Gazette Verbrauchermagazin

Gut beschirmt durch jede Jahreszeit

Einer der Letzten seiner Zunft mit Schirm-Fachgeschäft in Steglitz

Welcher Schirm darf´s sein?
Welcher Schirm darf´s sein?
Erschienen in Gazette Steglitz Dezember 2019
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Als Fachgeschäft für den „Regenschutz mit Sti(e)I“ blickte „Schirm Schirmer“ in Steglitz auf eine langjährige Tradition zurück, die 1908 begann und seit 1927 in der Kieler Straße 6 geschrieben wurde. Doch der heutige Ladenbesitzer Rolf Lippke hat eine Unternehmensgeschichte seiner Familie vorzuweisen, die sogar 137 Jahre umfasst. Als gelernter Schirmmacher ist er einer der Letzten seiner Zunft, denn seit 1998 ist dieses Handwerk als Ausbildungsberuf gestrichen, wenige Kollegen hat er u. a. noch in Cottbus und Weimar. Wer einmal sein Nachfolger werden wird, weiß der 56-jährige Rolf Lippke noch nicht. In seinem Fachgeschäft, das den Namen und die Erinnerung an „Schirm Schirmer“ in Lettern an der Schaufensterscheibe bewahrt, ist „Der Schirmmacher Rolf Lippke“ seit fast drei Jahren fachkundiger Ansprechpartner, wenn es um die Reparatur oder Anschaffung eines Regen- oder Sonnenschirms geht. Dabei haben Beratung und Kundengespräch einen hohen Stellenwert, was viel zu selten geworden ist.

Minderwertige Schirme aus Massenproduktion und Billigware sucht man bei Rolf Lippke vergebens. Seine Schirme sind keine Wegwerfprodukte, sondern oft lebenslange Begleiter, die u. a. aus Frankreich, Italien oder eigener Herstellung kommen.

Lippke kauft bevorzugt Schirme ein, zu denen es auch Ersatzteile gibt.

Und wenn es dann doch einmal in ihren Gelenken knacken oder ihre Regenhaut rissig werden sollte, ist es Schirmdoktor Lippke, der ihnen mit passendem Ersatzteil, Nadel, Faden und wenn´s sein muss auch mit der Schirmstock-Feder-Einschneidmaschine zu frischer Spannung und dichtem Stoff verhilft.

Schirmmacher mit Familientradition

Lippkes Familie begann 1882 mit der Schirmreparatur in Nordböhmen, nahe der sächsischen Grenze. Bald lieferte die daraus hervorgegangene Schirmfabrik hochwertige Schirme bis nach Afrika. Nach der Ausweisung aus Böhmen fasste das Unternehmen 1947 in Ebersbach Fuß und lieferte Schirme an den VEB Dresden. Rolf Lippke erzählt: „Nach dem Krieg gab es keine Stoffe. Also nähte meine Mutter Christina einfallsreich Wachstuch in Kreisform zum Schirm, wobei der Stoff nur von den festen Rändern am Schirm gehalten wurde. 1988 übernahm sie die Firmenleitung. Ein Stockschirm kostete in der DDR rund 80 DDR-Mark, doch die Reparaturpreise waren günstig, man pflegte seinen Regenschutz, damit er möglichst lange hielt.“

Nach Mauerfall übernahm 1992 Rolf Lippke, der in Dresden das Schirmmacherhandwerk erlernt hatte, den Betrieb und eröffnete in Ebersbach ein Schirmfachgeschäft, das außerdem erzgebirgische Schnitzkunst und Lederwaren anbot. Hierhin zieht es ihn noch immer jedes Wochenende, in seine Werkstatt, wo auch seine 87-jährige Mutter mit ungebrochener Energie noch den ein- oder anderen Schirmbezug näht.

1998 übernahm Lippke zusätzlich seinen ehemaligen Ausbildungsbetrieb in Dresden und führte das Geschäft bis 2013.

In Berlin war der Schirmmacher mit seinem Laden zuerst im Wedding anzutreffen, zog 2017 aber in das frei werdende Geschäft von Schirm Schirmer an der Kieler Straße. Voller Hochachtung zu den einstigen Geschäftsgründern bewahrt er ihren alten Mietvertrag aus dem Jahr 1927 noch immer auf.

Paradies der Schirme und mehr

Dass die Seitenstraßen der Schloßstraße manch reizvolles Einzelhandels-Kleinod bereithalten, weiß inzwischen jedes Kind. Unweigerlich dazu gehört „Der Schirmmacher Rolf Lippke“ in den ehemaligen Räumen von Schirm Schirmer. Dienstag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr und Samstag von 10 bis 14 Uhr ist der Laden für Kunden geöffnet. Montag ist geschlossen, um in der Werkstatt konzentriert arbeiten zu können.

