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Die Askania-Werke AG und ihre wechselvolle Geschichte

Von den Bambergwerken zur Luxusuhren-Marke

In die Askania-Höfe in der Bundesallee 88 in Berlin-Friedenau sind Büros und Unternehmen eingezogen. Foto: Jacqueline Lorenz
In die Askania-Höfe in der Bundesallee 88 in Berlin-Friedenau sind Büros und Unternehmen eingezogen. Foto: Jacqueline Lorenz
Erschienen in Gazette Steglitz August 2020
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Der aufmerksame Beobachter entdeckt diesen Namen an verschiedenen Orten in Berlin: „Askania“ hat seine Spuren mit den Askania-Höfen in Friedenau, in der Linienstraße nahe den Hackeschen Höfen sowie in Mariendorf, Marienfelde und Lichtenrade hinterlassen. Einerseits ist dieser Name verbunden mit der Erinnerung an präzise feinmechanische und optische Entwicklungen, andererseits an eine wenig rühmliche Rüstungsproduktion mit ausgenutzten Zwangsarbeitern während des Zweiten Weltkriegs.

Für Berlin nachhaltige Fußabdrücke Richtung bewährter Askania-Qualität setzt jedoch seit fast drei Jahren in Charlottenburg am Kurfürstendamm 170 die Uhrenmanufaktur der Marke „Askania“.

Von Berlin-Mitte nach Friedenau

1871, vor beinahe 150 Jahren, gründete Carl Bamberg, Uhrmacher-Sohn und Schützling von Carl Zeiss, in der Berliner Linienstraße 185 in Mitte die Bambergwerke – Vorgänger der späteren Askania-Werke – als Manufaktur für hochwertige geodätische, nautische, erdmagnetische und astronomische Präzisionsgeräte. Kunden waren die Marine, Observatorien, Forschungsunternehmen und Expeditionen. In den Häfen von Hamburg und Cuxhaven gaben Zeitbälle und Schiffschronometer aus dem Hause Bamberg von nun an die exakte Uhrzeit an. Große internationale Messen von London bis Philadelphia und die Große Gewerbeausstellung 1879 in Berlin rühmten die „Bamberger“ Innovationen und die Verlässlichkeit dieser Messtechnik.

1888 verlegte der Unternehmer mit steigender Auftragslage die Firmenzentrale an die einstige Kaiserallee nach Friedenau in einen modernen Gewerbehof (heutige Askania-Höfe).

In der Bundesallee 86-88 erinnern die markanten Askania-Höfe als Kulturdenkmal an diese Werks-Epoche. Auf ihrer 17.200 Quadratmeter Gewerbefläche sind Einzelhändler und Büros untergebracht. Sie nutzen die soliden Werkstattgebäude aus den Jahren 1887/88, die ab 1915 dazugekommenen Mittelflügel, Vorderhaus und Quergebäude sowie die Garagen und Laborgebäude aus den 1930er-Jahren.

In Friedenau arbeiteten die Bambergwerke mit namhaften Unternehmen wie Schottwerke Jena, Siemens & Halske und der Kaiserlichen Marine zusammen.

Früh verstarb der Firmengründer, an seine Stelle der Werksleitung trat seine Witwe Emma Bamberg vor dem noch minderjährigen Sohn Paul Adolf, der – sobald volljährig – gemeinsam mit seinem Vetter Max Roux in die Leitung mit einstieg.

Um die Jahrhundertwende beschäftigten sich die „Carl Bamberg Werkstätten für Präzisions-Mechanik und Optik“ in Friedenau überwiegend mit der Entwicklung und Herstellung von Serien hochpräziser Koordinaten-Messgeräte, wie sie in den Bereichen Physik, Astronomie und Spektroskopie benötigt wurden. Größter Konkurrent war das Werk Carl Zeiss Jena.

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs belieferten die Bamberg-Werkstätten die Kaiserliche Marine u. a. mit Entfernungsmessern, Visiereinrichtungen, U-Boot-Kompassen und Druckmessern, aber auch mit Filmkameras und geophysikalischen Geräten. Um die 5 Millionen Jahresumsatz machten die Werke in dieser Zeit.

Von den Bambergwerken zur Askania-Werke AG

1919 gesellte sich zu den Carl Bamberg-Werkstätten das Potsdamer Feinmechanik-Unternehmen Otto Töpfer & Sohn, zwei Jahre später die Dessauer Central-Werkstatt für Gasgeräte GmbH dazu. 1921 entstand so die „Askania-Werke Aktiengesellschaft“ – Ihr Name leitet sich aus dem mittelalterlichen Adelsgeschlecht der Askanier ab, die einst Brandenburg und Sachsen besiedelt hatten.

Unaufhaltsam entwickelte sich die Askania-Werke AG mit ihren Berliner und Brandenburger Standorten zum herausragenden Unternehmen Deutschlands für Navigations- und Luftfahrtinstrumente, deutsche Niederlassungen und Standorte in Paris, Houston und Chicago kamen hinzu.

Nun fasste das Unternehmen auch im florierenden Filmgeschäft der 20er-Jahre Fuß, entwickelte unter dem Markennamen „Askania“ Filmprojektoren, Stereoskopie-Kameras und Filmkameras. Gerade rechtzeitig zu den Olympischen Sommerspielen 1936 entwickelten die Werke die weltweit erste tragbare Askania-Schulterkamera (auch im Zweiten Weltkrieg an der Front eingesetzt) sowie wettkampftaugliche Zeitmessgeräte und Aufzeichnungs-Kameras.

Auch in der Entwicklung von Bordinstrumenten, die später bei Langstreckenflügen und von der Lufthansa eingesetzt wurden, hatte Askania die Nase vorn.

