02.11.2026: Eine noble Adresse: In der Richard-Strauss-Straße im Grunewald reihen sich hochherrschaftliche Häuser aneinander. Auf den ersten Blick ist das kein Ort für Hilfsbedürftige. Doch hinter den Mauern der Villa mit der Hausnummer 22 wurde vor 50 Jahren sozialpolitische Geschichte geschrieben: Am 1. November 1976 eröffnete dort das erste Frauenhaus West-Berlins. Eine Gedenktafel vor Ort erinnert an die bewegte Geschichte des Hauses und an die Frauen, die dort Schutz vor häuslicher Gewalt suchten.

Die Nachfrage nach einem sicheren Zufluchtsort war von Beginn an enorm. Noch vor der offiziellen Eröffnung standen die ersten Bewohnerinnen mit ihren Kindern vor der Tür. Entgegen damaligen Vorurteilen in der Nachbarschaft betraf die Gewalt keineswegs nur sogenannte schwierige Milieus: Zu den ersten Schutzsuchenden zählte unter anderem die Ehefrau eines hochrangigen Richters. Das Haus war ursprünglich für etwa 70 Personen konzipiert, doch die Realität sah schnell anders aus – die Einrichtung war fast durchgehend überbelegt.

Für Männer galt ein striktes Zutrittsverbot, die Adresse sollte eigentlich geheim bleiben. Dennoch gelang es einigen Ehemännern, den Aufenthaltsort ihrer geflüchteten Partnerinnen herauszufinden und sie vor Ort zu bedrohen. Wie gefährlich die Lage mitunter war, zeigte ein Vorfall, bei dem sich ein Mann mit einer Axt gewaltsam Zugang zum Gebäude verschaffte. Bewohnerinnen stellten sich dem Angreifer mutig in den Weg und schützten dessen Frau, bis die herbeigerufene Polizei den Eindringling festnehmen konnte.

Neben dem Schutz vor akuter Bedrohung lag der Schwerpunkt der Einrichtung auf der Hilfe zur Selbsthilfe. Das Team unterstützte die Bewohnerinnen dabei, wieder auf eigenen Beinen zu stehen und ein selbstbestimmtes Leben ohne Gewalt aufzubauen.

Das Projekt in der Richard-Strauss-Straße entwickelte sich rasch zum Vorbild weit über den Bezirk hinaus. Bereits 1979 folgte ein zweites Frauenhaus in der Stadt. Das Pionierhaus in Wilmersdorf blieb bis zum Dezember 2000 in Betrieb. Mittlerweile gibt es in Berlin mehrere Frauenhäuser sowie zahlreiche Zufluchtswohnungen – ein Hilfsnetzwerk, dessen Grundstein in den 1970er-Jahren hier in Grunewald gelegt wurde.