Der kleine Laden mit viel 50er-Jahre-Charme ist das vorübergehende Zuhause für rund 700 Schirme, die auf einen Besitzer warten. Damen- und Herren-, Stock- und Taschen-, Lang- und Stützschirme füllen die Regale oder präsentieren sich im Schaufenster aufgespannt in ganzer Schönheit.

Da ist der zart-berüschte Hochzeitsschirm, daneben ein derber Oktoberfest-Schirm, da sind die mit extra UV-undurchlässigem Stoff bezogenen Sonnenschirme und die mit Hunde- oder Entenkopf-Knauf verzierten Stockschirme, Umhängeschirme für Wanderer und Taschenschirme in unterschiedlichster Ausführung, sogar mit automatischem Mechanismus zum Öffnen und Schließen. Es gibt faltbare Taschenknirpse von etwa 33 cm Länge für Herren. Für Damen aber können sie gar nicht zierlich genug sein, um zusammengeklappt auch in die kleinste Tasche zu passen. In der Regel sind sie um die 27 cm lang, doch Rolf Lippke erklärt schmunzelnd: „Kundinnen rate ich: Kaufen Sie doch erst den Taschenschirm und dann die passende Tasche dazu. Früher musste der ideale Schirm schwer und stabil sein, heute ist leicht und klein angesagt.“

Wurde einst schwerer, jedoch stabiler Federstahl verwendet, der bei Nässe leicht rostete, ist es heute Fiberglas, das weitaus elastischer und leichter ist, der Nässe dabei aber einiges verzeiht.

Derzeit wieder in Mode sind die transparenten, mit Folie bespannten Glockenschirme, die es bereits in den 70er-Jahren reichlich gab, und die dank ihrer Rundumsicht den Träger vor Zusammenstößen bewahren.

Die Schirme der Extraklasse von Schirmmanufakturen, mit Pariser Pfiff und Chichi, passendem Täschchen und ausgesuchten Stoffen finden ihre Kunden, die sich den Blick für das Besondere bewahrt haben. In etwa zwischen 29 und 300 Euro liegen die Preise der ausgestellten Schirme.

Für Sonderanfertigungen liegt eine Vielzahl an Stoffmustern in Rolf Lippkes Werkstatt hinter dem Laden bereit, und Schirmstöcke gibt es in jeder Ausführung und Belastbarkeit. Und auch der Luxus-Flanierstock mit Rundhaken oder der belastbare Stützstock mit seinem nach dem Alten Fritz benannten „Fritz-Griff“ hat zahlreiche Vertreter im Geschäft, kann angefertigt, umgearbeitet oder gekürzt werden.

„Ein guter Schirm hält ein Leben lang“

Davon ist der Schirmmacher überzeugt und setzt sich mit seinem ganzen handwerklichen Können dafür ein. Da ist der exzellente Taschenschirm, bei dem die Feder gebrochen war. Strahlend nimmt der ältere Herr seinen reparierten Wegbegleiter entgegen, der nun wieder für etliche Herbstregen-Spaziergänge ertüchtigt ist. Bei einem in elegantem Paisley-Muster gehaltenen Stockschirm fehlt lediglich die Messingkappe. Nach gezieltem Suchen in einer der Schublädchen-Schränkchen der Werkstatt wird Schirmmacher und -doktor Lippke fündig, und wenig später verlässt eine strahlende Kundin, elegant ihren Lieblingsschirm schwingend den Laden.

Etwas Geduld bei den Kunden für Sonderanfertigungen und Reparaturen ist besonders jetzt im Herbst und vor Weihnachten angesagt, denn Lippkes Auftragsbücher haben kaum noch freie Zeilen.

Auch im Frühjahr ist es immer dasselbe: „Mit dem ersten Sonnenstrahl holen die Garten- und Balkonbesitzer die defekten Sonnenschirme aus dem Keller und möchten sie möglichst am nächsten Tag repariert zurück“, erzählt Lippke und bittet auch da um etwas mehr Vorausschau und Geduld.

Abschließend erzählt er noch eine Anekdote, über die nicht nur er immer wieder schmunzeln muss: So erschien ein Kunde mit einem schon recht gebrechlichen Stockschirm, an dem eine Strebe repariert werden sollte. Als der Schirmmacher ihn darauf hinwies, dass der Schirmstoff außerdem ein Loch habe, das geflickt werden müsse, antwortete der Kunde in echtem Berliner Dialekt: „Det is nich nötich, ick nehm´ ihm nur bei Rejen.“

Jacqueline Lorenz

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