Ein dunkles Kapitel

Mit dem Zweiten Weltkrieg profitierte, wie so viele, auch die Askania-Werke AG von der Rüstungsproduktion, indem sie sich u. a. auf die Entwicklung von Kreiselinstrumenten für Schlachtschiffe und Flugzeuge, auf Zieloptik für Flak-Geschütze und das Flugleitsystem des deutschen V1-Marschflugkörpers und der V2-Rakete spezialisierte, mit Max Roux als nationalsozialistischem Wehrwirtschaftsführer an der Firmenspitze.

In Zweigwerken in der Mariendorfer Ringstraße, späterer Sitz der Schindler Aufzüge AG, sowie in Marienfelde und Lichtenrade standen die Barackenlager für die Zwangsarbeiter der Askania-Werke, die dadurch einen Mitarbeiteranstieg auf 20.000 Beschäftigte im Jahr 1940 verzeichnen konnten. Die Zwangsarbeiter stammten aus Belgien, Frankreich, den Niederlanden, aus Polen und der Sowjetunion. Bei Bombenangriffen der letzten Kriegsjahre kamen viele Arbeiter um. Kinder von Zwangsarbeiterinnen verhungerten in den Baracken.

Teile der Produktionsanlagen wurden 1944 in unterirdische, von KZ-Häftlingen gebaute Schächte nach Helmstedt verlegt. Auch für die Rüstungsproduktion wurden diese Häftlinge dann eingesetzt.

In den Askania-Werken in Mariendorf und Weißensee konnte sich die Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation illegal gründen, welche die Zwangsarbeiter unterstützte und Produktions-Sabotage betrieb. Die Gruppe zählte zwischen 1933 -1945 ca. 50 Mitglieder. 1944 wurde die Widerstandszelle zerschlagen. An die sieben getöteten Arbeiter erinnert seit 2014 eine Gedenktafel in der Großbeerenstraße 2.

Nachkriegsjahre und Zerstreuung

Nach dem Krieg und dem Tod von Generaldirektor Roux wurden die Askania-Werke gesplittet. Das Teltower Zweigwerk wurde 1946 zur „Askania Feinmechanik und Optik GmbH Teltow“, die als Tochtergesellschaft der Friedenauer Askania-Werke AG Reparationsaufträge der Sowjetunion ausführte.

Am 29. Juli 1947 schloss Amerikanische Militärpolizei die Askania-Werke in Mariendorf und Friedenau und nahm die Betriebsleiter in Haft. Sie wurden vom Amerikanischen Militärgericht „wegen des Verdachts auf Herstellung von Kriegsgeräten für eine fremde Macht“ (gemeint war die Sowjetunion) zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Die Auflösung der Askania-Werke wurde verfügt, das gesamte Werks-Eigentum beschlagnahmt. Auf Verfügung des amerikanischen Oberst Howeley durfte schließlich in dem Werk in Friedenau unter Kontrolle amerikanischer Militärregierung mit 650 Mann doch weitergearbeitet werden, ebenso in dem in Mariendorf nur noch als Möbeltischlerei existierenden Werk.

Das Zweigwerk in Teltow wurde 1948 enteignet und fusionierte mit der Elektro Feinbau zum „VEB Mechanik Askania Teltow“.

In Friedenau wurden bis 1959 astronomische Instrumente produziert, dann verlagerte man das Werk mit seiner Produktion von Geräten für Observatorien nach Mariendorf.

Die Askania-Werke AG am Bodensee wurde nach Übernahme durch die Diehl Stiftung zu Diehl Defence für Gerätetechnik. Seit 2012 erinnert in Überlingen ein Askania-Besucherzentrum an frühere Produkte des Werkes: Gezeigt werden dort Armbanduhren, Schreibgeräte und Brillen.

In den 60er-Jahren gingen viele der Askania-Fertigungsstätten in anderen Firmen auf oder gerieten in Vergessenheit. Siemens übernahm 1971 den Großteil von Askania.

Ab 1946 wurde die Uhrenfabrikation in München als „Askania-Reglerwerk“ weitergeführt und 1955 von dem CSU-Mitbegründer Joseph Müller erworben. Als „AOA Apparatebau Gauting“ baute er das Werk zur Produktion von Cockpit-Kontrollgeräten und optische Bediengeräte auf.

Wie Phoenix aus der Asche

2004 gründete Leonhard R. Müller, Uhrenliebhaber und Uhrmacher mit einem Faible für mechanische Luxusuhren, die Askania AG als Uhrenmanufaktur in Berlin neu und erwarb die Namensrechte.

Nach zweijähriger Entwicklung innovativ designt, konnten seine ersten mechanischen Zeitmesser für den Arm die Produktionsstätte an den Hackeschen Höfen verlassen. Die Luxusuhren für SIE und IHN bestechen an Funktionalität, Qualität und zeitloser Eleganz.

Ende 2017 erfolgte der Standortwechsel der Zentrale ins noble Palais Holler am Kurfürstendamm 170. Das elegante Geschäftshaus setzt, an die Gründerzeit-Architektur angelehnt, hohe Maßstäbe. Maßstäbe, die Müllers Uhrenmanufaktur erfüllt ; mit edlen Zeitmessern, die Namen wie Tegel, Tempelhof oder Alexanderplatz tragen, in Sachen Präzision dem Namen „Askania“ mehr als gerecht werden und sein Andenken in jedem Uhrrädchen bewahren.

So schließt sich der Kreis: Bei den Hauptstadtuhren am Kurfürstendamm treffen mit Uhrenmuseum, Manufaktur und Showroom Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Traditionsmarke Askania zusammen, bilden ein bemerkenswertes Ganzes – und wichtiges Kapitel deutscher Geschichte.

Jacqueline Lorenz

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