Gazette Verbrauchermagazin

Wie reduziere ich meinen ökologischen Fußabdruck?

Mit ihrem Buch „Vier fürs Klima“ macht eine Zehlendorfer Familie Mut

Autor Günther Wessel und Energieberater Karl-Heinz Dubrow.
Autor Günther Wessel und Energieberater Karl-Heinz Dubrow.
Erschienen in Gazette Zehlendorf Januar 2020
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Neues Jahr – gute Vorsätze. Dabei leistet das im Jahr 2018 mit dem Umwelt-Medienpreis ausgezeichnete Buch der Familie Pinzler-Wessel gerade in Zeiten dramatischen Klimawandels wertvolle Unterstützung.

Über den nicht immer leichten Weg im Streben nach CO2-Neutralität im Familien-Alltag berichtete Autor und Journalist Günther Wessel kurzweilig und informativ vor rund 60 Mitgliedern des Aktionskreis Energie e. V. am 10. Dezember 2019 von seinen Erfahrungen. – Passenderweise genau an dem Tag, an dem Berlin als erstes Bundesland den Klimanotstand ausgerufen hat.

„Nachdem ich Vorträge zu diesem Thema von Sylt bis Zürich gehalten habe, bin ich nun damit endlich auch in Zehlendorf angekommen“, bemerkte Wessel, der mit seiner Familie seit 2007 im Bezirk lebt. Seine Familie, das sind Ehefrau Petra Pinzler, Redakteurin und Autorin, und ihre Kinder Franziska und Jakob. Als die Vier die Herausforderung annahmen, ein Jahr umweltbewusst zu leben, um damit ihren ökologischen Fußabdruck zu reduzieren, waren Tochter und Sohn 14 und 17 Jahre alt. „Unser Buch gibt mehr unseren Alltag als die Recherche zum Thema wieder“, erklärt Günther Wessel.

Aller Anfang ist schwer

Ausschlaggebend für das Familien-Experiment war Tochter Franziska, heute engagiertes Fridays for Future-Mitglied. Als sie im Rahmen des Ethik-Unterrichts ihren ökologischen Fußabdruck errechnen sollte, machte die ganze Familie mit. Das Ergebnis war ernüchternd: 42 Tonnen jährlicher CO2-Emission wurden der vierköpfigen Familie vorgerechnet, ein Ergebnis, das die zum Wohle des Weltklimas empfohlenen 2 Tonnen pro Person weit überschritt. Dass die Ökobilanz vieler von Franziskas Schulkameraden noch bedenklicher ausfiel, war da für Familie Pinzler-Wessel ein geringer Trost. Die Idee war geboren, ein Jahr lang dieser für alle Familienmitglieder ebenso schockierende wie peinliche Test-Aussage konsequent entgegenzuarbeiten.

Die Vier waren sich einig: „Wir versuchen es, ohne asketisch leben zu wollen“, mit Verzicht, Lebensumstellung, Umdenken und viel Liebe zur Umwelt. „Verzicht“, ein Wort, das Günther Wessel heute ungern benutzt, da dieses „Aussparen“ eingefahrener Lebensgewohnheiten und die damit verbundene Strukturänderung letztendlich dann doch so viel Gewinn an Lebensqualität und Bewusstseinserweiterung für ihn und seine Familie mit sich gebracht haben – und nicht zuletzt für Mutter Erde.

Ingenieurtechnischer Begleiter während des Versuchs war Karl-Heinz Dubrow, der auch am Vortragsabend an der Seite des Journalisten stand. Im Wohnhaus hatte er im Vorfeld energetische Schwachpunkte aus vielen kleinen Stromfressern, undichten Fenstern und dem umstritten-notwendigen zweiten Kühlschrank entdeckt. „Licht aus“ hieß es zukünftig – auch für die Kinder – beim Verlassen des Raumes, und Standby an Elektrogeräten wird seitdem konsequent ausgeschaltet. Der Kühlschrank ist auf 7 °C eingestellt, und LEDs erhellen Räume und Gewissen. Bei der Fernwärme-Heizung in ihrem denkmalgeschützten Wohnhaus bleiben der Familie dagegen kaum Verbesserungsmöglichkeiten. Doch die Fenster erhielten Dichtungen im Rahmen des Möglichen. („Jetzt braucht man auf der Couch vorm Fenster kein Nackenkissen mehr gegen den Zug.“) Und Dauerduscher Jakob lernte schnell, dass auch kürzeres Duschen sauber macht.

– Im Versuchsjahr gelang es der Familie so, den Stromverbrauch um rund 20 Prozent zu senken.

