stolpersteine für frühere Mieter im Sanatorium, die deportiert wurden.

Verwaltung von Menschenversuchen

Bereits 1941 hatte das Hygiene-Institut der Waffen-SS, mit Sitz in Charlottenburg, erweiterten Raumbedarf geltend gemacht. Es zog wahrscheinlich im Herbst 1943 in das Sanatorium in Schlachtensee ein – nachdem das Gebäude von seinen letzten Bewohnern geräumt wurde. Im Haus waren zehn jüdische Mieter registriert, die alle in Konzentrationslager deportiert wurden und dort ihr Leben lassen mussten. An sie erinnern Stolpersteine vor dem Pflegewohnheim Spanische Allee 8 – 10. Neuer Leiter des Hauses war Dr. Joachim Mrugowsky. Von hier aus verwaltete die SS ihre grausamen Menschenversuche in verschiedenen Konzentrationslagern. Viele der etwa 600 betroffenen Gefangenen starben an den Folgen. Im früheren Sanatorium befanden sich neben den Verwaltungsräumen Labors, in denen man vermutlich Seren erzeugte, die an den Gefangenen der Konzentrationslager erprobt wurden. Die SS befand sich bis kurz vor Kriegsende in dem Haus. Das Gericht verurteilte Dr. Mrugowsky während der Nürnberger Ärzteprozesse zum Tode. Nach dem Krieg nutzte man die Gebäude des Sanatoriums wieder für medizinische Einrichtungen. 1984 erfolgte der Abriss. An der Stelle des Sanatoriums stehen heute die Gebäude des Hubertus-Krankenhauses.

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