Gazette Verbrauchermagazin

Kulturelles Gedächtnis versus Änderungsaktivismus

Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Charlottenburg-Wilmersdorf diskutiert

Erschienen in Gazette Charlottenburg und Wilmersdorf April 2021

Wie sinnvoll sind Straßenumbenennungen? In den folgenden Beiträgen nehmen die Fraktionen der BVV zu dem Thema Stellung.

SPD-Fraktion

Wer sich mit Straßennamen beschäftigt, stellt fest, dass Straßenumbenennungen Teil unserer Stadtgeschichte sind, zugleich unsere Geschichte widerspiegeln. Ca. 800 Namen für Straßen und Plätze gibt es heute im Bezirk. Etwa 400 Namen sind im Laufe der Zeit wieder verschwunden. Die Warburgzeile z.B. hieß zuvor Totengasse oder Ahéstraße (SS-Scharführer Kurt Ahé), bis sie 1947 ihren Namen erhielt. Gerade gesellschaftliche Umbrüche ziehen Umbenennungen nach sich. In Diktaturen Ausdruck der herrschenden Macht – sind sie in Demokratien ein Ausdruck des Bewusstseins oder Bewusstseinswandels der Gesellschaft. In den letzten Jahrzehnten wurden viele Namen aus dem Stadtbild entfernt, die von den Nationalsozialisten als Vorbilder installiert worden waren. Vor einigen Jahren begann – längst überfällig - die Auseinandersetzung mit der deutschen kolonialen Vergangenheit. Die Wissmannstraße im Grunewald, unweit vom Gleis 17, wurde 1898 nach Hermann von Wissmann benannt, weniger weil er Afrikaforscher war, als vielmehr aufgrund seiner ‚Verdienste‘ in Ost-Afrika – u.a. schlug er 1888-90 den Aufstand der ostafrikanischen Küstenbevölkerung brutal nieder. Grund genug, diese Straße nun umzubenennen und hier eine andere Person zu ehren.

Dr. Christiane Timper

CDU-Fraktion

Über diese Frage lässt sich trefflich und sehr differenziert streiten, vor allem, wenn man dazu die Anwohnerinnen und Anwohner hört. Das hat die CDU-Fraktion bezogen auf die von der Linksfraktion in der BVV forcierte Umbenennung der Wissmanstraße im Ortsteil Grunewald von Anfang an getan. Wir haben trotz vielfältiger Bemühungen Niemanden gefunden, der sich für dieses Thema wirklich interessiert hätte. Ganz im Gegenteil haben uns eine Vielzahl unserer Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner mit einem deutlichen Unterton gefragt, ob wir nichts Wichtigeres bzw. Besseres zu tun hätten. Und genau das ist das Problem. Es gibt Vieles, was im Bezirk angepackt werden müsste, damit sich die Zufriedenheit vieler Bürgerinnen und Bürger und ihr Wohlfühlfaktor in Charlottenburg-Wilmersdorf signifikant erhöhen. Eine Straßenumbenennung gehört offensichtlich nicht zu den Notwendigkeiten. Wir nehmen also den klaren Auftrag mit, andere Prioritäten zu setzen, von denen alle Einwohnerinnen und Einwohner wirklich betroffen sind, und die den Menschen Tag für Tag im wahrsten Sinne des Wortes unter den Nägeln brennen. Vom Thema abschweifend könnte man jetzt sehr Vieles aufzählen, aber das möchten wir der geneigten Leserin, dem geneigten Leser ersparen. Die Aufzählung würde den zur Verfügung stehenden Platz weit übersteigen. Solange die Pflichten innerhalb des Bezirks nicht einmal annähernd erfüllt sind, sollten wir uns um diese „Kür“ eher nachrangig kümmern.

Daniel Sternasky

B‘90/Grünen-Fraktion

Eine Welt Stadt Berlin! Damit wir unsere Vielfalt gerecht und in Würde leben, bedarf es dringend einer Aufarbeitung der Kolonialgeschichte. Die berechtigten Fragen nach der Kontinuität des Kolonialismus und der aktuellen Verantwortung für Ausbeutung und Unterdrückung werden zu oft ignoriert. Die Diskussion um Museen, Denkmäler oder Straßen spiegelt wider, wer wir sind und was wir denken. Die Politik hat dazu bisher wenig getan – vor allem zivilgesellschaftliche Initiativen haben sich für Gleichberechtigung und Respekt im öffentlichen Raum eingesetzt. Die Umbenennung der Wissmannstraße in Grunewald kann nur der Auftakt sein für die notwendige Dekolonisierung, auch in Charlottenburg-Wilmersdorf. Eine kritische Auseinandersetzung führen wir nicht, indem wir Kolonialisten ehren. Täter, die ganze Gesellschaften unterdrückt haben, verdienen keine Anerkennung. Die Benennung der Straße vor mehr als 120 Jahren war ein politischer Akt, der Unterwerfung rechtfertigen und den Glauben an eine „kulturelle Überlegenheit“ zum Ausdruck bringen sollte. Mit der Umbenennung ehren wir Opfer und Widerstandskämpfer*innen, die gegen Gewalt und Unterdrückung aufgestanden sind.

