Gazette Verbrauchermagazin

Einsamkeit im Bezirk

Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Steglitz-Zehlendorf diskutiert

Erschienen in Gazette Steglitz und Zehlendorf Januar 2026

Immer mehr Mitmenschen in unserer Stadt und im Bezirk leben in Einsamkeit oder haben nur noch reduziert soziale Kontakte. Einsamkeit ist nicht nur ein individuelles Empfinden. Sie kann jeden betreffen – in jeder Lebensphase, in jeder Lebenslage, in jedem städtebaulichen Umfeld, egal ob in Geschosswohnungen oder Einfamilienhäusern, in der Stadt oder auf dem Land. Sie betrifft ältere Menschen, Berufstätige aber auch Jugendliche. Die Gründe für Einsamkeit sind dabei sicherlich vielschichtig. Auch die Kommunalpolitik setzt sich mit dieser Entwicklung auseinander.

René Rögner-Francke, Bezirksverordnetenvorsteher

CDU-Fraktion

Kommunale Ehrenamtsbörse für sozialen Zusammenhalt: Einsamkeit trifft längst nicht nur Ältere, sondern auch Jugendliche, die sich im digitalen Alltag verlieren, oder Alleinlebende, deren soziale Kontakte brüchig geworden sind. Wer gesellschaftliche Teilhabe ernst nimmt, muss mehr tun, als Pflegeplätze zu schaffen. Es braucht Orte, an denen Begegnung möglich ist und Strukturen, die jene erreichen, die kaum noch aus eigener Kraft Anschluss finden. Ein wirksames Instrument wäre eine kommunale Ehrenamtsbörse. Sie könnte Menschen, die sich engagieren wollen, gezielt mit jenen verbinden, die Begleitung, Gespräche oder praktische Unterstützung benötigen – vom wöchentlichen Besuchsdienst für Senioren bis zur Lernhilfe für Jugendliche oder gemeinsamen Aktivitäten für Alleinlebende. Sozialer Zusammenhalt entsteht nicht zufällig: Er muss aktiv organisiert werden. In Steglitz-Zehlendorf gibt es bereits den Runden Tisch „Gut älter werden“, der ebenfalls spannende Einblicke und auch Einsatzmöglichkeiten bietet. Bürgerinnen und Bürger jeden Alters, die ihre Zeit und Talente für unseren Bezirk einbringen möchten, sind willkommen.

Gabriele Grabowski

B‘90/Grünen-Fraktion

Einsamkeit ist kein Randphänomen. Sie betrifft junge Menschen genauso wie Ältere: mitten in unseren Städten, mitten in unseren Kiezen. Wer allein ist, wird schneller krank, verliert Vertrauen und oft auch gesellschaftliche Teilhabe. Um Einsamkeit zu verhindern, brauchen wir starke Nachbarschaften und lebendige Orte. Plätze, Parks, Nachbarschaftstreffs, Bibliotheken und Vereine sind soziale Infrastruktur, die Begegnung ermöglicht: niedrigschwellig, generationenübergreifend und ohne Eintrittskarte. Besonders wichtig sind Jugendeinrichtungen ebenso wie Angebote für Seniorinnen und Senioren. Jugendtreffs geben Halt, Struktur und Gemeinschaft. Seniorentreffs schaffen soziale Kontakte, verhindern Vereinsamung und stärken Selbstständigkeit. Beides wirkt präventiv gegen Isolation, Einsamkeit und gesellschaftliche Spaltung. Gerade deshalb dürfen diese Angebote nicht dem Sparzwang geopfert werden. Wer hier kürzt, zahlt später doppelt: mit höheren sozialen Folgekosten und weniger Zusammenhalt. In einer Stadt, in der viele ihre Nachbarinnen und Nachbarn kaum kennen, ist die Bekämpfung der Einsamkeit eine soziale und politische Aufgabe.

Alexander Kräss

SPD-Fraktion

Social Media, Online Classes und Home-Office ermöglichen weltweite Vernetzung, gleichzeitig nehmen persönliche Begegnungen ab. Waren früher vor allem ältere Alleinstehende von Einsamkeit betroffen, zeigen aktuelle Studien, dass sich heute immer mehr junge Menschen einsam fühlen. Konkurrenzdruck in Schule und Beruf, die Allgegenwart der Sozialen Medien führen zu einem Anstieg von Mobbing und Ausgrenzung. Erste Smartphone-Verbote an Schulen zeigen positive Auswirkungen auf das Miteinander; unsere Gesundheitsstadträtin Carolina Böhm setzt sich daher für eine berlinweite Regelung ein. Ein wichtiger Faktor ist die Stadtplanung: Es braucht öffentliche Orte, an denen sich Menschen gerne aufhalten und ins Gespräch kommen – viele sind durch Sparmaßnahmen und Privatisierung verloren gegangen. Infolge der Inflation sind Cafés und Clubs für viele als Treffpunkte weggefallen. Es ist daher Aufgabe des Bezirks, für attraktive Orte ohne Konsumzwang zu sorgen – und dabei Bedürfnisse aller Altersklassen im Blick zu haben. Bei der geplanten Umgestaltung des Zehlendorfer Ortskerns haben wir dies durch vielfältige Beteiligungsformate erreicht.