Zwischen Ratlosigkeit, schlechtem Gewissen und Seufzen

Fragen wie „Werden wir uns damit aus der Gesellschaft ausklinken? Was wird schwer, was leichter fallen?“ standen am Anfang des Familien-Versuchs. Subjektiv für sie wichtige Dinge wie der tägliche Apfelverzehr (immerhin 2.000 Stück pro Jahr) wurden von den vier Klimaakteuren in die ökologische Waagschale gelegt. Ein befreundete Agrarwissenschaftlerin leistete Schützenhilfe und gab zu bedenken: Nicht die Frage nach dem „Woher“ oder der Apfelsorte müssten an erster Stelle stehen, sondern vielmehr die nach dem Einkaufsverhalten: Wie und womit fahren wir Einkaufen? Also wurde ein Fahrradanhänger gekauft, überflüssige Konsumgüter wurden streng überdacht. Muss die neue Jacke wirklich sein? Und wohin mit der alten, die durchaus noch tragbar ist?

Die sündhaft teure Regen-Fahrradhose für Vater Günther macht sich bis heute bezahlt: „Wenn es morgens nach Regen aussieht, neigt man ja dazu, lieber das Auto zu nehmen.“ Doch da die Fahrradhose sich schließlich amortisieren musste, fuhr Günther nun bei fast jedem Wetter mit dem Rad von Zehlendorf in sein Büro nach Berlin-Mitte. Er verrät: „Und es regnete viel seltener, als befürchtet.“

Inzwischen ist das Familienauto, das bald nur noch als Notbehelf diente, ganz abgeschafft und das tägliche Radfahren liebgewordene und gesunde Routine.

Rind wiegt schwer…

– auch bei der Ökobilanz. Nicht nur das Methan-Rülpsen der Rinder gefährdet das Weltklima. Die Viehzucht überhaupt gilt als eine der größten Methangas-Quellen.

Etwa 160 Gramm Fleisch isst jeder Deutsche täglich. Um den weltweiten Fleisch-Hunger stillen zu können, ist immer mehr Viehzucht notwendig, die ein Drittel des vorhandenen Süßwassers benötigt. Etwa 91 Prozent aller Rodungen am Amazonas erfolgen, um neue Flächen für die Tierzucht zu schaffen. Doch nicht das Vieh, sondern vielmehr unser Umgang damit sei schuld, dass es zum Klimakiller werde, macht Günther Wessel klar. So plädiert er: „Zurück zum Sonntagsbraten“, – und ruft damit zum richtigen Umgang mit Fleisch an sich auf. In seiner Familie viel-diskutiertes Thema: So war Sohn Jakob bereits vor dem Familien-Experiment bekennender Vegetarier, währenddessen ist es auch Franziska geworden, und der Rest der Familie hat den Fleischverzehr sehr stark eingeschränkt. Sprach Jakob früher beim Anblick fleischessender Familienmitgliedern noch von „Aasfressern“, haben die sich in seinen Augen zum „Klimasünder“ weiterentwickelt. Und auch das drohende Zerwürfnis mit den fondueessenden Großeltern konnte vermieden werden.

Klugscheißer oder Besserwisser?

Die Frage musste sich die Familie selbst einige Male stellen. Berichtete sie stolz und begeistert Freunden von ihrem neuen umweltbewussten Leben, ging sie denen damit schon bald auf die Nerven.

Die Reaktion der Freunde kann Günther Wessel heute gut nachvollziehen. Er habe daraufhin anstatt belehrend zu wirken, das Gespräch vielmehr über Geschichten auf Umweltthemen gebracht und damit Verständnis und Nachdenken beim Gegenüber anstelle von Abwehr erreicht: „Denn Brücken gebaut zu bekommen, ist besser als in die Enge getrieben zu werden.“ Der Mensch an sich ignoriere sein Fehlverhalten gern und „ducke sich weg“, indem er die Schuld bei anderen (Politik, anderen Ländern, Erdteilen) suche. „Verhalten und Wissen passen da nicht zueinander“, weiß Wessel, der auch zugibt, dass ein Umdenken und Ändern eingefahrener Gewohnheiten viel Zeit benötigt. Wichtigste Verhaltensänderung bei dem Autor: „Auf das Fliegen verzichten und verstärkt die Bahn nutzen.“ Doch er gibt auch zu bedenken, dass dies für seine Frau und ihn, der Reisereportagen und Reiseführer verfasst hat, und der viel in der Welt unterwegs war und gesehen hat, leichter zu verwinden sei als für seine Kinder, die es noch in die Welt hinausziehe.

Lag die Ökobilanz der Familie vor dem Experiment noch bei 42 Tonnen CO2-Emission, sank sie innerhalb des Versuchsjahres durch die Verhaltens- und Strukturänderung in den Bereichen Stromverbrauch, Mobilität, Ernährung und Konsum auf 29 Tonnen und damit auf 7 Tonnen pro Person. – Als Ergebnis eines gelungenen und nachahmenswerten Einsatzes von vier klimabewussten Menschen, die sich mit den Vortragsabend-Anwesenden aber einig sind, dass ohne schnelles und konsequentes Handeln der Politiker das Weltklima wohl kaum gerettet werden kann.

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Und so stellt Günther Wessel zum Ende seines Vortrages das ermutigende Zitat Samuel Becketts in den Raum, das auch das Motto seiner Familie sein dürfte:

„Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“

Jacqueline Lorenz

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