Jutta Boden

FDP-Fraktion

Die Identität eines Stadtviertels wird auch durch seine Straßennamen bestimmt. Sie vermitteln den direkten Anwohnern und der Stadtbevölkerung ein kulturelles Gedächtnis. Ein Beispiel liefert uns das Historikerviertel mit Mommsen, Droysen, Dahlmann und Anderen. Für Charlottenburg-Wilmersdorf typisch sind auch Straßennamen, die auf die Gebietsverluste des Deutschen Reiches (in Ostpreußen wie die Angerburger Allee) hinweisen, dazu gehören auch die ehemaligen Kolonien und somit auch einige Protagonisten der Kolonialpolitik. Besonders belastet sind Personen, die in Wort und Schrift antisemitisches und völkisches Gedankengut hinterlassen haben. Ihnen muss kein ehrendes Andenken bewahrt werden. Da kann es problematisch werden, wenn der Namenspatron eine schillernde, ambivalente Persönlichkeit (wie H. Wissmann) war. Doch kann man dieselbe Messlatte bei der Beurteilung von heute zu früher, zur Zeit der Namensgebung, anlegen? Denken wir an den preußischen Zeitabschnitt unserer Geschichte! Forschen, wissen und informieren sind die Basis für alle angestrebten Veränderungen. Eine Stele zur Information, zur kritischen Betrachtung nach heutiger Sichtweise, klärt mehr auf als ein neuer Name auf dem Straßenschild.

Stephanie Fest

AfD-Fraktion

Straßenbenennungen sind Bestandteil von Geschichts- und Erinnerungspolitik. Kaiserreich, Weimarer Republik, National- und DDR-Sozialismus markierten damit ihre jeweiligen politischen Wertgefüge. Auch heute ist das so. Das Links-Grüne Berliner Multikulti-Regime bildet keine Ausnahme. Im Bezirk geht es aktuell um die Umbenennung der Wissmannstraße in Grunewald. Hermann von Wissmann war im Kaiserreich ein Afrikaforscher und hoher Kolonialbeamter. Er leitete in Afrika militärische Aktionen gegen die Bevölkerung, wandte sich aber auch gegen die Sklaverei. Die AfD-Fraktion lehnt ideologisch begründete Straßenumbenennungen ab. Wissmann gilt aus heutiger Sicht als anrüchig. Aber wohl oder übel gehört auch die Kolonialzeit zu unserem kulturellen Gedächtnis. Deshalb befürworten wir eine kritisch-historische Aufarbeitung, die man z. B. mit Tafeln auf der Straße sichtbar machen kann. Auch am Beispiel Wissmannstraße zeigt sich wieder Rot-Grüner Rechtsbruch. Die Schilder der Straße wurden bereits von „Aktivisten“ verunstaltet. Das ist Selbstermächtigung nach dem Motto: Wir wenden Gewalt an, wenn es nicht nach unserem Willen geht. Die AfD-Fraktion verurteilt Willkür und Vandalismus, die sich auf eine vermeintlich höhere Moral berufen.

Michael Seyfert

Linksfraktion

Die sogenannte AfD bemüht in ihrer Fragestellung das kulturelle Gedächtnis, welches es gegen angeblichen „Änderungsaktivismus“ zu schützen gilt. Sie ignoriert, dass sich das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft verändert und verändern muss – sonst droht geistiger Stillstand. Alles verändert sich: Sprache genauso wie Einstellungen zu Rassismus und Kolonialismus. Wer 2021 die Ehrung von Kolonialverbrecher:innen und Rassist:innen auf Straßenschildern verteidigt, ignoriert bewusst den gesellschaftlichen Diskurs der vergangen 60 Jahre. Eine breite Mehrheit fordert den kritischen Umgang mit dem kolonialen Erbe Deutschlands. Bei der Umbenennung der Wissmannstraße, die unsere Fraktion in der BVV forderte, läuft nun der Beteiligungsprozess mit Initiativen und Anwohner:innen. Ziel ist das Ende der Ehrung eines Kolonialverbrechers im öffentlichen Raum, zugleich soll über die Geschichte Wissmanns und des Kolonialismus informiert werden. Diese Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit schafft Bewusstsein für begangenes Unrecht und blickt nach vorn. Mit anderen Worten: kulturelles Gedächtnis, ohne Rassismus und Verherrlichung der kolonialen Vergangenheit, im Sinne einer demokratischen, selbstbewussten Gesellschaft!

Frederike-Sophie Gronde-Brunner

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