Rainer Ziffels

FDP-Fraktion

Den Start ins neue Jahr begehen die meisten von uns in fröhlicher Geselligkeit. Für viele Menschen ist das alte wie das neue Jahr jedoch geprägt von einem ganz anderen Gefühl: dem der Einsamkeit. Ein Phänomen, bei dem man früher vor allem an die Älteren dachte, das aber spätestens seit den Corona-Lockdowns alle Altersgruppen erfasst hat.

Welche Möglichkeiten hat die Politik? Sie kann Barrieren abbauen und Wege eröffnen, durch die Menschen zum Austausch miteinander gelangen. Als Freie Demokraten setzen wir uns daher dafür ein, dass der barrierefreie Ausbau im öffentlichen Raum forciert und im Wohnungswesen nicht durch Konzepte wie den Milieuschutz blockiert wird, damit Mobilitätseinschränkungen niemanden an gesellschaftlicher Teilhabe hindern. Genauso machen wir uns dafür stark, dass in Schulen ein stärkerer Fokus auf Medienkompetenz gelegt wird, damit der digitale Raum Austausch und Miteinander befördert, statt Einsamkeit zu verstärken. Und wir fördern Ehrenamt und private Initiative. Denn das beste Mittel gegen Einsamkeit ist eine lebendige und freie Zivilgesellschaft, in der jede und jeder Anschluss und Austausch findet.

Søren Grawert

AfD 

Viele Menschen, jung wie alt, vereinsamen heute aus vielerlei Gründen. Oft kommen mehrere zusammen: das Gefühl, durch neue Sprachregeln nicht mehr frei sprechen zu können, der Vertrauensverlust in staatliche Institutionen seit Corona, Zweifel an der eigenen Impfentscheidung und damit gesundheitliche Probleme. Die Angst, die Miete oder das Essen nicht mehr zahlen zu können, das Erleben von sozialem Abstieg, Unsicherheit im öffentlichen Raum, gesellschaftliche Ausgrenzung – etwa „Alter weißer Männer“. Auch Pflegenotstand, überlastete Arztpraxen, Wohnungsnot, Zukunftsängste oder die Sorge, Fehler zu machen, setzen viele unter Druck. Diese Belastungen sind individuell, real und nehmen zu – besonders, wenn darüber nicht gesprochen werden darf.Geben Sie nicht auf. Gehen Sie in die Natur. Lassen Sie Neid und Bitterkeit nicht an sich heran. Ein Lächeln hilft – auch, wenn es zunächst nur vor dem Spiegel entsteht. Knüpfen Sie Kontakte, auch zu Menschen mit anderen Blickwinkeln, um geistig beweglich zu bleiben. So wächst nach und nach wieder Vertrauen in das eigene Leben. Schauen Sie gern mal auf einen Kaffee bei uns vorbei. Ihre AfD.

Peer Döhnert

Die Linke 

Einsamkeit ist kein unvermeidbares privates Schicksal, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Sie betrifft Menschen jeden Alters. Deshalb müssen Verhinderung und Beseitigung von Einsamkeit generationsübergreifend gedacht werden. Die Linke setzt auf gezielte Maßnahmen, um Isolation zu verhindern und sozialen Zusammenhalt zu fördern. Wir unterstützen z. B. Nachbarschaftsinitiativen und andere ehrenamtliche Formate, die etwa kostenlose Freizeit- und Kulturangebote anbieten. Wir wollen eine Stadtplanung, die mehr Begegnungsmöglichkeiten schafft und den öffentlichen Raum durch nichtkommerzielle Orte zurückgewinnt. Eine Orientierung an den sozialen Bedürfnissen der Menschen ist ein wirksames Mittel gegen Einsamkeit in der Großstadt! Die Linke Berlin plant deswegen in allen Bezirken barrierefreie Kiezkantinen, die neben günstigen Mahlzeiten auch Gemeinschaftsraum bieten. Auch heute schon machen wir konkrete Angebote durch politische und gesellschaftliche Veranstaltungen oder unsere Arbeitsgemeinschaft „Die Linke hilft“, damit niemand allein bleiben muss. Melden Sie sich gern bei uns. Gemeinsam erreichen wir mehr als allein.

Dennis Egginger-Gonzalez

TitelbildTitelbild

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